Wenn das Leben verschattet

Rückzug in eine lichtlose Welt: Antriebslosigkeit ist ein Symptom von Depressionen.

Rückzug in eine lichtlose Welt: Antriebslosigkeit ist ein Symptom von Depressionen.

Vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen. Die Betroffenen haben das Gefühl der Antriebslosigkeit, verspüren keinerlei Interesse mehr für die Umwelt, sind geplagt von Angst- und Schuldgefühlen. Häufig kommen Schlafstörungen hinzu. Ein neuer Film greift das Tabu-Thema auf.

"Die Suizidgedanken kommen nicht von heute auf morgen", sagt Olaf. "Da ist dieses Gefühl der Leere, das Gefühl, sich selbst nicht mehr ertragen zu können. Und die Frage nach dem Warum. Warum lebst du überhaupt noch?" Ein Dreivierteljahr hing ein Seil über seinem Bett von der Decke herab, weil er nicht von dem Gedanken loskam, sich das Leben zu nehmen.

Olaf ist eine der drei Hauptpersonen des Films "Schattenzeit" von Gregor Theus. Zwei Jahre lang begleitete der Filmemacher der Kunsthochschule für Medien in Köln drei Patienten der Berliner Charité-Klinik, die unter schweren Depressionen litten.

Und die sich, weil Medikamente nicht anschlugen, mit Elektrokrampftherapie (EKT), also mit Stromreizen behandeln ließen.

Premiere in Köln Am Mittwoch, 6. Oktober, feiert der Film „Schattenzeit“ Premiere im Filmforum NRW im Museum Ludwig in Köln. Der Regisseur Gregor Theus und die leitende Psychologin der psychiatrischen Klinik Charité, Sara Zeigmann, werden anwesend sein. Einlass 19 Uhr. Weitere Informationen zum Film und Spielzeiten unter www.schattenzeit-derfilm.de. Informationen zur Bonner Klinik unter www.meb.unibonn.de/psychiatrie

Wer unter Depressionen leidet, hat das Gefühl der Antriebslosigkeit, verspürt keinerlei Interesse mehr für die Umwelt, ist geplagt von Angst- und Schuldgefühlen. Häufig kommen Schlafstörungen hinzu.

Manchmal überlagern körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen die psychischen Probleme. Etwa die Hälfte der vier Millionen Depressiven in Deutschland hat wie Olaf Suizidgedanken oder fühlt sich des Lebens überdrüssig, ist im Wortsinn lebensmüde.

Während einer Depression ist, genau wie bei anderen Krankheiten, ein Organ erkrankt: das Gehirn. "Depressionen sind eine chronische Stresskrankheit", erklärt Professor Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn.

Die Folgen: Nervenzellen verkümmern oder sterben ab. Die Botenstoffe, die für die Informationsübertragung entscheidend sind, funktionieren nicht mehr, weil das Gehirn entzündet ist.

Depressive Erkrankungen können durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden: genetische Veranlagung, Erlebnisse in der Vergangenheit gepaart mit lang anhaltenden Stresssituationen. Auslöser für eine Depression können auch aktuelle traumatische Erlebnisse sein.

Die unterschätzte Krankheit

Vor allem leichte Depressionen werden häufig nicht erkannt. Das liegt einerseits daran, dass das Thema nach wie vor ein gesellschaftliches Tabu ist. „Wer leichte Depressionen hat, fühlt sich erschöpft und niedergeschlagen“, sagt Professor Wolfgang Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Bonn.

Das Problem: Die Betroffenen gestehen sich nicht ein, dass es sich um eine Depression handeln könnte. Hinzu kommt die Reaktion von Angehörigen: Stell dich nicht so an. Reiß dich zusammen.

Das Schlimme daran: „Eine nicht behandelte leichte Depression bietet den Nährboden für eine mittel- bis schwere depressive Erkrankung“, warnt Maier. „Dass Depressionen so häufig nicht erkannt werden, liegt auch daran, dass das Thema unter Ärzten tabuisiert wird“, sagt Maier.

Von den vier Millionen Erkrankten sind laut Robert Koch Institut etwa 2,4 bis 2,8 Millionen Menschen in hausärztlicher Behandlung. Aber nur bei 1,2 bis 1,4 Millionen Patienten stellte der Hausarzt die Diagnose Depression. Nur ein kleiner Teil wird ausreichend behandelt.

Olaf etwa war aktiv, war Sportler, Musiker, führte ein "recht bewegtes Leben". Dann hatte er einen schweren Autounfall, bei dem sein Knie zertrümmert wurde. Er wurde arbeitsunfähig. Olaf verlor seinen Job. Die schlaflosen Nächte begannen. Immer mehr zog er sich zurück, von seinen Freunden, dem Sport, seinen Hobbys. Stattdessen schlief er viel.

Und merkte, dass er Dinge, die er immer getan hatte, Dinge des Alltags, nicht mehr schaffte: "Jetzt ist es soweit, jetzt bist du verrückt", dachte er. "Jetzt musst du in die Klapse."

Der junge Mann wurde in der Charité-Klinik aufgenommen und mit Elektrokrampftherapie (EKT) behandelt, bei der mit elektrischen Reizen das Gehirn stimuliert wird, um so eine Verbesserung der Stimmungslage herbeizuführen. Aber können Stromkrämpfe tatsächlich die Seele umkrempeln? "Man kann mit der Elektrokrampftherapie das Gehirn wieder in die Verfassung bringen, dass die Seele gesunden kann", bestätigt der Spezialist Maier.

Auch in der Bonner Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie werden depressive Patienten mit EKT behandelt. Über zwölf Sitzungen werden beim Patienten gezielt Krämpfe ausgelöst, ähnlich epileptischen Anfällen. Erfolgen die Elektrokrämpfe regelmäßig, werden beschädigte Nervenzellen zum Wachstum oder sogar zur Neubildung stimuliert. Die Erfolgsquote liegt etwa bei zwei Drittel der Patienten.

Eine Behandlung mit der Elektrokrampftherapie ist nicht die Regel bei Depressionen. Bei einem leichten Krankheitsverlauf bekommen die Patienten normalerweise eine Psychotherapie, mittlere und schwere Depressionen werden mit Gesprächstherapie und Medikamenten bekämpft. Bei Olaf und den anderen Protagonisten des Films aber - wie bei etwa einem Drittel aller depressiven Patienten - wirken die Antidepressiva nicht.

Auch die EKT ist kein Wunderheilmittel: "Sie muss durch Medikation, Psycho- und Sozialtherapie ergänzt werden", sagt der Bonner Professor Maier. Ein weiterer wichtiger Punkt: Damit die Betroffenen keinen Rückfall erleiden, müssen sie auch nach Abklingen der Depression weiter behandelt werden.

Auch bei Olaf in der Berliner Charité schlug die Therapie an, eine zusätzliche Psychotherapie lehnte er anfangs jedoch ab. "Ich habe mich vor mir selbst geschämt", sagt er. Einige Wochen später war er wieder in der Klinik, dieses Mal ließ er die begleitende Psychotherapie zu. Mittlerweile ist Olaf wieder zu Hause bei seiner Familie. Er hat erkannt, was er seiner Frau und seinen Kindern angetan hat mit dem Seil, das monatelang über seinem Bett hing. Suizidgedanken hat er nicht mehr. "Es geht mir besser, aber nicht gut."

Zum Thema: Robert Enke

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