Zu Besuch am Steg 5 in Hersel

Nah am Wasser gebaut

Familie Bauersch hat den Steg 5 gebaut.

Hersel. Auf einem Flussarm zwischen dem Rheinufer und dem Herseler Werth liegt ein romantisches Refugium für Wasserwanderer und Bootsbesitzer: Die Sommertour-Reporter machen für einen Abend am Steg 5 der Familie Bauersch fest.

Am Herseler Werth teilt sich der Rhein in zwei Ströme. Auf der einen Seite der Insel fahren riesige Containerschiffe und Wassersportler üben ihre Kunststücke, auf der anderen Seite aber herrscht beinahe Stille. Ganz zahm fließt der Rhein an dieser Stelle. In seiner trüb-grünen Farbe und inmitten der wilden Natur erinnert der Fluss an den Amazonas. Die untergehende Sonne taucht die hohen Pappeln des Herseler Werths dazu passend in goldene Farben – kitschige Kunst auf grüner Leinwand. Hier, etwas versteckt hinter Bäumen und üppiger Uferböschung liegt der Steg mit der Nummer 5.

Er ist ein Refugium für rund 40 Boote und Schiffe, die hier fest vertaut in dem kleinen Hafen liegen – eine schwimmende Insel auf einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt. „Der Steg schwimmt auf dicken Stahlrohren“, erklärt Guido Bauersch, dem der Steg gehört. „Allerdings ist er ist mit Ketten und Ankern so befestigt und abgespannt, dass man fast nicht merkt, dass er schwimmt.“ 300 Stegmeter stehen Boots- und Schiffsführern hier zur Verfügung. „Teilweise kennen wir die Besitzer der Schiffe schon 35 Jahre“, sagt Bauersch. Er selbst hat den Rheinabschnitt vom Bund gepachtet.

Aber nicht nur Dauergäste machen mit ihren „schwimmenden Wochenendhäuschen“ hier fest, berichtet der 46-Jährige, auch Touristen und Wasserwanderer legen regelmäßig an. „Der Rhein fließt quer durch Westeuropa. Für viele ist es Pflicht, wenigstens einmal darauf zu fahren“, sagt Bauersch. Kein Wunder also, dass er an seinen Gäste-Anlegeplätzen immer wieder Schiffsbesatzungen aus England oder den USA zu Besuch hat. „Die fahren meist den Rhein hoch, dann über die Donau, zum Teil bis ins Schwarze Meer.“ Am Steg 5 können sie übernachten, Strom und Wasser tanken und natürlich im steg-eigenen Clubhaus den Sonnenuntergang genießen.

An einem warmen Sommerabend wie heute ist es sehr wahrscheinlich, dass Gäste auf dem grünen Hausboot auch Guido Bauerschs Eltern Sofia und Peter Bauersch treffen. „Schauen Sie sich doch nur einmal um“, sagt Peter Bauersch, „für mich ist das hier der schönste Ort, den es gibt.“ Der heute 80-Jährige hat Ende der 60er Jahre erstmals an dieser Stelle einen Steg gebaut. „Wir mussten erst mal den Rheinarm ausbaggern, um auf die nötige Tiefe zu kommen“, erinnert sich Peter Bauersch. Bereits sein Vater befuhr als Schiffer den Strom. „Damals gab es hier noch keinen Steg“, sagt Peter Bauersch. „Das Schiff meines Vaters lag hier vor Anker.“ Mit Holzplanken und schwimmenden Tonnen wollte Peter Bauersch dem Abhilfe schaffen.

„Wir müssen aufpassen, dass wir dann nicht zu weit vom Steg am Ufer weggetrieben werden“

„Bei Hochwasser schwamm manchmal alles davon“, erinnert er sich. 1983 folgte der Umbau des Stegs zu einer stabilen Metallkonstruktion. Seitdem konnten die wechselnden Pegelstände des Rheins dem Steg nicht mehr viel anhaben. Dennoch müsse man stets den Wasserstand im Blick haben, sagt Guido Bauersch. „2003 hatten wir einen so niedrigen Pegel, da konnten wir neben den Schiffen durch das Wasser waten.“ Bei geringer Rheinhöhe zögen sich die Ketten des Stegs entsprechend in die Länge. „Wir müssen aufpassen, dass wir dann nicht zu weit vom Steg am Ufer weggetrieben werden“, sagt Peter Bauersch. Der 80-Jährige hat übrigens nicht nur nur Stege, sondern auch Brücken gebaut – wenn auch im übertragenen Sinne. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Steg wohnte bis zur deutschen Wiedervereinigung der Leiter der Ständigen Vertretung der Deutschen Demokratischen Republik. „Ich habe den Leiter damals hin und wieder auf das Herseler Werth hinübergefahren“, erinnert sich Peter Bauersch. Einmal wurde er sogar persönlich zum Abendessen in die Villa an der Rheinstraße 232 eingeladen. „Es gab einen kleinen Umtrunk“, so Bauersch.

Das Betreten des Herseler Werths ist heute verboten. „Früher waren da viele Kaninchen drauf, heute aber nicht mehr“, sagt der 80-Jährige. Dass das an den Besuchen des Botschafters gelegen habe, glaubt er allerdings nicht. „Das lag wohl eher an den Füchsen, die dort ein Zuhause gefunden hatten.“

Guido Bauersch, der wie sein Vater als Schiffsbauer auf der Lux-Werft in Mondorf arbeitet, wurde die Liebe zum Rhein von seinem Vater und Großvater in die Wiege gelegt. In zweijähriger Arbeit hat er sogar sein eigenes Schiff gefertigt. Getauft hat er es auf den Namen „Aquila“. „Das ist der lateinische Name für 'Adler'“, sagt Guido Bauersch. „So hieß das Schiff von meinem Großvater.“

Für die anderen Hobbykapitäne am Steg ist es ein Glücksfall, dass ihr Vermieter gleichzeitig Schiffsbauer ist. „Guido kennt auf den Schiffen hier wohl mittlerweile jede Schraube“, sagt Bernhard Krämer. Sein eigener „Pott“ wurde von Peter Bauersch gefertigt. „Eines der letzten, das er selbst gebaut hat“, so Krämer stolz. „Als Antrieb dient ein Lkw-Motor“, ergänzt Bauersch.

Langsam senkt sich die Sonne hinter die Bäume entlang des Herseler Rheinufers. Die letzten Strahlen des Tages verfangen sich im Fahnenmast des Clubhauses.

Für Guido Bauersch und seine Frau Kirstin ist der Sonnenuntergang am Steg 5 ebenso schön wie am Mittelmeer. „Und wenn Sie morgens hier auf dem Schiff aufwachen und die Vögel singen – das ist wie Urlaub“, sagt Bauersch.