Costa Rica - Pura Vida

Ficus und Farne auf dem grünen Berg

In Costa Rica erzählt man sich, dass Gott seinen Pinsel im Río Celeste auswusch, nachdem er den Himmel blau gefärbt hatte. Entsprechend intensiv sind viele Eindrücke in dem mittelamerikanischen Land. Gut zu wissen auch, dass die Gastgeber auf Natur und Nachhaltigkeit setzen.

"Wie spät ist es?" Die Surf-Stunde mit Marlon Illig (20) an diesem frühen Morgen müsste längst zu Ende sein. Doch der Lockenkopf mit deutschen Wurzeln im hessischen Heidenheim weiß es auch ohne Uhr ganz genau: "Noch fünf Wellen!" Klasse! Noch fünf Versuche, aus der Bauchlage auf dem Brett in den Stand zu kommen - ohne sich ruckzuck wieder im feuchten Nass des Pazifiks wiederzufinden.

Vergessen ist die lange Anreise mit insgesamt vier Flügen von Frankfurt bis ins costa-ricanische Nosara auf der Halbinsel Nicoya. Und als Marlon am Ende noch lobt, dass man es geschafft hat, auf dem Brett zum Stehen zu kommen, lassen sich die Glückshormone kaum bändigen.

Mit dem Brett unterm Arm geht es zurück zum Hotel durch 200 Meter Regenwald - näher am Strand darf nicht gebaut werden. Die dicken Krabben mit dem bläulichen Rücken verschwinden hurtig in ihren Löchern, kaum ist man in Sicht. Gut so.

Man hat ohnehin das Gefühl, von unzähligen Augen beobachtet zu werden. Das Gefühl lässt einen auch nicht los im weiteren Verlauf der zu kurzen Reise durch dieses faszinierende Land, das gerade mal die Ausmaße von Niedersachsen hat.

Eingebettet in diese tropische Regenwaldkulisse finden sich an der Westküste die beliebtesten Strände des Landes. Die Halbinsel hat sich dem Ökotourismus verschrieben, diese Küstenregion ist weitgehend naturbelassen. Das gilt auch für die meisten Straßen. "Wir haben keine gepflasterten Straßen, die Sterne sind unsere Straßenlaternen", sagt Surfschool-Gründer Tim, "aber wir haben viel Komfort." Und meint damit unter anderem WLan, Kabel-TV, Shopping.

Vor fast 20 Jahren hat er sich an der Playa Guiones (südlichster Strand der Gegend, sieben Kilometer lang) mit seiner Surf-Schule niedergelassen. Dort türmen sich die Wellen des Pazifiks zu beträchtlichen Brechern, was den Strand zu einem der besten Surfreviere der Welt macht. Seit Ende 2015 komplettiert ein Hotel das Angebot: das Olas Verdes ("grüne Wellen").

Wer mit Wellenreiten nichts am Hut hat, erholt sich bei Yoga, Wandern, Radfahren oder Reiten am Strand. Oder beim Beobachten von Schildkröten. Oder macht eine Kajaktour durch den Mangrovenwald. Hier, im Delta der Flüsse Rio Nosara und Rio Montaña, tummeln sich wieder etliche Tiere. Fotografiert wird mit den Augen. Das Krokodil war zum Glück nicht zu erblicken.

Auffällig, und zwar im positiven Sinn, ist das Thema Nachhaltigkeit - englisch "sustainability", spanisch "sostenibilidad". "Wir müssen sorgsam mit allem umgehen", sagt Guillermo Vargas, während er eine Besuchergruppe über seine kleine Kaffeefarm führt. "Schließlich sollen meine Enkel hier auch leben können." Allerdings nicht vom Tourismus allein.

Vargas steht einem Gemeinschaftsfonds vor und leitet eine Kaffeegenossenschaft. Auf seiner Farm wird Obst und Gemüse angebaut. Ziegen, Hühner und Schweine leben dort und machen die Farm unabhängig. Samt eigener Kläranlage und der Produktion des hervorragenden Humus für die Kaffeepflanzen.

Costa Rica hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Es wird in die Jugend investiert. Viele Sport- und Spielplätze sind zu sehen. Das Land hat sich dazu verpflichtet, bis 2021 klimaneutral zu werden. In den Hotels, ob am Pazifik oder im Landesinnern, verzichtet man auf Plastikfläschchen mit je einer großen Portion Shampoo, Seife oder Bodylotion.

