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Bonn. Vom Wunderkind zum Superstar der Klassik-Szene: Der russische Pianist Evgeny Kissin, mittlerweile 35-Jährige hat diesen Schritt ohne Krisen bewältigt. Mit dem Musiker sprach Dagmar Zurek.
General-Anzeiger: Wo ist eigentlich Ihr zu Hause?
Evgeny Kissin: Ich lebe meistens in London, teilweise auch in New York.
GA: Sie bezeichnen sich selbst als einen romantischen Künstler. Ist für Sie dann das Leben in einer modernen Großstadt wie New York nicht schrecklich?
Kissin: Nein, absolut nicht. Warum sollte es für mich schrecklich sein? Ich fand New York niemals kalt! Die weniger schönen Seiten des American lifestyle ignoriere ich einfach! Sagen Sie, was wollen Sie eigentlich von mir wissen? Wie mein Leben so ist?
GA: Ja. Zum Beispiel: hat es Sie irgendwann gestört, als ein Wunderkind bezeichnet zu werden?
Kissin: Eigentlich war ich nie besonders daran interessiert, was die Leute über mich geredet haben.
GA: Dieser Geniebegriff, der ständig mit Ihrem Namen verbunden wird, nervt er Sie oder empfinden Sie das als Kompliment?
Kissin: Genie bedeutet für mich nur die höchste Stufe von Talent - aber es kommt immer darauf an, wer diesen Begriff mir gegenüber verwendet. Dass ausgerechnet Karajan mich als junges Genie bezeichnete, war natürlich eine große Auszeichnung für mich. Wenn so etwas von Leuten kommt, die sich aber keine Gedanken darüber machen, was sie da sagen, bedeutet es nichts.
GA: Erinnern Sie sich noch an die Zusammenarbeit mit ihm? Legendär wurde Ihrer beider Interpretation des b-Moll-Klavierkonzerts von Tschaikowsky am Ende der Achtziger Jahre.
Kissin: Ja, Karajan mochte einfach nicht, wie man dieses Konzert bisher aufgeführt hatte - zu schnell, zu hastig, meinte er - und so kam es zu diesen extrem langsamen Tempi. Ich denke, seine Auffassung hing wohl von seinem damaligen Alter ab. Er war schon über 80 und suchte wohl das andere Extrem. Aber mit keinem anderen Dirigenten konnte ich etwas derartig Neuartiges schaffen.
Dieser Tschaikowsky war schon ungewöhnlich, gewöhnungsbedürftig, aber dennoch sehr aufregend. Denn Karajan war auch zu diesem Zeitpunkt noch fähig, diese Musik mit jeder Faser seiner Persönlichkeit zu füllen. So eine ungewöhnliche Zusammenarbeit habe ich später dann unter anderem auch mit Claudio Abbado oder Zubin Mehta, der ein ganz toller Begleiter ist, erlebt.
GA: Ist es nicht ungeheuer gefährlich, in so jungen Jahren so schnell Erfolg zu haben?
Kissin: Kann schon sein. Für mich aber bestand nie die Gefahr abzuheben. Meine Eltern waren sehr klug. Sie passten auf, dass ich immer auf dem Teppich blieb. Sie haben nie aufgehört, kritisch mir gegenüber zu sein und haben mich andererseits vor jedem Druck bewahrt. Man hat mich nie zu etwas gepusht. Als Kind durfte ich pro Jahr auch nur zehn Konzerte gegeben. So blieb jedes Konzert ein Erlebnis für mich.
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