Ferienjob im Phantasialand

In wenigen Schritten nach Mexiko

Brühl. 20 Jahre nach seinem ersten Ferienjob wagt sich GA-Reporter Simon Bartsch zurück ins Phantasialand. Dort arbeitet er als Achterbahn-Kontrolleur und als Aushilfe bei der Eiskunstlauf-Show.

Das Brüllen einer Raubkatze durchbricht die morgendliche Stille. Palmen säumen den kleinen Weg, auf der anderen Seite der Pflanzen stürzen sich Touristen in den todesmutigen Kampf mit der Black Mamba. Afrika ist so nah. In diesem Fall mitten in Brühl. Während junge Menschen und Familien ihren ersten Urlaubstag in dem Freizeitpark genießen, heißt es für mich richtig anpacken. Ich werde heute Ferienjobs im Phantasialand ausprobieren.

„Kommen Sie, wir haben ein straffes Programm“, sagt Cetareh Nafeei freundlich, aber bestimmt. Die 32-Jährige ist für die Mitarbeitergewinnung des Freizeitparks mit verantwortlich. Rund 150 Ferienjobber gibt es momentan, weitere werden gesucht. Nafeei trägt ein dunkles Kostüm und erinnert an eine Geheimagentin. Ich kann ihren schnellen Schritten kaum folgen. Sie winkt mich durch einen Hintereingang. Ich fühle mich ein wenig wie ein VIP, obwohl ich weiß, was mich erwartet.

Vor 20 Jahren durfte ich diesen „geheimen“ Weg schon einmal gehen. Damals habe ich hier auf dem Bau gearbeitet. Seit dem hat sich viel verändert. Ich erkenne den Park nicht wieder. Der Raum der Kleiderausgabe befindet sich aber noch immer Mitten in der Kulisse des Themenbereichs Berlin. Hinter den Fenstern eines Cafés werden alle Mitarbeiter mit ihrer Arbeitskleidung ausgestattet. Hier wartet bereits Pascal Tischler aus der Presseabteilung auf mich.

„Wir brauchen einmal das Colorado- und einmal das Show-Outfit“, gibt er vor. Somit ist klar: Ich werde zunächst an die Achterbahn Colorado geschickt. Sie ist ein Überbleibsel meiner Phantasialand-Kindheitserinnerung. Ich werde mit Caro-Hemd, Jeans und Hosenträgern ausgestattet. Die Kleidung wird immer dem Themenmotto angepasst.

Los geht es aber noch nicht. Adlerauge Tischler hat ein Problem festgestellt: Meine Schuhe. Das Unternehmen hatte bei unserer Anfrage extra um schwarze Schuhe gebeten. Mein trauriger Versuch, abgelatschte Sportsneaker (zu einem gewissen Anteil wirklich schwarz) als angemessene Arbeitsschuhe zu verkaufen, scheitert kläglich. Glücklicherweise habe ich noch meine Hochzeitsschuhe im Auto. Auch wenn sie zehn Monate nach der Trauung ein wenig angestaubt sind.

Auftrag: Sichere die Gäste!

Von der Kleiderausgabe in Berlin sind es nur wenige Schritte bis nach Mexiko und dennoch habe ich sofort die Orientierung verloren. Zum Glück kennt Tischler die Wege wie seine eigene Westentasche und ist im Besitz eines wertvollen Schatzes: eines Generalschlüssels. Das erspart uns lästige Warteschlangen. Nach wenigen Augenblicken befinde ich mich neben einer Achterbahn: Es ist die Colorado. Auch wenn ich nicht mitfahre, steigt bei mir langsam die Aufregung.

Der Achterbahn-Kontrolleur Herr Kuumar lächelt freundlich, während er mich gemeinsam mit Tischler in die Tücken des Jobs einweist. Mein Auftrag: Sichere die Gäste. Es gilt die Sicherungsbügel zu kontrollieren und lose Gegenstände wie Rucksäcke oder Handys bei den Gästen zu verstauen. Diese könnten sich nämlich zu gefährlichen „Wurfgeschossen“ entwickeln. Dann wird der Sicherungsknopf gedrückt und die Fahrt startet.

