Schwarz, Rot, Gold, etwas Blau und einige bunte Tupfer

Während es die Diplomaten an die Spree zieht, etabliert sich Godesberg als UN-Standort

Die zahlreichen Bundesflaggen im Stadtgebiet lassen keine Zweifel zu: Als Bundesstadt wird Bonn ein wichtiger Standort deutscher Politik bleiben.

Doch unter das altvertraute Schwarz-Rot-Gold haben sich in den vergangenen 40 Jahren zahlreiche Farbtupfer gemischt: Jahrelang zeigte die internationale Staatenwelt vor ihren diplomatischen Vertretungen und Residenzen im wahrsten Sinne des Wortes Flagge.

Während sich die Botschaften seit dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin im vergangenen Jahr ebenfalls peu à peu in Richtung Spree verabschiedet haben, hat sich im Bonner Farbenspiel eine neue Konstante fest etabliert: Das helle Blau der Vereinten Nationen.

Plittersdorf, Martin-Luther-King-Straße 8. Das Haus Carstanjen. Hier sind seit einiger Zeit sämtliche Bonner UN-Organisationen angesiedelt. Eine davon ist das ständige Sekretariat der Klimarahmenkonvention (UNFCCC), auf die sich mehr als 100 Staaten infolge des Gipfels im Juni 1992 in Rio de Janeiro per Vertrag verständigt haben.

Ziel ist es, die Treibhausgasemissionen auf einem Niveau zu stabilisieren, das eine gefährliche Störung des Klimasystems verhindert. Das Sekretariat nahm 1996 seine Arbeit in Plittersdorf auf - im selben Jahr wie das United Nations Volunteers Programme (UNV), dessen Sekretariat 1996 von Genf ebenfalls in das Haus Carstanjen umgezogen ist und von dort nun die Einsätze von rund 2 000 freiwilligen Entwicklungshelfern jährlich steuert.

1998 folgte das Sekretariat der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (CCD) in das Haus Carstanjen. Die Unterzeichner der Konvention haben sich 1994 verpflichtet, bei der Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen von rund einer Milliarde Menschen in den Trockenzonen der Erde zusammenzuarbeiten.

Um den internationalen Schutz von Fledermäusen kümmert sich in Bonn seit 1996 das Internationale Fledermaus-Sekretariat. Das Büro arbeitet eng mit dem Ständigen Sekretariat zum Schutz wandernder wildlebender Tierarten (UNEP/CMS) zusammen, das auf der "Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten" von 1979 beruht.

In den Ländern, die der "Bonner Konvention" beigetreten sind, dürfen vom Aussterben bedrohte Tierarten, wie etwa Seeadler, Mönchsrobben und Graukopfgänse, nicht gejagt, gefischt, gefangen oder getötet werden. Vervollständigt wird das UNO-Ensemble in Plittersdorf vom United Nations Information Center (UNIC), einem Informationszentrum der Vereinten Nationen, das 1995 in Bonn eingerichtet wurde.

Arrivederci, Adieu und Goodbye: Während nach dem Willen der Stadt Bonn möglichst zusätzliche UN-Organisationen an den Rhein wechseln sollen, heißt es für die ausländischen Diplomaten in Bonn Abschiednehmen: Farewell-Partys bestimmen seit eineinhalb Jahren das diplomatische Geschehen am Rhein, während sich die Exzellenzen nach und nach in Berlin einrichten. So verlegten etwa Franzosen, Türken, Italiener und Portugiesen ihre Mitarbeiterstäbe nahezu komplett an die Spree.

Auch in der Amerikanische Siedlung in Plittersdorf hat sich seit dem Berlin-Umzug das Leben spürbar beruhigt. Symbolhaft wird vielen Bonnern der Deutschlandbesuch von US-Präsident Bill Clinton im Juni 1999 in Erinnerung bleiben: Damals besuchte Clinton Plittersdorf und schenkte der Stadt Bonn die denkmalgeschützte Stimson Memorial Chapel. Die Kapelle an der Kennedyallee soll weiterhin für kirchliche Zwecke genutzt werden.

Eine stattliche Anzahl repräsentativer Botschaftsgebäude und Residenzen - darunter auch die Muffendorfer Kommende, früher Residenz des belgischen Botschafters - stand seither zum Verkauf. Was künftig aus den hochherrschaftlichen Villen werden soll, steht in vielen Fällen noch nicht fest. Nicht sämtliche großzügige Gebäude wandern wohl in private Hand: "Lieschen Müller" müsste wohl schon den Jackpot knacken, um sich feudale 400 Quadratmeter und mehr samt Grundstück in bester Rheinlage leisten zu können, liegt das Gros der Häuser doch in einem Preissegment zwischen zwei und fünf Millionen Mark.

Als hinderlich hat sich beim Verkauf einiger Botschaften bisher deren "Diplomatenqualität" erwiesen: Schusssichere Verglasung oder Besucherschleusen stellen für die neuen Nutzer keinen Wert da. Manche Botschaften haben den Umzug nach Berlin zum Anlass genommen, Beschäftigten zu kündigen. Zumindest äußerlich unverändert stellt sich die Situation der japanischen Botschaft an der Godesberger Allee und der chinesischen Botschaft an der Rigal'schen Wiese dar. In beiden Fällen zog ein Teil der Mitarbeiter nach Berlin - es bleiben aber Außenstellen am Rhein geöffnet.

Auch einige Abteilungen der spanischen Vertretung in Lannesdorf, im Villenviertel und in Hochkreuz werden vorerst mit insgesamt rund 50 Angestellten ein Standbein am Rhein behalten, während Botschafter José Pedro Sebastian de Erice seine Residenz gegenüber der Redoute vor einem Jahr verlassen hat. Andere Staaten, so etwa Österreich, wandeln ihre Vertretungen in Generalkonsulate um. Stimmung wie bei einem Begrüßungsfest herrschte, als die Niederländer im April 2000 ihre Bonner Außenstelle in der Gotenstraße mit einem Nachbarschaftsfest einweihten.