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Colettes halbseidene Kabarettbühne

Das Bonner Frauenmuseum beschäftigt sich mit dem Thema "Sexhandel - Mythen, Alltag, Gewalt" - 44 Künstlerinnen hat Museumschefin Marianne Pitzen zu einer nachdenklich machenden Schau eingeladen

Von Christina zu Mecklenburg

Bonn. Im Atelierhaus lässt Alexandra Kürtz per Zeitschaltuhr nachts eine rote Laterne aufglimmen. Gegenüber der Galerieausstellung "Nachtschatten" flackert im Frauenmuseum auf einem Bildschirm das aktuelle Rollenspiel der Bonner Kunstpreisträgerin auf. Das Kurzvideo mit dem doppelbödigen Titel "Von der Muse geküsst" zeigt das bunt geschminkte, von Tränen überströmte Gesicht der Künstlerin.

Eva Horstick-Schmitt: Verhör auf einer Polizeiwache im Kosovo. Foto: Eva Horstick-Schmitt, Repro: Franz Fischer

Eva Horstick-Schmitt: Verhör auf einer Polizeiwache im Kosovo. Foto: Eva Horstick-Schmitt, Repro: Franz Fischer

Rotlichtmilieu, zeitgenössisches Troubadourwesen und weibliches Sinnenchaos bilden primär die Brennpunkte eines umfangreichen, ehrgeizigen Jubiläumsprojektes, das sich dem Komplex "Sexhandel - Mythen, Alltag, Gewalt" verschrieben hat. Insgesamt 44 Künstlerinnen hat Museumschefin Marianne Pitzen aus allen Himmelrichtungen zu einer nachdenklich machenden Schau zusammengerufen.

Zu sehen ist ein schillerndes Kaleidoskop von Stellungnahmen zum ältesten Gewerbe der Menschheit. Laut neuester Hochrechnung, so die Ermittlungen des Bonner Frauenmuseums, erwirtschaften in Deutschland rund 400 000 professionelle Prostituierte (95 Prozent davon sind Frauen) einen Jahresumsatz von schätzungsweise 14,5 Milliarden Euro. Dem lukrativen Privatunternehmen von Callgirls stehen im eindrucksreichen Kunstpanorama Varianten von Zwangsprostitution, Frauenschändung oder das durch radikale Existenznöte bedingte Dirnenmetier gegenüber.

Einen Mix aus Mythologien, Geschichte und provokant krassen Kommentaren bietet das Parterre. In einer Zeile von "Tempelchen" wohnen archaische "Göttinnen der Liebe", stellvertretend für, so Bildhauerin und Matriarchats-Forscherin Julitta Franke, "sakrale, lebensspendende Erotik".

Gleich nebenan kann der Museumsgast an Bord von Brigitte Röttgers "Freudenschiff" gehen; die an angelsächsische Frauensklaverei gemahnenden Malepisoden vermitteln kaum weniger grauenerregende Eindrücke als Marlen Seuberts scheinbar naturalistische Simulationen (schmuddelige Tierhautfetzen, verrostete Stahlgerüste) von Wehrmachtsbordellen.

Zwischen gesellschaftspolitischer Aufklärung und weitgehend ästhetisierter Themenbearbeitung bewegt sich das ebenfalls rosa gefärbte Raumambiente der Beletage. Mit zugeklebtem Mund, gestylt mit seidig changierendem Minirock und spitzenbesetzten Strapsen, kauert Eva Horstick-Schmitt am Rande einer erschütternden, im Kosovo entstandenen Recherche zum Thema Zwangsprostitution.

Buntaufnahmen vergegenwärtigen abenteuerlich verkommene Bordellbaracken, derweil hervorragende Schwarzweißaufnahmen jene affektgeladenen Dramen kolportieren, die sich zwischen blutjungen Konkubinen, finsterer Mädchenhändler- und Zuhältermafia, zwielichtiger Klientel und bedrohlichem Polizeiaufmarsch abspielen.

Mit Klischeemotiven wie Reizwäsche, spitzhackigen Lackstiefeln, Desinfektionsmitteln sowie in einer Reihe schriller Inszenierungen suggeriert Fotokünstlerin Cynthia Rühmekorf unterdessen das stickig-schwüle Underground-Milieu der Bundesstadt Bonn (Am Probsthof, Privatstudios). Liebesbrunst, Sinnenorgien, multiple Hinweise auf Circe und Casanova verdichten sich in vielfach begehbaren, mit ausschweifenden Erotik-Accessoires und Sexsinnbildern aufgeheizten Installationen.

Da ist etwa die halbseidene Kabarettbühne der skandalberüchtigten Femme fatale "Colette", der Puffpuderpraxisraum von "Ewa", Gabriele Landfrieds Landschaft alter, reicher Säcke oder die bemerkenswerte Suite der "wollüstigen Zeichnerin" (Kuratorin Marianne Pitzen) Maria Giminez. Pfiff, Charme und Komödiantentum grundieren die gleichwohl tieftraurige Figurenwelt der Bildhauerin "Nänzi".

Während die Peepshow von Ellen Sinzig (Kalligrafie) und Maresa Jung (Fotografie) Voyeurismus und Exhibitionismus in gehobenere Regionen befördert, dringt aus dem kerkerhaften, mit frivolen Scherenschnitten tapezierten Freudenhaus von Anna Staffel ein innerer Monolog: "Ich bin Ball der Freier, sadistische Wiese."

Frauenmuseum, Am Krausfeld 10, bis 3. September. Di-Sa 14-18 Uhr, So 11-18 Uhr.

Artikel vom 30.06.2006
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