Zu Besuch beim Imker

Schwärmen für das süße Gold

Uwe Jurytko hebt vorsichtig einen Holzrahmen mit Waben aus der Bienenbeute.

Ollheim. Es summt, es brummt: Hunderttausende Bienen sind GA-Volontär Marcel Dörsing und Radio Bonn/Rhein-Sieg-Volontär Chris Necke auf einer kleinen Feldinsel um die Ohren geschwirrt. Sie waren zu Besuch beim Gemeindeimker Uwe Jurytko in Ollheim.

Auf einer kleinen Feldinsel, geschützt von alten Obst- und Nussbäumen, zündet Uwe Jurytko ein Feuer an. Ringsum wiegen sich Weizenhalme in der warmen Brise – rauschende Felder, so weit das Auge reicht. Hier aber, inmitten der Insel, ist es ziemlich eng. Lediglich ein paar schmale Pfade führen durch das Dickicht. Auf einer kleinen Lichtung breitet sich das beharrliche Summen aus. Die Luft vibriert, als würde sie unter Hochspannung stehen. Es ist das Geräusch Tausender, oder eher Hunderttausender Bienen, die Rauch wittern.

Jurytko ist der Gemeindeimker in Swisttal. Mit kleinen Fetzen Papier füttert er die kleine Flamme, die in einem teekannenähnlichen Metallbehälter brennt. Auf der Feldinsel kümmert sich der 45-Jährige um sechs Bienenvölker mit rund 360 000 der ebenso nützlichen wie giftigen Insekten. Fast jeden Tag stattet er seinen Bienen einen Besuch ab. Einmal in der Woche wirft er dabei auch einen Blick in die Bienenbeute – so nennt er die grünen Kisten, in denen die Bienen leben. Dabei prüft er, ob es der Brut gut geht.

Mit vorsichtigem Druck auf einen Blasebalg stößt Jurytko eine Rauchwolke aus der Teekanne, die im Imkerjargon „Smoker“ heißt, direkt in die Bienenbeute. „Wittern die Bienen Rauch, machen sie sich für eine Flucht und einen langen Flug startklar“, sagt der Imker. „Das kann ihnen bei einem Waldbrand das Leben retten. Sie fliegen dann als erstes direkt in die Beute und schlagen sich den Bauch mit Honig voll.“ Diese Verhalten machen sich Imker zunutze: „Sind die Bienen satt, sind sie ruhiger.“

 

Dennoch zieht Jurytko, als er einen der Bienenkästen öffnet, einen typischen weißen Imkeranzug an, dazu einen Hut mit Netz vor dem Gesicht. Handschuhe benötigt er nicht. „Gestochen zu werden, gehört zu der Imkerei dazu“, sagt er gelassen. „Die Biene ist ein Wildtier. Wenn sie schlechte Laune hat, lässt sie einen das durchaus wissen. Am besten verhält man sich so lange wie möglich ruhig. Nicht schlagen oder pusten, das bedeutet für die Tiere Stress.“

Dann hebt der Imker langsam den Deckel der grünen Kästen an. Vorsichtig und mit bloßen Händen zieht er einen Holzrahmen mit Waben darin heraus. Ein unüberschaubares Gewusel krabbelnder, zitternder Leiber kommt zum Vorschein. Jurytkos Freundin Lora Biethahn, die heute auch mit auf die Feldinsel gekommen ist, beobachtet ihn aus einigen Metern Entfernung. Auch sie kennt sich bestens mit den Tieren aus und hilft bei der Honigernte mit. Abstand hält sie, weil sie „höllischen Respekt vor den Tieren“ hat. Die Bienenvölker auf der Feldinsel scheinen heute allerdings gute Laune zu haben. Kurz nach dem Öffnen der Bienenbeute nimmt Jurytko den Imkerhut ab.

Mit seinem Dreitagebart und den kräftigen Oberarmen wirkt er nicht wie der Prototyp eines Insektenliebhabers. Von Beruf ist Uwe Jurytko Vertriebsberater für Kfz-Werkstätten und oftmals dort, wo es nach Öl und Benzin riecht. Jetzt klebt an seinen Fingern süßer Honig und harziges Propolis. „Für mich ist das totale Entspannung. Oftmals komme ich nach der Arbeit hierher, so kann ich am besten abschalten.“ Wenn Jurytko die arbeitsteiligen Organisation der Tiere beschreibt, von Wasserträger- und Wächterbienen erzählt, leuchten seine Augen.

