Kiez-Geh-Rock-Revue in Hamburg

Mit frohem Sang durch Sankt Pauli

Bonn/Hamburg. In München steht ein Hofbräuhaus", "Viva Colonia", "Hamburg, meine Perle" - jeder deutschen Stadt, die etwas auf sich hält, wurde schon ein Lied gewidmet. Was jedoch die Hansestadt im Norden angeht, gibt es abseits von Alster-Spaziergang, Hafenrundfahrt und Einkaufsbummel auf der Mönckebergstraße noch eine andere Seite, die mit Perlen nichts zu tun hat: In Hamburg gibt es auch noch "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins".

In den dreißiger Jahren von Volkssänger Hans Albers populär gemacht, hat das Lied, abgesehen von der schroffen Seemanns-Romantik, nichts an Charme und Aktualität eingebüßt.

Im Wandel befindet sich jedoch das Viertel, das Albers besingt: Sankt Pauli wird zunehmend von der Arme-Leute-Gegend zum Magneten für junge Hipster, jung gebliebene Porsche-Fahrer oder schlichtweg für Leute mit Geld. Besonders gut zu beobachten ist dies ausgerechnet an der Straße, die wie keine andere für Krawall und die autonome Szene steht: der Hafenstraße.

Besonders in den achtziger Jahren gaben Hausbesetzer hier der Staatsmacht kontra. "Wenn man heute mit Polizisten redet, erzählen sie, dass es durch den Zuzug der Reichen mittlerweile so viele Beschwerden wegen Lärmbelästigung gibt wie nie zuvor", sagt einer, der es wissen muss. Tiegervogel nennt er sich und bildet mit seinem Partner Aal Fatal das wohl schrägste und zugleich authentischste Duo unter Hamburgs Stadtführern.

Seit anderthalb Jahren laden sie ein zur "Kiez-Geh-Rock-Revue". Die zweieinhalb Stunden lange Tour fördert ein St. Pauli zu Tage, das eher abseits liegt von Neonlichtern, Tabledance und Touristenlärm, dafür aber anekdotisches Insiderwissen mit der passenden musikalischen Untermalung bietet. Die "Kiez-Geh-Rock-Revue" kombiniert eine Zeitreise durch 100 Jahre Hamburger Musikgeschichte mit Hintergrundwissen über Orte, die der gewöhnliche Besucher nicht zu Gesicht bekommt.

Der erste Popstar Hamburgs

Das gilt auch für den Hein-Köllisch-Platz, den eigentlichen Startpunkt der Tour. Da diesen Platz aber kaum ein waschechter Hamburger finden würde, geht es los am Beatles-Platz mitten auf der Reeperbahn. "Hello Goodbye" trällern die beiden Stadtführer stilecht zur Begrüßung, es ist ein Klassiker der Fab Four aus Liverpool. Lange bevor die Beatles es zu Popstars in Hamburg brachten, war dies Hein Köllisch gelungen. "Hein war der erste Popstar Hamburgs", erzählt Aal Fatal.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert, als Sankt Pauli seinen Vorstadtstatus losgeworden war, wurde Köllischs "Lied vom Tüddelband" in ganz Hamburg populär und ist es bis heute. Wem der Text auf Hamburger Platt nichts sagt, für den übersetzen Tiegervogel und Aal Fatal, denn: "Ein jeder aber kann dat nich, denn he mutt ut Hamborg sein."

Kaum ausgeschnackt, führen die beiden in Richtung Hafenstraße zum Antoni-Park, immer ihrem Motto nach: "Mit frohem Sang und Redeschwall, mit weisen Worten und leichtem Knall." Aber sie meinen es ernst. "Es geht um Liebe", sagt der Tiegervogel, "und zwar um echte Liebe. Nicht um die Herbertstraße und so weiter."

Um Liebe geht es auch beim Antoni-Park, der einen spektakulären Blick auf den Hafen bietet. Denn ohne die Liebe der Bewohner Sankt Paulis zu ihrem Viertel, ohne deren Bürgerprotest, wäre der kleine Park mit seinen welligen Rasenflächen und Palmen aus Stahl nie entstanden. Ein neuer, teurer Wohn- und Bürokomplex sollte stattdessen entstehen.