Stattdessen umweltschonende Angebote landeseigener Produkte. Im Olas Verdes bekommen alle Gäste beim Check-in eine schicke Trinkflasche geschenkt. Sie macht immer neue Plastikflaschen überflüssig.

Im Boutique Hotel Lagarta Lodge fühlen sich die Betreiber der Zukunft verpflichtet. Das Haus verfügt über die maximal erreichbare Auszeichnung von fünf Blättern des CST-Zertifikats ("Certificación para la Sostenibilidad Turística"), das an strenge Auflagen geknüpft ist.

Dazu gehören Recycling und die Berücksichtigung regionaler Produkte in Bio-Qualität, der Einsatz von Solarpanels und eine eigene Wasserwiederaufbereitung. Das Hotel unterstützt Bildungs- und Naturschutzprojekte. Kunststoff sucht man vergeblich. Selbst die Trinkhalme sind aus Bambus.

Die Costa-Ricaner, die sich "Ticos" und "Ticas" nennen, sind stolz auf die üppige Natur. Das kleine Land beherbergt fünf Prozent der weltweiten Artenvielfalt und 3,5 Prozent des Meereslebens. Costa Rica produziert fast 93 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien, rund 25 Prozent seines Gebiets steht unter Naturschutz.

Ein Besuch in der Nebelwaldregion Monteverde gehört beinahe standardmäßig zur Reise. Zu erreichen ist die Region nach einer fast abenteuerlichen Fahrt über holprige Pisten. Die fantastischen Panoramen erinnern an manche Strecken in Österreich - und entschädigen fürs Ruckeln. Die Temperaturen auf einer Höhe zwischen 1330 und 1550 Metern sind ganzjährig "kühl": zwischen 13 und 24 Grad Celsius. Jacke nicht vergessen!

Monteverde - "grüner Berg". Das private Nebelwaldreservat macht seinem Namen alle Ehre. Es regnet reichlich, die Luft ist extrem feucht. Die bemoosten Bäume haben keine Jahresringe. Warum nicht? Sie haben keine Wachstumspause! Lianen, Orchideen, baumhohe Farne, Bromelien, Bambus und Ficus sind einige der mehr als 2500 Pflanzenarten, die hier wachsen.

Auf Affen, Opossum, Ozelot, Tapir und Jaguar stoßen die Besucher selten. Die Tiere leben eher im unzugänglichen Teil des Reservats, das 1972 auf Privatinitiative gegründet wurde und heute rund 10 500 Hektar umfasst. Für 15 US-Dollar Eintritt kann es täglich besucht werden.

Die sechs Kilometer lange Runde dauert etwa fünf Stunden. Ausgangspunkt ist der Ort Santa Elena im Zentrum der Region. Eine Gruppe Quäker aus den USA ließ sich in dieser Gegend um 1950 nieder, um dem Militärdienst im Koreakrieg zu entgehen.

Ganz in der Nähe lässt sich der Nebelwald auch auf ganz andere Art erleben: von oben! Via Skywalk, Skytrek und Skytram. Der Walk führt über ein System von Hängebrücken durch die Baumkronen. Die Perspektive ist so ganz anders und lässt jede Höhenangst vergessen. Skytrek ist die Walk-Variante für Abenteuerlustige: Gesichert durch Becken- und Brustgurt gleitet man übers Tal. An Stahlseilen, die zwischen den Baumriesen gespannt sind. Verursacht der erste Rutsch noch Magengrummeln, ist jeder weitere ein Genuss.

Der Nationalpark am Fuße des Vulkans Tenorio bietet mit dem Rio Celeste und einem imposanten Wasserfall ein wahres Farbspektakel. Das Besondere ist seine türkisblaue Farbe, die dem Rio Celeste seinen Namen gegeben hat. Weiter geht es zu den heißen Quellen im Fluss, den Aguas Termales. Gekrönt wird die Tour von einem herrlichen Blick auf den Vulkan Tenorio (1961 m).

Das bezaubernde Naturwunder ist einfach erklärt: Mineralien färben das Wasser des Río Celeste himmelblau ("celeste"). Das Wasser im Becken unterhalb des Wasserfalls schimmert ebenfalls himmelblau und sorgt für eine magische Atmosphäre. In Costa Rica erzählt man sich, dass Gott seinen Pinsel im Río Celeste auswusch, nachdem er den Himmel blau gefärbt hatte.