Pilze: Trichterling und Hexenbutter

Mit dem Bonner Pilzexperten Daniel Frank durch den Wald bei Aegidienberg. Der 28-jährige Versicherungskaufmann weiß genau, welcher Pilz wie schmeckt - und welchen man tunlichst stehen lassen sollte. Und das wiederum bedeutet: Das Handy klingelt ständig.

Der August war nass hierzulande. Das bedeutet: Sie schießen wieder, die Pilze. Und das wiederum bedeutet: Bei Daniel Frank, Pilzsachverständiger für den Großraum Bonn, klingelt ständig das Handy. Der 28-jährige Versicherungskaufmann weiß genau, welcher Pilz wie schmeckt - und welchen man tunlichst stehen lassen sollte.

Wie sieht ein Pilzsachverständiger aus? Fangen wir unten an: Er trägt das sogenannte feste Schuhwerk, die ebenso feste, besser noch: wetterfeste Jacke, er ist eher älter als jünger, weil - naja, Pilze sind vieles, aber cool? Gerne ist er Brillenträger, und ganz generell betrachtet, könnte er wie eine Art Outdoor-Briefmarkensammler aussehen.

So kommt es, dass man nicht einfach einsteigt, als Daniel Frank im angekündigten Auto neben einem hält, sondern erst mal fragend guckt: jung, verspiegelte Sonnenbrille, gegeltes Haar, Rapper-Jeans ... man schnallt sich an neben ihm, da klingelt sein Auto-Telefon. "Frank." - "Spreche ich mit Daniel Frank?" - "Ja, genau." - "Meine Tochter hat gerade einen Pilz gegessen."

So fängt es an. Mal während Daniel im Auto sitzt auf dem Weg nach Irgendwo. Mal am Schreibtisch in seinem Büro. Oder zu Hause, wenn er gerade mit seiner Freundin zum Dreijährigen anstoßen will. Es klingelt, ein Pilz wurde gegessen, Daniel gibt Gas. Vergangene Woche Richtung Sankt Augustin, "zu einem Kindergarten. Da wachsen auf der Wiese vom Spielplatz Knollenblätterpilze." Die giftigsten von allen. Wie können die einfach so auf einem Kinderspielplatz wachsen? "Die können überall wachsen, wo Bäume stehen", sagt Daniel. "In Sankt Augustin, im Kottenforst, auf dem Venusberg ..."

Wenn Daniel auf der Homepage der Freiwilligen Feuerwehr Bonn-Graurheindorf, wo er ebenso wie in punkto Pilze ehrenamtlich arbeitet, aufgrund der aktuellen Bodenklimadaten die Warnstufe rot bis violett eingibt, dann gehen Menschen in zwei Richtungen los: Eltern mit Sorge durch den nächsten Park - und andere mit Körbchen durch den Wald. Genau dieses Farbspektrum herrscht an diesem Wochenende im Siebengebirge.

Auf dem Parkplatz am Forsthaus Sankt Servatius in der Nähe von Aegidienberg warten schon vier Menschen auf Daniel: Miriam Mews vom Naturpark Siebengebirge, der Bonner Hobby-Pilzfreund Bernd Zimmermann und Dietrich-Werner Smolinski mit Frau, extra aus Warstein angereist. Drei Stunden etwa soll die Tour dauern. Nach zehn Minuten sieht alles so aus, als ob man den Parkplatz bis zum Ende nicht aus dem Blick verliert.

Sie sind nämlich schon da, die Pilze, hier, dort, da drüben, überall. Und wer Daniel und zum Beispiel "Pareys Buch der Pilze" dabei hat, der erfährt ihre Namen: Rettich-Helmling, Träuschling, Schwarzträufling, Lila Lacktrichterling, Schleierling. Pilzkunde, erste Lektion: Es gibt Milchlinge und Täublinge. Milchlinge geben Milch ab - da muss der Laie vorsichtig sein. Täublinge brechen wie Styropor und machen sich oft gut in der Pfanne.

Als Kind schon fand Daniel "Pilze toll. Von meinem Taschengeld hab" ich mir Literatur geholt, meine Eltern haben immer gesagt: Du darfst alles machen, nur nichts essen." Mit 16 Jahren wusste er besser Bescheid als der Förster, mit 18 legte er bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (= Pilzkunde) die Prüfung zum Sachverständigen ab.

Seitdem hilft er auf Führungen bei der Steinpilzsuche und in Krankenhäusern beim Kampf gegen den Tod: "Ich finde heraus, welcher Pilz gegessen wurde. Und was dagegen hilft." Einmal, als er viel zu spät von einem Krankenhaus gerufen wurde, starb vor seinen Augen ein vierjähriges Mädchen. Seitdem ist Daniels Auto ein rollendes Einsatzlabor. "Pilze", sagt Daniel, "können alles. Außer Knochen brechen."

Schmecken können sie aber auch. "Für den Frauentäubling", sagt Daniel, während er zielsicher einen solchen aus dem Waldboden ausgräbt, "lasse ich jeden Steinpilz stehen." Eigentlich darf man das nicht: ausgraben und mitnehmen. Uneigentlich wird es in den Wäldern rund um Bonn geduldet, solange es nur ein paar Pilze für die heimische Familienpfanne sind.

Aber wer mit Pilzexperten durch den Wald kriecht, denkt bald weder an Essen noch an Gift. "Da!" ruft mal Daniel, mal Bernd, mal Werner. Immer folgt nie Gesehenes, oder nie Erkanntes. Zum Beispiel ein gelber Fleck an einem morschen Ast: Hexenbutter. Ein Pilz. Und ein Tier: "Die Hexenbutter", erklärt Daniel, "ist ein Schleimpilz, der sich aber fortbewegen kann."

Eine Großfamilie Fliegenpilze verwandelt den Rand einer Rehlichtung in ein Stück Märchenwald. Und dann strahlt einen ein paar Waldecken weiter unschuldig weiß eine Hutfamilie an ... "Voilà", ruft Daniel, "dies könnte der giftigste Pilz der Welt sein." Der Weiße Knollenblätterpilz - ist es nicht. "Ein Doppelgänger", murrt Daniel, als er die Knolle aus der Erde gegraben hat. "Das sieht man aber nur unten." Und da ist es dann doch wieder, das mulmige Gefühl: Der Laie hätte vielleicht auf Champignon getippt. Und nicht gegraben, sondern abgeknickt und in die Pfanne ...

Informationen
  • www.dgfm-ev.de (Homepage der Deutschen Gesellschaft für Mykologie)
  • www.ffrh.de (für Pilzwarnungen), Pilzsachverständiger Daniel Frank, Tel. (0177) 42 84 514, möglichst nach 17 Uhr