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Slam in Linz: Kim-Lisanne Bösche, Mario El-Toro, Lasse Samström, Jesko Habert, Chau Hoang (v.li.)

Slam in Linz: Kim-Lisanne Bösche, Mario El-Toro, Lasse Samström, Jesko Habert, Chau Hoang (v.li.)

Poetry-Slamer verstehen ihre Treffen als modernen Dichterwettstreit.

Gedämpftes Licht, ein knisternder Kamin, Kerzen. Klappstühle und Sitzsäcke. Der Saal der Burg Linz ist gefüllt mit Menschen aller Altersklassen. Die Zuschauer warten gespannt. Stille. Jesko Habert, Poetry-Slammer, der heute angereist ist, um die Moderation des Abends zu übernehmen, betritt euphorisch die Bühne. Heute ist Poetry-Slam-Abend. Der erste Slam-Wettbewerb in dem idyllischen Rheinstädtchen Linz. Nun also hat der Poetry-Slam auch die Provinz erreicht.

Was aber ist Poetry-Slam? "Ein moderner Dichterwettstreit," definiert Mario El-Toro, einer der fünf Slammer des Abends. "Es ist so, dass einfach Leute auf die Bühne kommen, die Lust haben, fünf bis sechs Minuten zu erzählen, was sie erzählen möchten." Alle Texte, meist metrische, müssen selbst verfasst sein, dürfen meist nur fünf bis sechs Minuten füllen und nicht mit Requisiten vorgetragen werden.

Jesko heizt das Publikum mit einem eigenem Poem an und bittet die weiteren Teilnehmer auf die Bühne: Lenny Felling, Nici Schmuck, Leonie Batke, Mario El-Toro und auch den ehemaligen deutschen Meister Lasse Samström. Das Publikum ist gleichzeitig die Jury, die per Applaus den Slam-Sieger in zwei Runden ermittelt. Es wird ruhig im Saal, als die erste Runde beginnt.

Mal Stille. Mal Gelächter. Mal persönliche Themen, mal Sozialkritisches. Mal ein Prosastück, dann wieder etwas Lyrisches. Auch heute begeistert Lasse Samström wieder mit Schüttelversen. Bereits nach seiner ersten Vorstellung entscheidet sich das Publikum dafür, ihn direkt in die zweite Runde zu applaudieren. In die finale Runde schafft es außerdem Leonie Batke mit ihrem poetischen Beitrag zur Me-Too-Debatte.

Beide Slammer sprühen ihre Gedichte vor. Nun die Entscheidung. Das Publikum hat es wortwörtlich in der Hand. Lautes Geklatsche. Pfiffe. Standing Ovations. Das wird eng. Der Gewinner steht fest. Jesko Habert macht es offiziell: Leonie Batke ist die glückliche Gewinnerin einer beachtlichen Flasche Sekt.

Diese teilt sie jedoch gerne mit den anderen Slammern. "Ich habe Erfahrung mit verschiedenen Künstler-Szenen und in keiner Szene ist die Liebe untereinander und füreinander so krass, so deep, wie in der Slamszene", erzählt Lasse Samström.

"Wir sind ein ziemlich seltsamer Hybrid, tatsächlich, weil wir die Leute sind, die gleichzeitig die Introvertierten in der Schule waren, die Leute, die vielleicht zwei gute Freunde hatten, eher so für uns waren und gleichzeitig aber auch extrovertiert, weil man sowas sonst nicht auf der Bühne machen würde," so Jesko Habert über sich und seine Kollegen.

Da stellt sich doch die Frage, was die Slammer dazu bewegt, diese Kunst zu betreiben - der ehemalige deutsche Meister kennt die Antwort: "Man genießt, dass alle zuhören, und die Freiheit macht süchtig."

Doch wer sind die Zuhörer? Ein Blick ins Publikum genügt: Schüler, 25- bis 60-Jährige, sogar Rentner. Slamfans sind alle unterschiedlich. "Man kann schon sagen, je städtischer die Veranstaltung, desto jünger ist das Publikum. Je mehr man aufs Land kommt, aufs Dorf, desto unterschiedlicher. Am Anfang war es eine Sache von 20- bis 30-Jährigen, dann, je bekannter der Slam wurde, waren die Hörer umso gemischter." Entwickelt wurde der Poetry-Slam 1986 vom amerikanischen Kleinkünstler Marc Kelly Smith aus Chicago. Die Idee dahinter war, nicht mehr wie üblich am Tisch Gedichte vorzutragen, sondern frei und voller Emotionen einfach alles zu erzählen, was einen bewegt.

Martinus-Gymnasium Linz, Klasse 9b