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"Hegemonie ist out, in ist Kooperation"

Ehemaliger Bundesaußenminister und langjährige FDP-Vorsitzende Hans-Dietrich Genscher stellt sich in Königswinter den Fragen von Schülern

Von Bernd Humpert

Königswinter. Und es gab sie doch - die legendären Gummibärchen, ohne die der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher während seiner aktiven Zeit nicht auskommen konnte. Zwar verbietet ihm heute seine Gesundheit den Genuss der bunten Leckereien.

Im Gespräch: Hans-Dietrich Genscher und GA-Chefredakteur Joachim Westhoff. Foto: Frank Homann

Im Gespräch: Hans-Dietrich Genscher und GA-Chefredakteur Joachim Westhoff. Foto: Frank Homann

Aber in Anspielung auf Genschers Leidenschaft war die Bühne in der Aula des CJD-Gymnasiums in Königswinter, wo der Ex-Außenminister den Schülern der gymnasialen Oberstufe sowie der Klassen zehn zu einem "Zeitzeugen?-Gespräch Rede und Antwort stand, mit überdimensionalen gemalten Exemplaren der Gattung ursus dekoriert. Die Moderation der Veranstaltung hatte GA-Chefredakteur Joachim Westhoff übernommen.

Die zahlreichen Wortmeldungen der Pennäler in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula dokumentierten ein reges Interesse der Schülerinnen und Schüler an weltpolitischen Themen, aber auch an Fragen zur deutschen Geschichte, vor allem im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung.

Genscher, der sichtlich Vergnügen im Wechselspiel von Frage und Antwort fand, schilderte, wie er seinerzeit im Garten des Palais Lobkowicz (der deutschen Botschaft in Prag) die erlösende Nachricht vom bevorstehenden Fall des Eisernen Vorhangs an die dort ausharrenden Menschen überbrachte.

Es sei für ihn persönlich ein bewegender Moment und das herausragende Ergebnis seiner politischen Arbeit gewesen, an der Überwindung der Trennung beider deutscher Staaten maßgeblich beteiligt gewesen zu sein.

Aber auch die Schattenseiten zeigte der dienstälteste Außenminister der Bundesrepublik auf. Dazu zähle das Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972 in München, wo er sich als damaliger Bundesinnenminister vergeblich als Austauschgeisel zur Verfügung gestellt habe.

Die Duma-Wahl in Russland, das Verhältnis zu den USA, die Entwicklung Europas, das deutsche Engagement in Afghanistan, China, der Nahost-Konflikt - es gab kaum ein aktuelles Thema, zu dem die Schüler die Meinung des Ex-FDP-Chefs nicht hören wollten. Zu den USA meinte Genscher, er habe schließlich während seiner Amtszeit fünf Präsidenten sowie sechs Außenminister erlebt und damit viel Höhen und Tiefen.

Die Bush-Administration habe zu Beginn vor Kraft nicht gehen können, jetzt finde sie vor Schwäche keinen Ausweg. Es sei falsch, von einem Hegemonie-Denken auszugehen, bei dem ein Land der Erde seine Stärken auszuspielen versuche.

Vielmehr komme es darauf an, im Konzert mit anderen die richtigen Instrumente zu beherrschen, sagte Genscher unter Hinweis darauf, dass zum Beispiel in Fernost künftig Indien und China Solistenparts im Weltkonzert übernehmen würden. Europa seinerseits sei weit davon entfernt, eine Hegemonial-Rolle zu spielen. "Das ist out, in ist Kooperation", so Genscher.

Zu seiner Rolle in der FDP befragt, meinte der Liberalissimus (so der Titel eines ihm gewidmeten Karikaturenbuches), er halte nichts davon, nach dem Altbauern-Prinzip ständig in die Arbeit seiner Nachfolger hineinzumengen.

Er telefoniere gelegentlich mit seinem Nach-Nach-Nachfolger Guido Westerwelle, halte sich aber aus der aktuellen FDP-Politik weitgehend zurück. Als Ehrenvorsitzender werde er zwar zu allen Führungssitzungen eingeladen, mache davon aber spärlichen Gebrauch.

Zum Abschluss der eineinhalbstündigen Veranstaltung, die von Studiendirektorin Astrid Karres initiiert worden war, überreichten die Schülersprecher Philipp Herzog, Alexander Hoffmann und Christian Rasquin nicht nur die von Erstklässlern gemalten Gummibärchen, sondern auch ein Werk von Andreas Felder, das Brücken darstellt und so Genschers Arbeit als Brückenbauer symbolisieren soll.

Artikel vom 08.12.2007
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