Am Roten Meer in Ägypten

El Gouna ist zurück auf der touristischen Agenda

El Gouna. Die Privatstadt El Gouna am Roten Meer feiert 2019 ihr 30-jähriges Bestehen. Milliardär Samih Sawiris schuf die Enklave als perfektes Urlaubsparadies und Refugium für reiche Ägypter. Jetzt füllt sich das Resort nach Krisenjahren langsam wieder.

Geröllwüste, so weit das Auge reicht, alles staubig und trocken auf der Piste vom Flughafen Hurghada in Richtung Norden. Gelegentlich unterbrechen Wohnsilos und trostlose Bauruinen die Ödnis. Doch keine 25 Kilometer später wird alles anders. Der Bus biegt am bewachten Schrankenhäuschen nach El Gouna ein - und plötzlich ist die Welt wieder bunt. Der Bus rollt über blitzsaubere Straßen, vorbei an Palmen und Blumenrabatten, an Rasen, Gärten und der türkisfarbenen Lagune. Großzügige ockerfarbene Villen im nubischen Stil und weitläufige Hotels sind zu sehen. Das ist die Welt von El Gouna - eine künstliche Welt, die vor 30 Jahren auf dem Reißbrett entstanden ist.

Die Lagunenstadt am Roten Meer gehört dem Milliardär Samih Sawiris. 1989 begann der Sohn aus wohlhabender koptischer Familie, die Lagunen aus dem Wüstenboden zu graben. Neun Jahre zuvor hatte er seinen Studienabschluss als Diplom-Ingenieur in Berlin gemacht. Sawiris schwebte mit den neun Millionen Quadratmetern Land, die er gekauft hatte, womöglich eine Art Saint-Tropez oder Klein-Venedig des Orients vor. Seine Idee der perfekten Freizeitstadt zog jedenfalls, der Ferienort nach europäischen Maßstäben wuchs und wuchs, die gute Infrastruktur spricht bis heute viele an.

Aktuell leben mehr als 20.000 Menschen dauerhaft in El Gouna. Hinzu gesellen sich die Badeurlauber, die 18 meist hochklassige Hotels und Resorts sowie mehr als 100 Restaurants und Bars vorfinden. In der abgeschotteten, gut gesicherten Enklave zwischen Rotem Meer und Arabischem Gebirge werden zwei Golfplätze betrieben, drei Marinas, ein Krankenhaus, das zu den besten in Ägypten zählt - und sogar ein eigenes Weingut, das preisgekrönte Tropfen produziert.

Wein aus der Wüste

Alles geht auf Sawiris zurück und natürlich ist auch die Weinherstellung eine Idee des weltoffenen Unternehmers. Sawiris wollte unbedingt einen "trinkbaren ägyptischen Wein" produzieren und engagierte dafür 2005 das libanesische Ehepaar Labib und Rania Kallas. Er (in Frankreich) gelernter Winzer, sie Marketingfachfrau und Sommelière. "Wein zu machen in der Wüste, das schien unmöglich zu sein. Doch wir haben den Traum wahr gemacht", sagt die 40-jährige Libanesin.

Rania Kallas öffnet die Tür zu einer unscheinbaren Gewerbehalle am Rande El Gounas, die sich als moderne Kelterei "Kourum of the Nile" entpuppt. Die großen Edelstahltanks für den Rebensaft könnten auch in Dernau an der Ahr stehen. Ein Weinberg wächst gleich vor der Tür im Wüstensand. Die Anbaufläche dient allerdings mehr Showzwecken. Die Reben für den El Gouna-Wein gedeihen - nach langem Experimentieren - am Nil in der Nähe von Alexandria. Sie hätten gewässert wie verrückt, vergeblich. In El Gouna misslang die Rebzucht, erzählt Rania Kallas und holt "Shahrazade", "Beausoleil d'Egypte" und "Le Baron" zur Probe hervor, Rot- und Weißwein, Rosé und Vino Frizzante Secco.

Die Kellerei darf nur für den Eigenbedarf des Firmenimperiums von Samih Sawiris, also für die Hotels in El Gouna, produzieren, nicht werben und keine Weine exportieren. Die Mitarbeiter sind Christen. Die ägyptischen Behörden kontrollieren alles genau, lassen Sawiris' Firma aber gewähren. Andernorts im islamischen Ägypten wäre eine Weinkellerei undenkbar. Doch die Privatstadt am Roten Meer ist anders. Mit Mülltrennung und -recycling, penibler Sauberkeit, einer eigenen Meerwasserentsalzungsanlage, freiem Wlan im gesamten Resort - und rustikalem deutschen Landbrot: "Wir bauen nächstes Jahr eine zentrale Bäckerei für El Gouna. Da wir ja 70 Prozent deutsche Gäste haben, wird ein Sauerteigbrot gebraucht", sagt Robert Fellermeier, Chef aller 18 Hotels in der Lagunenstadt. Für den Freisinger, der für Sawiris Orascom-Gruppe arbeitet, sieht angesichts ewiger Sonne ein gemütlicher verregneter Sonntagnachmittag so aus: "Vorhänge zu, Dusche an. Wenn ich gefragt werde 'geht dir das Grün nicht ab?' sage ich: Dafür haben wir das schöne Blau."

