Kaltwassergeysir in Andernach

Wasser marsch!

Etwa 8000 Liter Wasser schießen alle zwei Stunden aus dem Boden.

ANDERNACH. Kurz vor Abschluss der Sommertour besuchen die Reporter einen Rekordhalter am Rhein: Der Geysir in Andernach ist der höchste seiner Art in der ganzen Welt. Die spektakuläre Fontäne lädt nicht nur zur Abkühlung ein - man kann das Wasser auch trinken.

Was da vor uns liegt, sieht nicht gerade wie ein Rekordhalter aus: Ein roter Steinhaufen lagert gleich hinter einer matschigen Pfütze, den Boden zieren Schlieren aus rötlich braunem Wasser. Und doch haben sich knapp 200 Menschen hier versammelt. Die sind aber nicht wegen des Steinhaufens hier, sondern um eine spektakuläre Wasserfontäne zu sehen, die dort gleich emporschießen soll.

Das Prinzip Geysir will der Geograf Christian Stotz vorher noch schnell demonstieren- und hat sich dafür Radio Bonn/Rhein-Sieg-Volontärin Jessica Lambertz ausgeguckt. Sie soll nun eine Flasche mit Sprudelwasser kräftig schütteln. "Noch ein bisschen", ermuntert er sie. "Jetzt aufmachen." Etwas verängstigt schaut die Radiokollegin auf die explosive Flasche. Nur wenige Sekunden später steht sie klitschnass da. "So ungefähr funktioniert der Geysir", sagt Stotz lachend.

Die Rede ist vom Kaltwassergeysir auf der Halbinsel Namedyer Werth bei Andernach. Die Fontäne bricht im Sommer etwa alle zwei Stunden aus. Im Winter werde der Geysir dagegen verschlossen, um ihn vor Vandalismus und Hochwasser zur schützen. Seit der Eröffnung des Erlebniszentrums habe er sich zu einem echten Touristenmagnet entwickelt, sagt die Betriebsleiterin Stefanie Dietzler: "Zwischen Ende März und Ende Oktober kommen mehr als 100 000 Gäste."

Schließlich ist der Geysir wirklich etwas besonderes: Er ist der höchste Kaltwassergeysir der Welt. "Man muss ihn klar vom Heißwassergeysir unterscheiden, so wie es ihn auf Island gibt", erklärt Dietzler. "Auf Island erhitzt Magma das Wasser. Das ist vergleichbar mit überkochendem Wasser auf einer Herdplatte."

Der Brunnen hat einen Durchmesser von nur 15 Zentimetern

Im Gegensatz dazu hat der Ausbruch des Kaltwassergeysirs etwas mit vulkanischen Gasen im Boden zu tun, genauer mit Kohlenstoffdioxid (CO2). Da es sich bei der Eifel um ein junges Vulkangebiet handelt, steigt vermehrt CO2 aus in einigen Kilometern Tiefe liegenden Magmakammern auf. Es kann durch Risse im Boden aufsteigen und sich im kalten Grundwasser lösen.

Der etwa 350 Meter tiefe Brunnen des Geysirs mit einem Durchmesser von gerade einmal 15 Zentimetern füllt sich mit etwas mehr als einem Liter pro Sekunde mit dem angereicherten Grundwasser. Wenn das Wasser mit dem Gas gesättigt ist, also keines mehr aus dem zulaufenden Wasser aufnehmen kann, beginnen die Blasen nach oben zu steigen. Auf dem Weg werden sie wegen des abnehmenden Drucks immer schneller und reißen das Wasser mit sich - so entsteht die Fontäne.

"Das Thema ist etwas sperrig und kompliziert, deswegen haben wir das Erlebniszentrum eingerichtet", sagt Dietzler. Das Erlebnis beginnt zunächst mit einer Fahrt in die Tiefe: Ein stilechter "Grubenaufzug" suggeriert den Gästen, dass sie 4000 Meter nach unten fahren.

Der dunkle Raum wirkt, als sei man tatsächlich unter der Erde. "Es ist uns wichtig, unseren Besuchern eine Geschichte zu erzählen: Nämlich dass sie mit dem CO2 wieder an die Erdoberfläche finden." Nicht immer ist der Bezug der Exponate zum Geysir auf den ersten Blick klar.

