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Tour zwischen Armut und Geschichte: Touristen entdecken Soweto
Von Michael Zehender, dpa
Johannesburg. Einst wagte sich kaum ein Ausländer freiwillig in das South Western Township bei Johannesburg. Doch seit dem Ende der Apartheid wird Soweto zu einem Anziehungspunkt für Touristen - nicht nur wegen des berühmtesten Südafrikaners Nelson Mandela.
Einst wurde hier Strom für ganz Johannesburg produziert. Heute ist das Kraftwerk von Soweto eine Attraktion für Touristen und Einheimische. Zwischen den beiden riesigen Kühltürmen hat ein Unternehmen eine Brücke gespannt. Wagemutige stürzen sich von dort am Bungeeseil in die Tiefe. Doch auch von unten sind die Türme eine der Sehenswürdigkeiten des South Western Townships - dafür steht die Abkürzung Soweto. Künstler haben die Klötze mit Alltagsszenen aus ihrem Viertel bemalt.
Das Kraftwerk ist ein Symbol für den Wandel von Soweto. Nach wie vor verbinden die meisten Besucher von Johannesburg mit dem Township vor allem Armut und Kriminalität. Die gibt es auch - an vielen Stellen sind ärmliche Blechhütten zu sehen, mitten auf der Straße schlachten Männer eine Kuh, an einem Brunnen stehen Frauen Schlange, weil es in ihren Häusern kein fließendes Wasser gibt. Viele Ecken von Soweto sollte man vor allem nachts meiden.
Aber es gibt auch die andere Seite von Soweto: Eine Mittelschicht hat sich etabliert, viele Häuser werden saniert - und Touristen haben Soweto entdeckt. Zahlreiche Ausländer begeben sich mit einem Führer zu Fuß oder im Kleinbus auf Besichtigungstour. Vor allem tun sie das natürlich wegen der spannenden Geschichte von Soweto, das als Synonym für das Aufbegehren der Farbigen gegen das Apartheids-Regime steht.
Lange Zeit hatten Schwarze und Weiße in Johannesburg ohne größere Probleme zusammengelebt. Erst als mit dem Goldfieber immer mehr schwarze Arbeiter in die Gegend strömten, beschloss die Regierung, Schwarze in Townships umzusiedeln. 1963 entstand Soweto offiziell als Zusammenschluss mehrerer schon bestehender Townships.
Der 16. Juni 1976 ist ein Wendepunkt der Geschichte von Soweto. An diesem Tag wurde der Schüler Hector Pieterson von einem Polizisten erschossen. Gemeinsam mit seinen Mitschülern hatte er gegen den Beschluss der Regierung demonstriert, Afrikaans als Sprache an den Schulen einzuführen. 500 Menschen starben bei den folgenden Unruhen. In Soweto erinnert heute ein eindrucksvolles Denkmal an Pieterson. Direkt nebenan zeigt ein Museum die Geschichte des Aufstands.
Vor allem ist Soweto aber wegen eines Mannes bekannt: Nelson Mandela. Sein ehemaliges Wohnhaus in der Vilakazi Street 8115 beherbergt heute ein Museum. Im Jahr 2009 wurde es renoviert und wieder in den Originalzustand versetzt. Noch zu sehen sind Einschusslöcher von Polizeikugeln an der Außenwand. Im Inneren finden sich unzählige Briefe, Bilder und persönliche Gegenstände des südafrikanischen Nationalsymbols.
Im Gegensatz zu Nelson Mandela, der heute in Johannesburg wohnt, lebt der zweite Friedensnobelpreisträger aus der Vilakazi Street, Erzbischof Desmond Tutu, noch immer in seinem ursprünglichen Haus - nur ein paar Schritte von Mandelas Haus entfernt. Zu sehen ist davon allerdings nur eine große Mauer.
Freiwillig draußen bleiben Touristen wohl auch beim Chris Hani Baragwanath Hospital. Es ist angeblich das größte Krankenhaus der Welt - und damit auch eine Pflichtstation bei Soweto-Touren. 3200 Betten hat es, 6760 Angestellte arbeiten hier. Unter angehenden Medizinern ist es sehr beliebt. Wo sonst haben sie schon die Möglichkeit, regelmäßig Schuss- und Stichwunden zu behandeln? Da ist sie wieder, die dunkle Seite von Soweto.
Artikel vom 26.10.2012
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