Sozialdiensthunde

Therapeuten auf vier Pfoten

Labrador Yoko im Einsatz: Der Hund nimmt sich eines von posttraumatischen Belastungsstörungen betroffenen Soldaten an.

Labrador Yoko im Einsatz: Der Hund nimmt sich eines von posttraumatischen Belastungsstörungen betroffenen Soldaten an.

Ulmen. Die Diensthundeschule der Bundeswehr setzt auf tierischen Beistand für traumatisierte Soldaten.

Yoko ist neugierig und verspielt. Schwarzes Fell und wedelnder Schwanz: Unbefangen nähert sich die Labradorhündin Soldaten mit Existenzsorgen, Offizieren mit Eheproblemen und Angehörigen getöteter Kameraden. Yoko und der zweite Labrador Teddy sind die ersten vierbeinigen Sozialarbeiter der Bundeswehr - geführt von zweibeinigen Experten des Sozialdienstes.

Ausgebildet hat die Tiere die abgelegene einzige Diensthundeschule der deutschen Streitkräfte mitten im Wald bei Ulmen in der Eifel. Dort ist Kommandeurin Christiane Ernst mit dem Pilotprojekt der "Hundegestützten Sozialarbeit" überaus zufrieden: "Diese Sozialdiensthunde funktionieren mit sehr gutem Erfolg als soziale Eisbrecher. Sie erobern die Herzen im Sturm." Eine Ausweitung des Projekts sei im Gespräch.

Tiere öffnen Türen zum Leben

Ebenfalls neu: Therapiebegleithunde für Soldaten, die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) aus Auslandseinsätzen zurückkehren, etwa nach dem Anblick von Terroropfern oder einer Explosion.  Gemeinsam mit dem Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz hat die Diensthundeschule dafür ein Konzept erarbeitet.

"Auch hier sind die Erfolge beeindruckend", sagt die promovierte Tierärztin Ernst. "Diese Hunde haben bei dem einen oder anderen seelisch verletzten Kameraden wieder die Tür zum Leben aufgestoßen." Die Ergebnisse dieses zweiten Pilotprojekts sollen bald vorliegen. Auch hier könnte es eine Fortsetzung geben.

PTBS ist eine psychische Krankheit. Oft kommt es zum Gefühl von Hilflosigkeit und zur Erschütterung des Ich- und Weltverständnisses. "Viele empfinden da gerade den Körperkontakt mit unseren Hunden als angenehm", sagt Ernst. "Dabei werden bestimmte Hormone ausgeschüttet, die Stress senken können. Der unbelastete spielerische Umgang mit Hunden ist gut für das Selbstbewusstsein."

Insgesamt 20 Labradore und Schäferhunde hat die Diensthundeschule zusätzlich für diese besondere Therapie ausgebildet. Einmal in der Woche sind zehn Soldaten mit PTBS vom Bundeswehrzentralkrankenhaus angereist, um mit je einem vierbeinigen Kameraden und seinem Diensthundführer einen halben Tag zu verbringen, etwa mit Suchspielen, Gassigehen oder Fährtensuche.

Andere Aufgaben haben die bellenden Helfer schon seit Jahrzehnten: Die Streitkräfte setzen sie als Schutz-, Sprengstoff-, Rauschgift-, Minen- oder Kampfmittelspürhunde bei den Feldjägern, den Fallschirmjägern, den Pionieren, in der Luftwaffe und beim Kommando Spezialeinsatzkräfte ein - auch im Ausland, etwa in Afghanistan und Mali. 

Rund 300  Hunde  hat  die Bundeswehr weltweit im Einsatz - weil sie eine viel feinere Nase haben als ihre Spezialhundeführer, bei denen sie leben. Und weil sie auf Befehl zupacken können.

1958 wurde die Diensthundeschule in Koblenz-Bubenheim gegründet - und 1997 wegen Platzmangels in ein ehemaliges Munitionsdepot der Bundeswehr in die Eifel bei Ulmen verlegt. Dort verteilen sich 51 Bunker auf 68 Hektar Wald. Innen drin haben Soldaten Szenarien zum Trainieren der Hunde nachgebaut, etwa Gleisanlagen, Lagerräume, Kanalsysteme, einen Markt- und einen Schrottplatz, Wohnungen und zerstörte Häuser. Zusätzlich gewöhnen die Ausbilder die Hunde an verschiedene Umgebungen etwa bei Ausflügen zum Hauptbahnhof oder ins Stadtzentrum von Koblenz.

Rund 100 militärische und zivile Mitarbeiter hat die Hundeschule. Sie verfügt über eine eigene Aufzucht und eine Hundeklinik. Seit den Terroranschlägen 2001 in den USA kaufen verschiedene Sicherheitsbehörden den europäischen Markt guter Spezialhunde leer, wie Kommandeurin Ernst erläutert. "Mit unserer eigenen Zucht versuchen wir, autark zu werden. Letztes Jahr haben wir mehr als 30 Hunde aufgezogen." Einige werden auch gekauft. 

Ausbildung dauert neun bis zwölf Monate

Von klein auf werden die Welpen an unterschiedliche Umweltreize und Geräusche gewöhnt, zum Beispiel von Schusswaffen, Helikoptern und Flugzeugen. Sobald sie erwachsen sind, dauert ihre Ausbildung mit ihrem Diensthundeführer neun bis zwölf Monate. Im Durchschnitt sind die Spezialhunde sechs Jahre im Einsatz.

Werden sie krank, kommen sie in die voll ausgerüstete Klinik mit zwei Operationssälen, Röntgengeräten, Apotheke, Behandlungsräumen und einem Unterwasserlaufband zur Stärkung der Muskulatur.  "Wir haben  offene Sprechstunden und für Operationen feste Termine", erklärt Leiterin Susanne Hartmann.

"Angekaufte Hunde durchlaufen eine Quarantäne. Sie sollen keine infektiösen Krankheiten reintragen." Auch kranke Hunde im Ruhestand kommen in die Klinik. Tierärztin Hartmann versichert: "Wir kümmern uns auch um unsere Gnadenbrötler." (dpa)