Ich kontrolliere den vorderen Teil der Bahn und bin nach gut einer Minute fertig. Stolz blicke ich in Richtung Tischler und Kuumar, ernte allerdings nur ein trauriges Kopfschütteln. Zu langsam, ich halte den Betrieb auf. Normalerweise sollte der Vorgang nicht länger als 30 Sekunden dauern. Mein Ehrgeiz ist gepackt und im zweiten Versuch schaffe ich es in 37 Sekunden. Zugegeben: den letzten Waggon habe ich ausgelassen. Kuumar hat das natürlich gemerkt – und glücklicherweise für mich übernommen. Auch mein dritter scheitert. Gäste werden aber nicht gefährdet. Durch Sensoren und Lichtschranken sind die Achterbahnen gleich mehrfach geschützt.

„Warum dauert es bei Männern eigentlich immer länger als bei Frauen?“

„Wir sollten dann weiter“, sagt Nafeei. Ich bin mir nicht sicher, ob der Zeitplan wirklich so eng gestrickt ist oder ich durch weitere klägliche Versuche die Geschäftsführung dazu nötigen würde, den Park heute länger zu öffnen.

Durch Afrika geht es zurück nach Berlin. Schnell genug bin ich Frau Nafeei auch bei der Einkleidung für meinen nächsten Job nicht. „Warum dauert es bei Männern eigentlich immer länger als bei Frauen?“, will sie lächelnd wissen. Dass ich mit einem Taschentuch erfolglos versucht habe, meine Schuhe wieder auf Vordermann zu bringen, verheimliche ich ihr. Für meinen zweiten Job muss ich nämlich fein aussehen. In schwarzer Stoffhose und schickem Oberhemd fühle ich mich ein paar Monate zurückversetzt. Nur dass auf mich keine Braut, sondern meine neuen Kollegen bei der Eiskunstlauf-Show warten. Mir schwant Böses: Ich traue mich ja ohnehin schon nicht aufs Eis, mit frisch gerissenem Kreuzband und operierten Menisken den dreifachen Toeloop zu „stehen“, halte ich für ausgeschlossen. „Sie begrüßen die Gäste“, beruhigt mich Nafeei. Hinter der Bühne herrscht ein buntes Treiben. Die Atmosphäre ist freundlich und ich fühle mich sofort wohl.

Das oberste Gebot der 
Türsteher: Freundlichkeit

Ich begrüße die Gäste und drücke Familien mit Kleinkindern ein Sitzkissen in die Hand. Oberstes Gebot der „Türsteher“: Freundlichkeit. Das fällt mir leicht. Nur Menschen mit Speisen und offenen Getränken werden abgewiesen. Wenige Minuten später startet die Show. Aufs Eis muss ich aber erst danach. Zu meinem Job gehört nämlich auch das Abkratzen der Eisfläche. Glücklicherweise erhalte ich dazu Spikes – die Hochzeitsschuhe sind dafür einfach zu rutschig.

Und dann werde ich in eine weitere Aufgabe eingeweiht, die anderen Ferienjobbern verborgen bleibt: Ich darf Eisläufer Zabato Bebe mit dem Scheinwerfer verfolgen. Entweder bin ich zu klein oder der Scheinwerfer zu groß: Immer wieder verschwindet der Leistungssportler aus meinem Sichtfeld und ist über die Augenblicke in vollkommener Dunkelheit nur bedingt glücklich.

„Wie wäre es jetzt mit einer Erfrischung?“, fragt mich Nafeei. Mitten in Mexiko spendiert mir der Freizeitpark ein Eis. Als besondere Belohnung darf ich außerdem die neue Attraktion des Parks, „Chiapas“, ausprobieren. Obwohl mein Ferienjob aufregend und vor allem spannend war, ist die Wildwasserbahn das Highlight des Tages.

Ab morgen heißt es wieder in der Redaktion Platz nehmen. Mit Klimaanlage, ohne Hochzeitsschuhe, fernab von Mexiko.