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Von Bernhard Hartmann
Bonn. "Der Traum ist aus", heißt es zwar gegen Ende von Karol Szymanowski Oper "König Roger", doch die Musik legt da in strahlendem C-Dur energischen Widerspruch ein. In der Bonner Inszenierung dieses selten aufgeführten Meisterwerks wird weitergeträumt:
Der Klerus redet König Roger (Mark Morouse in rotem Rock) eindringlich ins Gewissen. Foto: Thilo Beu
Der König schenkt sein Herz einem hübschen Jüngling im Tennisdress (Felix Stadler), der unschwer als Wiedergänger des Tadzio aus Thomas Manns "Tod in Venedig" zu identifizieren ist.
Überhaupt spielt Regisseur Hans Hollmann auf der Bühne und mit Hilfe von Videoprojektionen mit unterschiedlichen Traumebenen. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Entstehungszeit dieser 1926 in Warschau uraufgeführten Oper auch das Zeitalter der Psychoanalyse war. Edrisi, der engste Berater des Königs, sieht nicht nur aus wie Sigmund Freud, er tritt in dieser Inszenierung auch tatsächlich als Therapeut Rogers in Erscheinung.
Roger, der Herrscher des byzantinischen Siziliens, macht von Beginn an einen depressiven Eindruck. Er leidet unter der Bürde seines Amts, nicht wegen der politischen Verantwortung, sondern weil es mit der Verleugnung seines eigentlichen Ichs einhergeht. Die geistlichen Gesänge, die zu Beginn der Oper erklingen, drücken ihn wie eine schwere Last nieder. Sie warnen vor den hedonistischen Predigten eines geheimnisvollen Hirten, der das Volk in die Anarchie zu stürzen drohe. Doch Roger wird, ebenso wie seine Frau Roxane, der Faszination des Fremden erliegen.
Für Hollmann ist der Hirt im Freudschen Sinne das "Es" des Königs, verkörpert die in seinem Falle unerfüllten homoerotischen Sehnsüchte. Wenn der Hirt erstmals vor der Menge auftritt, erkennt Roger in ihm sein Alter Ego; die zwei Männer gleichen sich in ihren Gehröcken aus schwerem, rotem Samt (Kostüme: Gera Graf) wie Zwillinge, unterscheiden sich lediglich durch ihre Insignien: Während Roger Krone und Schwert mit sich führt, hält der Hirte eine rote Rose in der Hand.
Hollmann wählt für seinen psychoanalytischen Zugriff eine eher kühle, aber dennoch sehr intensive Inszenierungssprache. Hans Hoffer hat ihm, ausgehend vom Schlussakt, ein stilisiertes, graues Amphitheater als Einheitsbühnenbild entworfen, das Hollmann intelligent und mit traumwandlerischer Sicherheit zu bespielen versteht.
Seine Personenführung ist präzise, überlässt nichts dem Zufall. Das merkt man zuallererst dem subtilen Spiel von Mark Morouse an, der als König Roger permanente Präsenz auf der Bühne zeigen muss. Auch musikalisch durchdringt der Bariton die vielen Facetten seiner anspruchsvollen, in polnischer Sprache gesungenen Partie mit bemerkenswerter Souveränität.
Bei aller Detailarbeit ist Regisseur Hollmann klug genug, ein paar wirkungsvolle Theatereffekte zu platzieren. Zur orgiastischen Musik am Ende des zweiten Aktes etwa tritt das Volk in den wunderbarsten Kostümen in Erscheinung, die der Fundus zu bieten hat.
Äußerst wirkungsvoll auch der finale Auftritt des Hirten in der Gestalt des Dionysos: Während die Musik in einem riesigen Crescendo ihrem Höhepunkt entgegensteuert, schwebt er, von einem Seilzug gehalten, in überlangem Rock langsam vom Schnürboden herab, um ein letztes Mal die Menschen zu verführen, ihm zu folgen.
Szymanowski bietet hier alles an sinnlichem Zauber auf, was in seiner Zeit möglich war. Aus dem Orchestergraben rauscht eine Klangwoge, die sich aus diversen Quellen speist: Strauss, Schreker, Zemlinsky, Ravel. Und doch besitzt diese Musik Eigenarten genug, die sie unverwechselbar machen. Bonns Generalmusikdirektor Stefan Blunier, der eine große Vorliebe für die Musik jener Zeit hegt, bringt mit dem Beethoven Orchester die opulenten Farben ganz wunderbar zur Entfaltung.
Die anderen Solisten können neben dem omnipräsenten Morouse durchaus bestehen. Asta Zubaites leuchtender Sopran adelt die Figur der Roxane, Mark Rosenthal gibt Edrisi mit seinem hohen Spieltenor einen immer auf der Kippe zum Zynismus stehenden Unterton. George Oniani verleiht dem Hirten darstellerisch wie musikalisch Charisma.
In den kleineren Partien glänzten Ramaz Chikviladze (Erzbischof), Anja I. Bartz (Diakonissin), Sonja van Voorst, Aram Mikayelyan, Vahan Markarian, Johannes Flügl, Josef Michael Linnek (der auch die deutsche Übersetzung für die Übertitel verfasste) und Guido Scheer.
Eine besondere Farbe erhält die Oper freilich auch durch die Chorgesänge und -Vokalisen. Sibylle Wagner und Ekaterina Klewitz hatten Opernchor und Kinderchor auf diese Aufgabe perfekt vorbereitet.
Die nächsten Termine: 16. und 23. Mai, 5., 14., 21. und 24. Juni.
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