Reportage Kambodscha

Ein Stück Kambodscha zum Mitnehmen

BONN. Eine Reise nach Siem Reap lohnt nicht nur wegen der spektakulären Tempelanlagen von Angkor Wat. Auch die Schauwerkstätten von Artisans Angkor sind einen Besuch wert.

Die kleine Stinkbombe ist ihr Lieblingsmotiv. Mit aufgekrempelten Ärmeln sitzt Doem Manam am Werkstatttisch und führt ihren feinen Pinsel mit langsamen, fließenden Bewegungen über die schwarz glänzende Oberfläche eines kleinen Wandbildes. Sie malt eine Durianfrucht, die vielen Menschen gut schmeckt, aber einen Geruch verströmt, der mehr als gewöhnungsbedürftig ist. „Ich mag ihre runden Formen“, sagt die 38-jährige Kambodschanerin. „Und sie ist nicht schwer hinzukriegen.“ Daheim in ihrer kleinen Wohnung hat sie auch so ein Bild hängen.

Sie arbeitet in einer Schauwerkstatt, nur ein paar Schritte vom quirligen Old Market in Siem Reap entfernt. Von ihrem Tisch aus blickt sie in einen tropischen Garten, um den sich weitere Werkstätten gruppieren. Die Touristen, die hier eine kostenlose Führung mitmachen, können hautnah erleben, wie Kunsthandwerker Buddha-Skulpturen aus Sandstein meißeln, Elefanten aus Rosenholz schnitzen, Silberschmuck hämmern oder Seidenschals herstellen. Und Touristen gibt es reichlich in der Provinzhauptstadt, die das Tor zum Weltkulturerbe von Angkor Wat bildet: Die geheimnisvollen Tempelanlagen im kambodschanischen Dschungel locken jedes Jahr mehrere Millionen Besucher an. Siem Reap erlebt deshalb einen Bauboom: In den Außenbezirken entstehen immer mehr große Hotels.

Doem Manam beherrscht die traditionelle Lackmalerei der Khmer, der Bevölkerungsmehrheit in Kambodscha. Dabei werden Wandbilder, Serviertabletts oder Schmuckkästchen mit Schichten von Lack überzogen, oft in Dunkelrot oder Schwarz, und dann in kontrastreichen Farben verziert. Dieses Kunsthandwerk war in dem südostasiatischen Land beinahe ausgestorben, genau wie die Seidenmalerei, die Steinmetz- und die Holzschnitzerkunst.

Denn die, die sie einst pflegten, fielen zu Tausenden dem Wahnsinn der Roten Khmer zum Opfer. Das mörderische Regime unter Pol Pot war zwischen 1975 und 1979 für den Tod von rund 1,7 Millionen Landsleuten verantwortlich, die in Foltergefängnissen starben, auf den Killing Fields erschlagen wurden, an Hunger, Krankheit und Entkräftung bei der Zwangsarbeit auf den Feldern zu Grunde gingen. Gezielt löschten die Steinzeit-Kommunisten die gebildeten Schichten aus, darunter auch die Künstler und die legendären Apsara-Tänzerinnen.

Doem Manams Arbeitgeber hat dazu beigetragen, die Tradition neu zu beleben: Sie gehört zu rund 800 Kunsthandwerkern, die bei Artisans d' Angkor ein Auskommen gefunden haben – einem halbstaatlichen Unternehmen der besonderen Art. Den Malern, Holzschnitzern und Steinmetzen gehören zwanzig Prozent der Firma. Sie erhalten mit 180 bis 400 Dollar im Monat deutlich mehr als den Durchschnittslohn in dem bitterarmen Land, in dessen berüchtigten Textilfabriken viele Näherinnen mit weniger als 150 Dollar für ihre Akkordarbeit abgespeist werden. Der Gewinn wird bei Artisans Angkor nach Unternehmensangaben verwendet, um neue Werkstätten zu eröffnen und damit Jobs zu schaffen.

Insgesamt beschäftigt Artisans rund 1200 Mitarbeiter und ist der größte Arbeitgeber der Region. Es gibt eine eigene Seidenraupenfarm, um den kostbaren Rohstoff für Tücher, Schals und Kleidung zu gewinnen. Die meisten der bislang 48 Werkstätten sind in den umliegenden Dörfern eingerichtet worden, damit die Künstler bei ihren Familien leben und arbeiten können. Entwickelt hat sich das Projekt Ende der 90er Jahre aus einem Ausbildungsprogramm für junge Menschen, das mit Hilfe europäischer Fördermittel richtig Fahrt aufnahm, besonders intensiv unterstützt von der staatlichen Agentur für Entwicklung der früheren Kolonialmacht Frankreich.

„In dieser Form dürfte das ein einmaliges Projekt sein“, sagt die Bonnerin Barbara Epifanova (31). „Es gibt den Menschen, die dort arbeiten, Sicherheit.“ Epifanova kam nach ihrem Südostasien-Studium 2013 nach Kambodscha, um bei einem Projekt der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zu helfen. Artisans Angkor hat sie so begeistert, dass sie Marketingaufgaben für die Kambodschaner übernahm. Seit Jahresanfang versucht die Bonnerin, in Europa neue Absatzmärkte zu erschließen und hat die Produkte aus Siem Reap bereits auf Messen in Frankreich und Deutschland präsentiert. Denn: Die Konkurrenz in Kambodscha wächst. „Das Besondere dort bei Artisans Angkor ist die Atmosphäre“, findet Epifanova. „Die sind wie eine große Familie.“

Doem Manam war auf der Suche nach einem Job, als ihr ein Lehrer von Artisans Angkor erzählte. Weil sie Talent zum Zeichnen hatte, bewarb sie sich für die Ausbildung. Die dauert je nach Kunsthandwerk sechs bis neun Monate; die Bewerber müssen zwischen 18 und 25 Jahren alt sein und einen Aufnahmetest bestehen. Doem Manam schaffte es. „Vor allem für Frauen, die keine gute Ausbildung haben, ist das hier eine große Chance“, betont die 38-Jährige. An freien Wochenenden fährt sie mit den Kindern, mit denen sie seit ihrer Scheidung allein lebt, gern raus nach Angkor Wat. Die Tempel mit den prächtigen Ornamenten und Skulpturen sind Inspiration für sie und viele Kunsthandwerkerkollegen. Besonders mag es die 38-Jährige, mit ihrer Familie an den Ufern der künstlich angelegten Seen der alten Tempelstädte zu picknicken. Ihr Sohn (10) und ihre Tochter (15) haben beide das Zeichentalent der Mutter geerbt. Vielleicht arbeiten sie später auch bei den Artisans. „Ich jedenfalls“, sagt Doem Manam, „liebe es.“

Artisans Angkor liefert auch nach Europa. Nähere Informationen: www.artisansdangkor.com