Orte der Erinnerung

In Kolumbien den Zauber der Vergangenheit spüren

03.09.2019 Cartagena de Indias. Kolumbiens Kolonialstädte locken mit Geschichte, beeindruckenden Naturlandschaften und schöner Architektur. Aber es gibt hier mehr zu erleben: etwa Weltliteratur zum Nachleben oder leckere Ameisen.

Es herrschen turbulente Zeiten im Land, als Gabriel García Márquez die kolumbianische Küstenstadt Cartagena de Indias erreicht.

Wie viele andere war auch der spätere Literaturnobelpreisträger (1927-2014) Hals über Kopf aus der Hauptstadt Bogotá geflohen, wo im April 1948 ein blutiger Bürgerkrieg tobte. "Gabo" war damals erst 21 Jahre alt, wollte Journalist werden und hatte keinen einzigen Peso in der Tasche.

Oliveros führt zum ehemaligen Wohnhaus des Schriftstellers. Es befindet sich direkt hinter der alten Stadtmauer mit Blick aufs türkisblaue Meer. Neben dem monumentalen Kloster von San Pedro Claver, dem "Apostel der Schwarzen", zeigt er das alte Redaktionsgebäude der Tageszeitung "El Universal", wo der junge Nachwuchsjournalist damals sein Handwerk lernte. Wie García Márquez ist auch Oliveros Kolumnist in "El Universal".

Spaziergänge zu den Schauplätzen der Romane

Oliveros kannte García Márquez persönlich nicht. Doch als Programmverantwortlicher von Gabos "Stiftung Neuer Iberoamerikanischer Journalismus" kennt er dessen Geschichte und Werke um so besser. Neben realen Schauplätzen aus Gabos Leben begegnen Besucher auf Spaziergängen durch die malerische Altstadt Cartagenas aber vor allem Szenen und Orten aus seinen Romanen.

Im Park Fernández de Madrid erinnert Oliveros daran, wie Gabo hier den jungen Florentino stundenlang im Schatten der Mandelbäume auf Fermina warten ließ. Die Szene stammt aus seinem Erfolgsroman "Die Liebe in den Zeiten der Cholera".

Stadt hat den Schriftsteller beeinflusst

García Márquez verbrachte nur einige Jahre in Cartagena, lebte danach in Europa und zuletzt in Mexiko. "Doch die Stadt beeinflusste sein Werk wie kein anderer Ort auf der Welt", versichert Oliveros. So wollte er auch, dass ein Teil seiner Asche hier beigesetzt wird.

Das karibische Flair, die pastellfarbenen Häuser mit blumengeschmückten Holzbalkonen, verträumte Innenhöfe, weiße Strände, imposante Kolonialgebäude, die spanische Festung San Felipe de Barajas - Cartagenas quirlige Altstadt, Unesco-Weltkulturerbe, verzauberte García Márquez.

"Onkel Gabito liebte Cartagena. Er kehrte immer wieder zurück. Zumal auch seine Mutter und Geschwister hier weiterhin lebten", erklärt Melissa Hernández. Sie kannte ihn gut. Ihre Familien sind eng befreundet. Melissa, Chefköchin, führt heute Touristen auf den gastronomischen Spuren von Gabos Büchern durch die Altstadt.

Auf der Plaza de los Coches herrscht buntes Treiben: Pferdekutschen holpern über das Kopfsteinpflaster. Unter den Arkaden der Kolonialhäuser verkaufen Händlerinnen lokale Süßwaren aus Kokos und Rohrzucker, die Gabo ebenfalls in seinen Romanen erwähnt. Weltliteratur zum Nachleben.

Ameisen mit großen Hinterteilen

Rund eine Flugstunde südlich von Cartagena lockt auch Barichara mit einem Gaumenschmaus, aber einem ästhetisch erst einmal gewöhnungsbedürftigen - geröstete Riesenameisen. Eigentlich sind nur die Hinterteile groß, weshalb die Gourmet-Insekten auch "Hormigas culonas" (dickärschige Ameisen) genannt werden.