Hinter den Mangroven beginnt das Meer

Meeresblau wollen natürlich auch die Urlauber, die gegen acht Uhr bereits beim Frühstück auf der Terrasse ihres Hotels sitzen mit Blick auf die Lagune. Will man den Tag so richtig auskosten in El Gouna, sollte man früh aufstehen, am besten so gegen sechs Uhr, wenn die Sonne aufgeht. Ganz ruhig ist es dann am Lagunenstrand des Hotels Sheraton Miramar, dem ein kleines Mangrovenwäldchen vorgelagert ist. Der Himmel schimmert diesig, bis mittags setzt sich aber die Sonne durch und das Thermometer steigt auf Werte um die 30 Grad. Die Lagune ist in wenigen Minuten durchschwommen. Hinter den Mangroven beginnt das Meer, doch bis man zum Schwimmen in tieferes Wasser gelangt, muss man sehr weit hinauswaten. Was Schwimmer und Schnorchler eher stört, gefällt Kitesurfern: Für sie ist El Gouna eines der besten Reviere der Welt, da fast immer Wind herrscht. Surfer gehen einen Kilometer hinaus und stehen immer noch hüfttief im Wasser. Schnorchler haben es nicht ganz so gut, denn die Fische sind weiter draußen. Boote der Tauchcenter bringen Gäste zu den besten Schnorchelspots. Am "Shaab el Erg", ein Riff 20 Kilometer vor der Küste, können Schwimmer mit Delfinen tauchen.

Shuttleboote schippern Touristen durch die Lagunenkanäle und Tuktuks kutschieren zum Standardpreis von einem Euro an jeden beliebigen Platz in der Stadt. Zum Beispiel in die Marina Abu Tig, wo viele kleine Boote und Yachten vor Anker liegen. Oder nach Downtown, wo Händler im "Art Village", einem nachgebauten ägyptischen Suk, Kunsthandwerk anbieten und jeden Besucher freudig begrüßen. Ein paar junge Männer sind die einzigen, die am Nachmittag im Café Tamr Henna auf dem Marktplatz Wasserpfeife und Minztee genießen. Keine Touristen - sie seien Reiseleiter, erklärt einer lachend. Einen herrlichen, weiten Blick über El Gouna gewährt der Golftower. Hinter den Bergen der Arabischen Wüste versinkt im Winter bereits gegen 17 Uhr malerisch die Sonne. Der Golfplatz unterhalb ist leer und auch am weiten Strand des Hotels Mövenpick sind am Nachmittag nur wenige Liegen unter den ausladenden Bastschirmen besetzt.

"Die sieben mageren Jahre sind vorbei"

Die Krisenjahre Ägyptens haben auch El Gouna nicht verschont. Doch allmählich wird es besser, seit 2017 ist Ägypten wieder auf der touristischen Agenda. "Die Leute haben keine Vorbehalte mehr gegen das Land. Auch in der Nilregion läuft es wieder erfreulich", sagt Ralph Schiller, Geschäftsführer von FTI, dem viertgrößten Reiseveranstalter Europas. Allerdings läuft es bei weitem noch nicht so blendend wie früher. 2010 strömten 15 Millionen Sonnen- und Kulturhungrige ins Land. Nach dem arabischen Frühling 2011, Unruhen und Umstürzen erlebte der Ägypten-Tourismus 2016 seinen Tiefpunkt mit 4,5 Millionen Besuchern. Von ehemals 220 Kreuzfahrtschiffen zu besten Zeiten auf dem Nil sind aktuell rund 80 unterwegs, zur schlimmsten Krisenzeit waren es gerade mal 20.

"Die sieben mageren Jahre sind vorbei", wird Sawiris biblisch und investiert mit seiner Orascom-Gruppe Millionenbeträge in Renovierungen der Hotels in der Lagunenstadt - und in den Kleinflughafen von El Gouna. Von dort aus sollen Passagiere ab kommendem Frühjahr bequem das alte Ägypten erreichen mit seinen Tempeln und Pharaonengräbern in Luxor und Kairo. Zurzeit muss man dafür noch die Propellermaschine am Flughafen Hurghada nehmen. Eintauchen ins Altertum auf die Schnelle. Der Flug nach Luxor mit "Petroleum Air Services" dauert nicht mal eine Stunde.

Dann lässt sich das Weltkulturerbe am Nil entspannt bestaunen. Altertumsliebhaber konnten die historischen Stätten wohl selten derart unbehelligt von Massenansturm und ohne Gedränge genießen wie zurzeit. Am Totentempel der Königin Hatschepsut am westlichen Nilufer zum Beispiel sind die Besuchergruppen derzeit überschaubar. Man wartet keine fünf Minuten auf die Bimmelbahn, die die Gäste zu dem großartigen Monument mit den breiten Treppenaufgängen fährt.

So kann man die Relikte des alten Theben, das fast tausend Jahre Hauptstadt des ägyptischen Reiches war, in Ruhe auf sich wirken lassen. Das gilt auch für die berühmte Säulenhalle von Karnak und den Luxor-Tempel, dessen Ausmaße einfach nur staunen lassen.

Zu alter Blüte hat Luxor noch längst nicht zurückgefunden. Der Blick in die Gassen verrät Armut. Die Menschen haben vom Tourismus gelebt - und der blieb jahrelang aus. Nun hoffen die Ägypter, dass die Besucher in großen Scharen wieder ins Land der Pharaonen zurückkehren.