Der Honig - Alles für das Volk

Besuch bei Imkerin Nicole Saturna, die in Sankt Augustin 40 Bienenstaaten betreut.

Jeder Deutsche verspeist im Schnitt 1,4 Kilogramm Honig im Jahr. Meistens zum Frühstück. Selten denkt er dabei an die, die ihn gemacht haben: hellbraun-schwarz gestreifte Flügelträger, die mit unglaublichem Fleiß, ausgefeilter Technik und in einer hochkomplexen Sozialgemeinschaft Wabe für Wabe mit einem Produkt füllen, das süß, vitaminreich, medizinisch wertvoll ist und dennoch am Ende eigentlich - Bienenspucke.

Regentropfen liegen auf dem Gras hinterm Haus von Nicole Saturna. Der Wind fährt durch Halme und Haar, ungemütlich ist das Wetter. Die fünf Holzkästen am Ende des Gartens stehen still, als trügen sie totes Laub in sich. Doch drinnen wohnt ein Volk. Und die, die es bilden, sind alles auf einmal: Arbeiter, Ammen, Ärzte, Soldaten, Nahrungslieferanten, Putzer und Heizer.

25 Grad beträgt die Temperatur winters im so genannten Bienenstock. "Im Sommer", sagt Saturna, "sind es 36 Grad - und zwar ziemlich exakt." Egal, wie kalt oder warm es draußen ist. Wie das geht? Wie Bienen das hinkriegen? Da kriegt sie diesen gewissen Stolz in die Augen, die 42-jährige Sankt Augustiner Imkerin. Bienen, sagt ihr Blick, kriegen alles hin.

Fünf Häuser, oder Stöcke, pro Haus etwa 40 000 Bewohner. Schon das klingt viel, ist aber nur die Vorhut: "Insgesamt", erzählt Saturna, "habe ich 40 Völker." Regiert von einer Königin, die auch aller Mutter ist: "Die Königin legt pro Tag 1 000 Eier, wenn im Frühjahr die Produktion beginnt. Am Anfang eines Stocks schlüpfen vor allem Arbeiterinnen." Die tun alles für das Volk: Sie säubern die Waben, kümmern sich um den Nachwuchs, sammeln später den Nektar - und wehren Wespen ab, die versuchen, Honig zu klauen.

Nicole Saturna kam 1990 aus Berlin nach Bonn, schrieb sich an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Uni ein und wollte eigentlich Gärtnerin werden. Dann stolperte sie beim Studieren des Lehrplans über ein Extra-Angebot: "Drei Semester Bienenkunde konnte man belegen - das fand ich sofort interessant." 1995 dann begann sie eine Imker-Ausbildung. Und weiß heute, dass ihr Lehrmeister, den sie "mein Imker-Vater" nennt, recht hat: "Imker sind nicht reich, aber glücklich."

"Honig - Direktverkauf" steht auf einem Schild an der Garage. Mit Geduld, Leidenschaft und dank eines wachsenden Interesses aller an einwandfreier Ernährung hat Saturna das Geschäft mit dem Honig vergrößern können: In Hangelar hat sie zusammen mit ihrem Mann einen Bio-Laden eröffnet, der alles bietet, was gesund ist - und dazu zählt auch Honig. Süß gleich ungesund: Diese Rechnung stimmt hier ausnahmsweise mal nicht. Von Bienen gemachter Honig enthält allein neun verschiedene Vitamine und sieben Mineralstoffe.

"Der Honig ist für die Bienen Energiequelle und Arzneischrank", erzählt Saturna. Die Menschen begannen schon in der Steinzeit, ihnen ihren Schatz zu rauben. Im siebten Jahrtausend vor Christus gab es bereits die ersten Imker. Honig war Zucker - schwer zu beschaffender Zucker, weshalb ein Fass Honig den Gegenwert eines Esels besaß und der Sirup schon im Alten Ägypten mystisch verklärt wurde. "Speise der Götter", "Quelle der Unsterblichkeit" - besonders hübsch hat es Philosoph Augustinus ausgedrückt: Er nannte den Honig "ein Bild für die Zärtlichkeit Gottes".