Margarita Higuera zupft nur die Flügel ab, legt die Ameisen in Mehl ein, und ab in die Tonpfanne. Knusprig und salzig schmecken sie. "Die Ameisen haben eine fast 500 Jahre alte Tradition in der Küche der Urbevölkerung, dem Stamm der Guane", erklärt Ernährungsexpertin Higuera. Aphrodisierend sollen sie sein und viele Proteine haben.

Wer im Frühling auf dem Camino Real von Barichara ins Dorf wandert, kann die Bauern auf der Suche nach den Ameisen sehen. Der "Königsweg" der spanischen Konquistadoren war lange in Vergessenheit geraten, bis der deutsche Kaufmann und spätere Großgrundbesitzer Georg von Lengerke ihn im 19. Jahrhundert wiederentdeckte und erneut begehbar machte. Der schmale, sieben Kilometer lange Steinweg führt vorbei an Kakteen und Akazien durch den Canyon hinunter bis nach Guane.

Nationalmonument als "Ort der Erholung"

Guane gleicht ein wenig Barichara: Gepflasterte Straßen, weiß verputzte Lehmhäuser mit roten Ziegeldächern, alte Kirchen. Eine Reise ins Kolumbien der Kolonialzeit - und alles wirkt trotzdem wie neu. Kein Wunder, dass in Barichara viele lateinamerikanische Telenovelas gedreht werden. Die Kleinstadt auf 1200 m Höhe ist fast kitschig schön und seit 1978 Nationalmonument. So kann es hier im Sommer auch richtig voll werden. Doch außerhalb der kolumbianischen Ferienzeit macht Barichara seinem Namen alle Ehre. In der Sprache der Guane bedeutet er "Ort der Erholung".

Man schlendert durch die steilen Kopfsteinpflastergassen, besucht die Kapellen, Plätze oder den Friedhof mit seinen künstlerisch einzigartigen Grabsteinen. Es gibt viele Skulpturen von lokalen Künstlern in den Parks zu sehen, dazu gute Restaurants. Aber viel zu tun gibt es nicht.

Dafür ist die Umgebung um so spannender. Schroffe Berge, tiefe Canyons und riesige Wasserfälle machen die Region zu Kolumbiens Outdoor-Paradies. Eine halbe Stunde von Barichara entfernt befindet sich San Gil. Hier wird Adrenalinjunkies einiges geboten - Abseilen, Höhlenexpeditionen, Gleitschirmfliegen, Mountain-Bike. Doch eine der touristischen Hauptattraktionen der alten Kolonialstadt sind die zahlreichen Dinosaurierfunde.

Paläontologen bei der Arbeit über die Schulter schauen

"Heute befindet sich unsere Region im Zentrum Kolumbiens. Doch vor Millionen von Jahren war hier eine Meeresbucht. Deshalb haben wir die größte Sammlung maritimer Reptilienfossile Südamerikas", erklärt Juan de Dios vom paläontologischen Forschungszentrum, in dem Besucher bis zu 300 versteinerte Dino- und Schalentierfossile bewundern können. "Darunter auch die älteste Meeresschildkröte, die jemals gefunden wurde. 125 Millionen Jahre ist das Fossil alt", sagt Juan de Dios stolz. In dem Zentrum kann man den Paläontologen durch eine Scheibe beim Säubern und Präparieren der Fossilien über die Schulter schauen.

In der Region gibt es so viele Funde, dass sie gleich in verschiedenen Freilichtmuseen ausgestellt werden müssen. Im Museum "El Fósil" ist eines der weltweit größten versteinerten Skelette eines Krokodilähnlichen Kronosaurus zu sehen. Oftmals sieht man in Villa de Leyva sogar in Steinwänden und Treppen ganz normaler Häuser prähistorische Fossilien, weil die Steinblöcke als Baumaterial benutzt wurden.

Ein richtiger Hingucker ist aber das 1572 gegründete Villa de Leyva selber. Das koloniale Juwel auf 2100 Meter Höhe zählt gerade einmal 9000 Einwohner, hat mit seinem 120 mal 120 Meter messenden Zentralplatz aber einen der größten Plätze in ganz Amerika. Rundherum reihen sich alte Gebäude, Kirchen und sechs Museen. In seinen Gassen aus Kopfsteinpflaster scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kolumbiens koloniales Erbe hat viele Überraschungen zu bieten. (dpa)