Urbanes Gärtnern in der Ermekeilkaserne

Vom grünen Glück im Hochbeet

Einladende Dekoration am Eingang zum "Ermekeilgarten".

Bonn. Im Innenhof der Ermekeilkaserne grünt es seit zwei Jahren so sehr wie nie zuvor. Wer hinter dem Urban Gardening-Projekt in der Südstadt steckt und was dort in den Kisten wächst, wollte GA-Volontär Fabian Vögtle bei einem Besuch wissen.

Gießen, graben, gucken. Jeden zweiten Tag kommt Marie-France Bambarondage aus Auerberg in die Südstadt, um diese drei Dinge auf dem Gelände der ehemaligen Ermekeilkaserne zu tun. Denn die charmante Französin bepflanzt hier ein Hochbeet im urbanen Gemeinschaftsgarten, den die Ermekeil-Initiative eingerichtet hat. „Ich habe zwar einen Balkon, auf dem ich auch Tomaten anpflanze. Aber hier macht es mehr Spaß“, sagt sie und wendet sich dann wieder konzentriert den Erbsenpflanzen zu, die sie heute an eine Rankhilfe anbinden will.

Seit gut einem Jahr säen, pflanzen und ernten die urbanen Gärtner fleißig im „Ermekeilgarten“. „Wir wollen hier einen Quartiersplatz etablieren. Und Stand der Dinge heute ist, dass man keine Ziergärten mehr baut, sondern Flächen als Nutzgarten gestaltet“, sagt Kristian Golla und lässt seinen Blick über die Hochbeete schweifen. Der 52-Jährige ist Mitgründer und zweiter Vorsitzender der Ermekeil-Initiative. Der Verein bemüht sich um die zivile Nutzung des ehemaligen Bundeswehr-Geländes.

Mittlerweile ist beinah eine kleine Landwirtschaft auf dem Parkplatz im Innenhof der Kaserne entstanden, die seit Juni 2013 leer steht. Zwischen Mannschaftshaus und Stabsgebäude bauen die Hobbygärtner in über 100 Hochbeeten zum Beispiel Kartoffeln, Kapuzinerkresse und Artischocken an. Synthetische Düngemittel und Pestizide sind nicht erlaubt. Seine Pflanzenkiste muss sich jeder selber bauen. Sie werden in der hauseigenen Werkstatt aus alten Paletten gefertigt. „Jeden dritten Samstag im Monat gibt es einen Bauworkshop. Wer handwerklich etwas begabt ist, kann in zwei Stunden eine Kiste zusammenbauen“, sagt Golla. Dabei gilt: „Wir zeigen, wie es geht, aber wir machen das nicht für die Leute. Man muss selbst anpacken.“ Die Pacht für eine Kiste kostet 25 Euro pro Jahr. „Am besten startet man im Frühjahr. Jetzt geht langsam die Vegetationsperiode für Nutzpflanzen zu Ende“, erklärt Golla.

Marie-France Bambarondage hat über Freunde vom Gemeinschaftsgarten erfahren und war sofort begeistert. Stangenbohnen, Radieschen, Mangold, runde Zucchini, Kräuter aller Art hat sie angepflanzt. Ihr Beet schmückt außerdem eine selbst angefertigte Keramik-Figur, die als Talisman und Dekoration dient. Die zarte Erbsenpflanze ist mittlerweile befestigt. „Ich habe sechs Samen eingesät. Aber nur eine Pflanze kam heraus“, erzählt sie. Für viele der Gärtner ist die Arbeit hier auch eine Möglichkeit, einen neuen Bezug zu Lebensmitteln zu bekommen. Ein paar Kisten weiter steht Rafael, der, seit er urban gärtnert, tatsächlich überlegter im Supermarkt einkauft: „Es macht etwas mit deinem Bewusstsein. Wenn du selber anbaust, beobachtest du, wie manche Sachen funktionieren und manche nicht. Und das macht einem auch klar, wie viel Arbeit hinter der Produktion von Lebensmitteln steckt.“

 

Gleich neben Bambarondages Kiste entsteht auf einem knappen Quadratmeter gerade ein kleines Erdbeerfeld, gegenüber ein überdachtes Beet mit zahlreichen Tomatensorten. Jede Kiste trägt ein Namensschild der Besitzer, einige ziehen dazu noch mit einer Zettelbotschaft Blicke auf sich. Sätze wie „Pastinaken for a free world“ oder „Ess-Bar“ bringen Betrachter zum Schmunzeln, während „Bitte gießen“ und „Wir sind im Urlaub“ ernst gemeinte Aufforderungen für die „Gießgemeinschaften“ sind, die in Abwesenheit anderer Gärtner einen Blick auf deren Beete haben. Etwa 30 der insgesamt über 100 Gärtner haben als „Gartenhüter“ die Aufgabe, auf dem Gelände nach dem Rechten zu sehen. Sie sind laut Golla die „soziale Kontrolle“: So stellt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das Gelände zur Verfügung, welches die Gärtner durch ihre Aktivität dort vor Vandalismus schützen.

Wer urbaner Gärtner im „Ermekeilgarten“ werden will, muss eigentlich vor allem eines mitbringen, verkündet Kristian Golla abschließend: „Man muss Bock haben, sich seine Hände dreckig zu machen.“

Nörgelnde Nachbarn gibt es nach Angaben der Initiative nicht. „Die Leute beschenken uns eher mit Gartenmöbeln und freuen sich über den Austausch“, sagt Kristian Golla. Viele von ihnen seien sogar Stammgäste. „Wir haben hier einen ganz neuen Marktplatz“, sagen Klaus Peter Müller und Anke Helmbrecht. Das Paar wohnt gleich um die Ecke und sind gerade wieder zu Besuch im Kasernenhof. Zwar haben sie hier kein Hochbeet, da im eigenen Garten genug Platz für ihre Pflanzen ist. Aber sie schauen sich gerne um. „Es ist deutlich lebendiger geworden hier im Viertel“, sagt Helmbrecht und ihr Mann ergänzt: „Man trifft hier auf einmal Leute, die man vorher nie gesehen hat.“

In der Abendsonne trifft man sich zum Aperitif

Birgitta Knauth sieht das ähnlich. „Ich bin schon in der Nachbarschaft hier groß geworden und kenne die Kaserne von klein auf. Es ist toll, was hier entstanden ist. Wenn das in Zukunft bleibt, wäre das ein Hit“, sagt sie, während sie Blumen aus ihrem Beet pflückt. Heute ist sie nur für einen Abstecher hier. „Aber wir sitzen öfter mal für einen Aperitif in der Abendsonne“, sagt sie und düst dann auf ihrem Rad mit einem üppigen Blumenstrauß davon.

Bei einem kleinen Rundgang zeigt Sébastien Guesnet ungewöhnliche essbare Pflanzen und Kräuter. Er kümmert sich viel um die Gemeinschaftsbeete. „Probiert mal die Löwenmäulchen!“, schlägt er vor. Wirklich, diese roten, giftig wirkenden Staudenblätter? „Ja klar, man kann leckere Gerichte daraus machen.“