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Von Dietmar Kanthak
Köln. Während seines Konzerts im Juli 2008 in London erzählte Leonard Cohen eine kleine Geschichte. Sein alter Lehrer sei jetzt 102. Als er 97 war, hätten sie miteinander angestoßen, und der greise Mann hätte um Nachsicht dafür gebeten, dass er noch am Leben sei: "Excuse me for not dying."
Cohen fügte hinzu: "Genauso fühle ich mich eigentlich auch." In der Kölner Lanxess-Arena verzichtete Cohen, der am 21. September 75 wird, auf die Anekdote. Mit gutem Grund. Je länger seine Welttournee dauert, desto jünger wird der Mann.
Schon der Gang auf die Bühne war ein Triumph. Cohen und seine Musiker wurden allein für ihre pure Präsenz bejubelt; das muss Liebe sein. Der Sänger mit dem majestätisch brummelnden Bariton strahlte Sicherheit, Kraft und Lockerheit zugleich aus.
Früher hatte seine Plattenfirma angesichts der "pathologischen Töne" (Cohen) in seinen Songs mit der Frage geworben: "Hatten Sie je das Gefühl, Sie müssten Schluss machen mit dem Leben?" Heute verwandeln sich Schwermut, Melancholie und monotone Magie der Lieder in Schönheit, große Emotion und Lebensfreude.
Es war ein Glück, Cohen und seiner Wunder-Truppe dabei zuzusehen, wie sie ihre Arbeit genießen, neue Wege gehen, Stücke weiterentwickeln und reifen lassen: Eine Welttournee als "work in progress", als permanentes Projekt. Immer wieder verneigte sich der Chef tief vor seinen Kollegen.
Im Zentrum stand der Sänger, der im vergangenen November in der Arena in Oberhausen noch zart und zerbrechlich wirkte. Acht Monate später stürzte er sich gleichsam auf seine Songs, die Stimme kraftvoll und zupackend.
Wenn seine Sängerinnen Sharon Robinson, Charley und Hattie Webb ihn dann mit himmlisch sinnlichen Harmonien begleiteten, war das Glück für die 7 500 Zuhörer vollkommen: Heilige Momente in der Mehrzweckhalle. Und natürlich schlugen die Webb-Schwestern wieder ein Rad.
Beim Oberhausener Konzert hatten viele Fans Klassiker wie "Chelsea Hotel" und "Waiting For The Miracle" vermisst. Er sang sie beide in Köln. Und zwar so betörend intensiv, dass keiner aus der Cohen-Gemeinde diesen gut dreistündigen Liederabend jemals vergessen wird.
Weniger als sonst wandte sich Cohen direkt ans Publikum, das hätte wahrscheinlich die Konzentration gestört. Aber er erzählte, dass er am Tag im Kölner Dom eine Kerze angezündet hatte: "Wofür, weiß ich nicht."
Es werde schon einen Sinn gehabt haben. Mit 74 bewegte Cohen sich mit der Eleganz eines stilbewussten Eintänzers. Der dunkle Anzug saß perfekt, der Hut auch. Doch das waren Äußerlichkeiten. Die Musik war das Zaubermittel dieses Konzerts.
Charley und Hattie Webb sangen, begleitet von Neil Larsen an der Hammond-B3-Orgel, "If It Be Your Will". Das empfingen viele wie ein wertvolles Geschenk, ein kostbares Privileg: Dass wir das erleben durften.
Es war noch nicht das Ende. "I Tried To Leave You" inszenierten Cohen, seine Sängerinnen, Neil Larsen sowie Roscoe Beck (Bass), Rafael Bernardo Gayol (Schlagzeug), Javier Mas (Gitarre), Dino Soldo (Saxofon, Mundharmonika) und Bob Metzger (Gitarre) als Schaulaufen der Meister.
Dann verabschiedeten sie sich mit "Whither Thou Goest". Und mit Cohens Wunsch, jeder seiner Zuhörer möge von Freunden und Familie umgeben sei. Allen anderen wünschte er Glück in ihrer Einsamkeit.