Eine Zwiebel gegen die Stiche darf nie fehlen

Was ihm die Tiere bedeuten? „Die Bienen kommen jetzt nicht vor meiner Freundin“, sagt er und lacht. „Aber sie faszinieren mich.“ Von der Verniedlichung der Insekten hält er nichts: „Ein Bienenvolk ist kein Streichelzoo.“

Jurytko schwört übrigens auf ein altes Hausmittel: Er hat immer eine Zwiebel dabei, die er auf Stiche presst. Falls es überhaupt dazu kommt: „Das Stechen gehört nicht zu der eigentlichen Aufgabe einer Biene dazu“, sagt er. „Schließlich bedeutet es für das Tier den Tod.“

In diesem Frühjahr haben Jurytko und seine Freundin bereits 25 Kilo Honig gewinnen können. „Das war der Ertrag der Rapsblüte“, erklärt Biethahn. Bei Herstellung des Honigs werden die voll beladenen Waben der Bienen in eine große Metalltrommel eingelegt. Durch die schnelle Drehung der Trommel wird der Honig an den Rand geschleudert, wo er abfließen kann. Abhängig vom Wetter geben Jurytkos Völker im Jahr zwischen 15 und 80 Kilogramm des süßen Goldes. Um allein mit Honig seinen Lebensunterhalt verdienen zu können, bräuchte es 250 bis 300 Bienenvölker, sagt der Imker. Biethahn und er verschenken den Honig oder nutzen ihn selbst. Jurytko: „Ich mache für den Profit, sondern wegen des Naturschutzes.“

Und diesen Schutz habe die Biene dringend nötig. Krankheiten und Parasiten wie die Faulbrut oder die Varroamilbe bedrohten die Insekten, so Jurytko. Zudem machten Umweltgifte und eingeschränkte Nistmöglichkeiten den Bienen zu schaffen. „Ohne die Arbeit der Imker ist die Biene in der Natur heute nicht mehr überlebensfähig“, glaubt Jurytko.

„Sterben die Bienen, sterben vier Jahre später auch die Menschen“, soll Albert Einstein einmal gesagt haben. Ob diese Prognose wirklich zutreffend ist, weiß Jurytko nicht, „aber sicherlich würde sich für den Menschen sehr schnell Grundlegendes ändern.“ Nicht nur der Honig würde von unserem Speiseplan verschwinden, sondern auch andere Nahrungsmittel, deren Heranwachsen von der Bestäubung durch die Biene abhängen.

Zwar sei es schön, dass sich heutzutage viele Laien für das Insekt einsetzen wollten, findet Jurytko. Doch leider bewirkten manche eher das Gegenteil. „Man sollte auf jeden Fall über die nötige Hygiene in der Bienenbeute Bescheid wissen“, sagt Jurytko. Interessierten rät er, Lehrgänge zu machen, etwa um Krankheiten früh erkennen zu können. Er selbst hat bei einem Imker in der Eifel gelernt und eine Ausbildung an der Imkerfachschule Berlin absolviert.

„Unwissen ist die größte Gefahr für die Bienen“, sagt Jurytko. Das beziehe sich sowohl auf einige Hobbyimker, als auch auf Menschen, die Bienen töten, weil sie sich von ihnen bedroht fühlen.

Um Vorurteile zu bekämpfen, besucht der Imker auch Schulklassen, um Kindern zum Beispiel die Unterschiede zwischen Bienen und Wespen zu erklären. Dabei kommt es auch mal zu Enttäuschungen: „Die Biene Maja ist eigentlich eine Wespe – geht man nach ihrem Muster.“

Im Rettungseinsatz für ausgeschwärmte Bienenvölker

Immer wieder gebe es auch Fälle von Vandalismus. „Es ist schon vorgekommen, dass Personen Bienenbeuten umwerfen oder gleich mit dem Auto darüber fahren“, sagt Jurytko. Aus diesem Grund müssten viele Imker heute ihre Bienen gut geschützt halten: „Heute gilt der Imker ja fast schon als ein Fabelwesen, das einem nur irgendwo im tiefen Wald, auf einer kleinen Lichtung oder einer versteckten Feldinsel begegnet.“

Um den Bestand der Bienen zu schützen, setzt sich Jurytko auch auf andere Weise für die Tiere ein. „Die Gemeinde teilt mir mit, wenn sich Anwohner an einem Bienenschwarm stören“, sagt der Imker. Statt eines Schädlingsbekämpfers fährt dann er raus, um den Schwarm zu fangen. „Ich behandele die Bienen zunächst mit Milchsäure gegen die Varroamilben und schlage sie dann ein“, sagt der Imker. So nennt er das Einnisten der Bienen.

Nicht immer ist so ein Bienenrettungseinsatz ungefährlich: „Vor einigen Jahren, noch während meiner Ausbildung, wurde ich zu einem Bienenschwarm gerufen“, berichtet Jurytko. „Statt die Bienen in meine Kiste fallen zu lassen, habe ich mir den halben Schwarm in meinen Imkeranzug gekippt. Ich hatte vergessen den Reißverschluss zu schließen.“ Da war es auch bei dem Bienenfachmann mit der Ruhe vorbei. „Ich bin gelaufen und habe mir den Anzug herunter gerissen. Und ich hatte nicht einen einzigen Stich.“