Mit der Zärtlichkeit war es vorbei, als Zuckerrohr und Zuckerrübe als Basis für den normalen Haushaltszucker billigen Ersatz boten. Dafür wurde eine andere Qualität der Honigproduzenten erkannt und auf typisch menschliche Weise genutzt: die als Bestäuber und damit Garanten für den Fortbestand und die Vermehrung von Wild-, aber eben auch Kulturpflanzen.

Bienen haben keine Gewerkschaft, die bei zu vielen Überstunden Alarm schlägt. In den USA etwa schickten Großimker ihre Bienenvölker per Lkw das ganze Jahr über von Feld zu Feld, ständig mussten die Bienen andere Felder bestäuben. Hinzu kommt eine zunehmend monokulturelle Landschaft, in der sich die Bienen nicht mehr so nährstoffreich ernähren können. 2003 kam es zum ersten großen Bienensterben: Die Völker waren so geschwächt, dass sie extrem anfällig für Krankheiten wurden. Ein Drittel aller deutschen Bienenvölker starb durch Milbenbefall.

Bei Nicole Saturna gibt es keinen Stress. Sie gewinnt Honig nach den Regeln des ökologischen Landbau-Verbands Demeter, der auf "wesensgemäße Bienenhaltung" unbedingten Wert legt. Zum Beispiel wird nicht, wie bei der konventionellen Imker-Methode, die Königin ausgetauscht. "Meine Königinnen leben drei bis vier Jahre", sagt Saturna, "so lange, wie die Natur es vorsieht."

Ein Volk ist innerhalb von wenigen Wochen in der Lage, die Holzrahmen in seinem Stock mit Waben zu füllen.

Das Waben-Wachstuch ist übrigens nichts anderes als Bienenschweiß: "Bienen schwitzen das Wachs über bestimmte Drüsen aus", erzählt Saturna. In die Waben wird der Nektar gefüllt. Und ungewollte Ritzen in den Waben werden geschlossen mit einem anderen, von Knospen und Baumstämmen gesammelten Stoff. Mit ihm geschieht dasselbe wie mit dem Nektar: Die Biene nimmt ihn auf. Der Nektar wird als Honig wieder ausgespuckt. Die Mischung aus Naturharz und Pollenbalsam kommt als Propolis wieder heraus. Und hat sich im Innern der Biene in ein natürliches Antibiotikum verwandelt.

Nicole Saturna verwendet alles, was die Bienen produzieren. Sie schleudert in einer speziellen Maschine die Waben, um den Honig zu gewinnen, siebt ihn, füllt ihn in Edelstahlbehälter, wo er täglich gerührt wird, bis er seine Cremigkeit erhält. Jeder Honig schmeckt anders: Das Frühjahr 2010 hatte ziemlich kalte Tage - entsprechend härter ist der Honig, der bis Ende Mai geerntet wird. Der Sommer dann war mitunter heiß - entsprechend weich ist der Honig.

Diese und andere Geschichten erzählt Saturna regelmäßig auch Schülern, die sie mit einem Bienenstock besucht. Wenn sie dann eine Wabe herausnimmt, voll mit Bienen, und zum Bienenstreicheln auffordert, dann siegt am Ende Neugier über Mut: Die Kinderhände folgen Saturnas Beispiel und fahren vorsichtig über die pelzigen Arbeiterinnen.

Und dann erzählt Saturna vom Bienentanz: "Bienen", sagt sie, "tanzen auf den Waben, und der Tanz vermittelt den Stock-Bienen die Botschaft, wo besonders guter Nektar zu finden ist." Sie tanzen im Dunkeln - Licht gibt es nicht im Stock. Verstanden werden sie trotzdem von ihren Artgenossen. Wie? Bienengeheimnis. Und das bleibt es vielleicht für immer.

Informationen: Nicole Saturna, Heckenweg 7, Sankt Augustin, Tel. (02241) 944 92 84, Bauernmarkt Hangelar, Bachstr. 45, Sankt Augustin, Tel. (02241) 894 33 52, www.imkerei-saturna.de