"CO2 in einem Museum darzustellen, ist eine relativ undankbare Aufgabe", sagt Dietzler. "Man sieht es nicht, man hört es nicht, man kann kein Foto davon machen." Das Problem hat man mit einer Projektion auf den Boden gelöst: kleine CO2-Blasen reagieren über einen Infrarotsensor auf Berührungen.

Alles wofür man CO2 benutzt, kann man an der Wand nachlesen. Dietzler ist seit 2007 in Andernach dabei, damals seien "gerade einmal die Pfähle im Boden" gewesen. Seit 2009 ist das Erlebniszentrum offen für Besucher. "Die Ausstellung ist mein Baby", sagt sie stolz. Kurz vor dem Ende gibt es einen ganz neuen Teil, nämlich eine "Vulkan-Webcam".

"Hier zeigen wir fast tagesaktuell Bilder von Vulkanen, die gerade ausgebrochen sind", erklärt sie. Für die Betriebsleiterin ist die Arbeit ein Spagat: "Wir versuchen, Naturwissenschaften greifbar zu machen."

Dem Bau des Geysir-Zentrums ging ein langer Rechtsstreit über das Naturschutzgebiet auf der Halbinsel Namedyer Werth voraus. Letztlich einigte man sich außergerichtlich darauf, die Besucher mit dem Schiff zur Halbinsel zu befördern.

Der Geysir war schon am Anfang des letzten Jahrhunderts ein wahres "Highlight", sagt Dietzler: "Wir haben viele historische Fotos, und manchmal auch Gäste, die schon vor vielen Jahren mal hier waren." Anfänglich war der Ausbruch jedoch nur Nebensache: Bis 1918 füllte man das Mineralwasser ab, bis 1953 wurde Kohlensäure gewonnen. 1957 verschloss man dann die Quelle.

Eine Durchsage in der Ausstellung informiert nun die Besucher: "In wenigen Minuten legt das Schiff ab." Das geschieht direkt vor der Tür. In der warmen Sonne ist die kurze Anfahrt über den Rhein entspannend, den pittoresken Ausblick auf das Rheintal genießen die Gäste an Deck.

8000 Liter Wasser kommen aus dem Brunnen

An der Insel angekommen, geht es einen langen Steg entlang. Ein Weg führt durch ein hohes Metalltor. Hier erwartet die Gäste schon Stotz, der als Geysir-Führer seit vielen Jahren auf der Insel arbeitet. Der studierte Geograf hat über den Kaltwassergeysir geforscht und gibt nun sein Wissen an die Besucher weiter.

Hier soll nun wirklich die spektakuläre Fontäne entstehen? "Der Geysir bricht zuverlässig aus", sagt Stotz. "Es dauert noch wenige Minuten." Während die Besucher warten, erklärt Stotz: "Das Wasser kann man auch trinken. Es schmeckt allerdings sehr nach Eisen.

Diese Mineralien im Wasser haben die Steine hier rot gefärbt." Mitten im Satz gibt es plötzlich einen lauten Knall: Mit einem Zischen entweicht zunächst nur Gas, dann schießt auch Wasser aus dem Steinhaufen. "Wir müssen noch etwas Abstand halten, weil anfangs sehr viel Gas herauskommt", erklärt Stotz. 96 Prozent der Fontäne seien CO2, nur vier Prozent Wasser. "Gleich können wir aber näher ran."

Darauf freuen sich besonders die vielen Kinder, die bei sommerlichen Temperaturen auf Abkühlung hoffen. "Etwa 8000 Liter Wasser kommen innerhalb von sechs bis acht Minuten aus dem Brunnen", erklärt Stotz, während er die Besucher nun näher an die Fontäne lässt.

Er greift zu einem Eimer, der das Wasser aufgefangen hat, und lässt probieren: "Über den Geschmack kann man streiten", sagt Stotz lachend, als die Ersten das Gesicht verziehen. "Schmeckt wie Blut", sagt ein junger Mann, und kippt den Rest des mit den Händen geschöpften Wassers auf den Boden.

Ganz anders die kleine Sofie. Sie ist schon nach wenigen Minuten pitschnass: "Ich habe Geysire im Fernsehen gesehen, aber noch nie in Echt. Das war richtig cool", sagt sie begeistert und flitzt zurück unter den Wasserstrahl, bevor das erfrischende Vergnügen gleich vorbei ist - der Geysir spuckt ein letztes Mal Wasser. Er ist ein Rekordhalter zum Anfassen - und zum Nasswerden.