Doch die Anwohner setzten sich durch. "Und so kommt es, dass hier anstelle von Hochhäusern heute Palmen stehen", sagt Tiegervogel. Ein positiver Nebeneffekt des Parks ist, dass mit dessen Entstehung auch der benachbarte Golden Pudel Club erhalten geblieben ist, der selbst ernannten "Elbphilharmonie der Herzen".

Freigetränk vom Kiosk

Viele bekannte Hamburger Bands sind hier groß geworden. Der Club wird geführt von Rocko Schamoni und Heinz Strunk - den deutschlandweit bekannten Buchautoren, Schauspielern und Entertainern. "Er ist ein Bollwerk gegen das, was drumherum passiert", erklärt Aal Fatal, bevor Kollege Tiegervogel auf die erwähnten Polizeieinsätze wegen Lärmbelästigung zu sprechen kommt - der Golden Pudel Club hat jeden Abend geöffnet.

Über die Hafenstraße führt die "Kiez-Geh-Rock-Revue" mit kruden Theorien über Klaus Störtebeker, lustigen Anekdoten über den FC St. Pauli und mit einem Freigetränk vom Kiosk weiter zum Hans-Albers-Platz und schließlich zurück zur Reeperbahn. Nach Storys über Udo Lindenberg und den Fanclub der Punkband Turbonegro, der Turbojugend, endet die Tour schließlich am Star Club, in dem die Beatles ihre großen Erfolge feierten.

Dort trällern Tiegervogel und Aal Fatal noch einmal "Hello Goodbye", bevor es dann halb eins wird, nachts auf der Reeperbahn. "Wusstest du schon", sagt der Tiegervogel noch zum Aal Fatal, "Hans Albers hatte übrigens ein Toupet."

 

Kiez-Geh-Rock-Revue

Termine: Mi (19 Uhr), Sa (17.30 Uhr), So (13 Uhr) und nach Vereinbarung. Kosten: 23 Euro inkl. Getränk. Buchung Tel. (0176) 49045300

www.kiezgehrockrevue.de

 

Unterkunft

Stilecht Wohnen kann man in der Superbude, einer Mischung aus Hostel und Hotel. Es gibt sie im Stadtteil St. Georg (Spaldingstr. 152) oder in St. Pauli (Juliusstr. 1-7). In bonbonfarbenen Zimmern lässt es sich nach einer langen Nacht auf dem Kiez entspannen - ob Student, Familie oder Geschäftsmann. Gepolsterte Astra-Bierkästen dienen als Sitzgelegenheiten beim umfangreichen Frühstücksbuffet. W-Lan ist gratis, kumpelhafte Atmosphäre und freundliches Personal sowieso. Doppelzimmer gibt's ab 59 Euro.

www.superbude.de

 

St. Pauli-Tipps

  • Manch einer behauptet, man sei nur wirklich auf dem Kiez gewesen, wenn man einen "Mexikaner" getrunken hat. Den gibt's im Kiek ut, einer Kaschemme, in der sich junge Schnösel und gestandene Arbeiter treffen. Das Kultgetränk besteht aus Korn, Tequila, Wodka, Tomatensaft und Tabasco.
  • Wer viel zu Fuß unterwegs war und bei leckeren Snacks und Drinks eine Pause braucht, der geht in die Antonistraße 4 zum Couch Kapitän. Alte Polstermöbel und gedimmtes Licht laden zum Versacken ein.
  • Neben dem Besuch des Hafens unweit von St. Pauli (viele Fahrkarten gelten für Bus, Bahn und Schiffe) ist der Elbstrand ein attraktives Ziel. Die üblichen Touristenfallen umgeht man mit einem Besuch der Cafés Strandperle und Ahoi. Letzteres bietet hausgemachte Suppen und Knabbereien, die Strandperle besonders vom Oberdeck im 1. Stock einen spektakulären Blick auf die Hafenanlagen.

www.strandperle-hamburg.de