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Kirche

Überstandene Grippe

Von K. Rüdiger Durth

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) glich in den zurückliegenden Jahren einem Menschen, der unter einer schweren Grippe leidet. Sinkende Kirchensteuereinnahmen sorgten für heftiges Fieber, die unvermindert hohen Austrittszahlen für schwere Gliederschmerzen. Man nörgelte an allem herum. Die Predigten waren lustlos, der Pfarrer kümmerte sich zu wenig um die Gemeinde, der Kindergarten bot nicht genug Vorschulbildung. Selbst die Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche geriet in eine Krise. Wirksame Medikamente schien es nicht zu geben.

Doch die schwere Grippe ist überstanden. So jedenfalls präsentierten sich die 300 Delegierten aus den 23 Mitgliedskirchen der EKD, die sich am Wochenende in der Lutherstadt Wittenberg zu einem Zukunftskongress unter dem Thema "Kirche der Freiheit im 21. Jahrhundert" trafen. Der Schwund an Mitgliedern und Kirchensteuern war zwar nicht nebensächlich, spielte jedoch keine zentrale Rolle mehr.

Auch von der Ermattung, die mit einer schweren Grippe einhergeht, war nichts zu spüren. Auch nicht bei den Studenten, die voller Lebensfreude und unverkrampft mit all den ebenfalls zum größten Teil wieder genesenen kirchlichen Würdenträgern über die Aufgaben und Ziele der nächsten Jahre diskutierten.

Wie weggeblasen waren die schlechten Launen und grippalen Schmerzen der letzten Zeit. Freilich zeigte sich auch, dass die in zahlreichen Landeskirchen eingenommenen Medikamente wie strukturelle Veränderungen, Konzentration von Einrichtungen, Reduzierung des Personals und Reduzierung der Ausgaben ihre Wirkungen nicht ganz verfehlt haben.

Nach der überstandenen Grippe hat die Evangelische Kirche in Deutschland plötzlich wieder Lust zum Leben und fragt wieder konzentriert nach dem, was das Evangelischsein im 21. Jahrhundert ausmacht, so der Titel des Einführungsvortrages des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber. Auch wenn Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, wie Huber einst Universitätsprofessor, anschließend freimütig bekannte, er habe trotz aufmerksamen Zuhörens nicht alles verstanden. Schließlich ist es ja auch nicht ganz leicht, das Evangelischsein in der säkularen Gesellschaft zu verstehen.

Aber dieser Zukunftskongress hat verstanden, dass es darum gehen muss, will die Kirche eine Zukunft haben. Wie die Kirche wieder wachsen kann, war spannender als die Frage nach den Kirchenaustritten. Und die Frage, wie Kirche in einer globalisierten Welt für die Menschen Heimat bleiben oder wieder werden kann, war spannender als eine neue politische Stellungnahme, die ohnehin nicht auf der Tagesordnung stand.

In Wittenberg war die Evangelische Kirche in Deutschland drei Tage lang ganz bei sich selbst und der Frage, wie der christliche Glaube in der säkularen Gesellschaft wieder für die Menschen bedeutsam werden kann, die nach einem festen Halt für ihren Alltag und einen Sinn für ihr Leben fragen.

Die Evangelische Kirche, die neu zu sich selbst findet, wird auch bis 2017, dem 500. Jahrestag der Reformation, überzeugende inhaltliche und strukturelle Antworten finden. Denn die "Kirche der Freiheit", die Martin Luthers Wort von der "Freiheit eines Christenmenschen" aufnimmt, hat Zukunft. Und das Land braucht mutige und zukunftsorientierte Kirchen. Das sagte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble vor den Teilnehmern des Zukunftskongresses. Bleibt zu hoffen, dass die Evangelische Kirche nach der überstandenen Grippe keinen Rückfall erleidet.

Artikel vom 29.01.2007
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