Wanderreiten in Wachtberg

Im Ländchen der Pferdefreunde

VILLIPROTT. GA-Volontärin Katrin Puvogel und Radio Bonn/Rhein-Sieg-Volontär Stephan Kern haben für einen Tag den Großstadtlärm gegen Schnauben und Hufklappern eingetauscht: Mit erfahrenen Wanderreitern erkunden sie Wachtberg zu Ross.

Die schmale Dorfstraße in Villiprott schlängelt sich entlang hübsch restaurierter Fachwerkhäuser. Blumen blühen in den Vorgärten, Kinder spielen Fangen am Straßenrand. Ganz am Ende kann man durch ein Tor auf einen kleinen Innenhof sehen: Drei Pferde sind dort angebunden. Hier muss ich richtig sein – denn ich bin heute zum Ausreiten verabredet.

Es geht in die „pferdefreundliche Gemeinde“ der Region: Wachtberg. Diesen Titel hat sie im Jahre 2002 erhalten, da hier laut einer Sprecherin „im Laufe der Jahre eine seltene Konzentration von Gestüten und Reiterhöfen entstanden ist. In beinahe jedem Ortsteil finden Reit- und Pferdefreunde entsprechende Angebote.“ So wie hier in Villiprott. Reiner Saam, Sabine Schmidt und Sigrid Elges begrüßen mich mit Handschlag. Smokey, Conny und Gismo begrüßen mich mit neugierigen Blicken und einem Stupsen mit der weichen Pferdeschnauze. Ich darf heute Smokey reiten, das Pferd von Reiner Saam. Auf seinem Rücken liegt schon ein Sattel, der einem Westernsattel ziemlich ähnlich sieht. Reiner klärt mich auf: „Das ist ein Trekkingsattel. Für unsere langen Wanderritte ist er gut geeignet, weil er sehr bequem ist und man seine Satteltaschen festbinden kann.“

Mit „lang“ meint er nicht etwa das, was wir heute vorhaben – also zwei oder drei Stunden durchs Drachenfelser Ländchen ausreiten, um sich die schöne Landschaft mal aus einer anderen Perspektive anzusehen. Nein, meine Begleiter reiten sonst bis zu 14 Tage am Stück aus. Auf diese Touren nehmen sie in den Satteltaschen dann nur das Nötigste mit, zehn Kilo sind das absolute Maximum. „Dann wird's aber auch unbequem für den Reiter“, sagt Schmidt. Heute haben wir nur einen Regenponcho für den Notfall dabei.

Reiner Saam drückt mir die Zügel in die Hand. Aufsteigen soll ich aber noch nicht: Wir gehen mit den Pferden erst zu Fuß ein Stück aus dem Dorf. Denn es geht quer über die Landstraße. „Es ist sicherer, wenn wir erst danach aufsitzen“, sagt Sabine Schmidt. Sie hat erst im Alter von 27 Jahren angefangen zu reiten und ist deshalb besonders vorsichtig: „Ich denke, wenn man schon als Kind im Sattel saß, hat man nicht so große Bedenken“, sagt sie. Kurz hinter der Landstraße schwingen wir uns aber in den Sattel. Für mich liegt der letzte Ausritt schon einige Zeit zurück. Sorgen, etwas verlernt zu haben, mache ich mir aber nicht.

Am langen Zügel geht es einen Feldweg entlang. „Wir reiten mit Halfter“, sagt Schmidt und zeigt auf das gebisslose Zaumzeug. Sabine Schmidt ist, wie auch Reiner Saam und Sigrid Elges, Mitglied der „Vereinigung der Freizeitreiter und -fahrer in Deutschland“. Diese setzt sich für gewaltfreies Reiten und die Haltung in Offenställen mit viel Auslauf ein. „Uns ist der harmonische Umgang und das Reiten in der Natur wichtig“, betont die Kreisverbandsvorsitzende der VFD, Sonja Schwan. „Eine kleine Box von zehn Quadratmetern käme für unsere Tiere nicht infrage.“

Am Wegesrand blühen Kornblumen, die Sonne wärmt uns die Gesichter, ein seichter Wind lässt die Blätter rauschen. In der Ferne zeigt sich der Drachenfels, das Siebengebirge baut sich dunkelgrün hinter den hellgelben Kornfeldern auf. Nur der kurze Ritt entlang des Villiper Industriegebiets will nicht so recht in die Idylle passen. Doch der gemächliche Einklang, in den ich mit Smokey verfalle, ist herrlich unbefangen. „Bei den Wanderritten reden wir immer ein paar Stunden, dann wird es still. Jeder genießt für sich“, erzählt Elges.

"Entscheidend für ein Wanderpferd ist, dass es cool bleibt"

Schon bald sind wir am „Kriegerdenkmal“ angekommen, ein kurzer Zwischenstopp, den Smokey sehr ausgiebig nutzt, um alle Gräser am Wegesrand zu probieren. Von hier geht es nun ein Stück durch den Wald. „Das dürfen wir hier nur, weil es ein ausgewiesener Reitweg ist“, erklärt Sigrid Elges. Nur auf diesen speziellen Wegen dürfen Reiter in Nordrhein-Westfalen im Wald unterwegs sein. Das Reitverbot wurde 1973 ausgesprochen und war der Grund, warum sich die VFD gegründet hat. Der Verein mit 60 000 Mitgliedern deutschlandweit setzt sich seither dafür ein, dass das Verbot aufgehoben wird. „Was soll ich mit dem Pferd auf der Landstraße? Reiten ist eine der traditionellsten Formen der Fortbewegung, daher ist dieses Verbot fast absurd“, sagt Reiner Saam.

Wie heikel sich das anfühlen kann, merken auch wir bei unserem Ausritt, als wir ein Stück über die L 158 reiten müssen. Im Straßenverkehr gelten Pferd und Reiter übrigens als Verkehrsteilnehmer im Sinne der Straßenverkehrsordnung – und müssen zum Beispiel auch an Ampeln halten. Smokey, Conny und Gismo kennen das schon und lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. „Entscheidend für ein Wanderreitpferd ist, dass es cool bleibt“, sagt Sigrid Elges. Sabine Schmidt ist überzeugt: „Man kann mit jedem Pferd wandern.“ Die Pferde lernten voneinander und merkten, ob der Reiter entspannt sei – „Nervosität übertrage sich leicht auf das Tier“, sagt Schmidt.

Zum Glück ist das Stück auf der Landstraße nicht sehr lang, und nur wenige Autos kommen vorbei. Wir biegen in einen kleinen Feldweg ein und Sigrid Elges rät dem Radiokollegen Stephan Kern: „Jetzt solltest du aufnehmen.“ Denn zu unserer Linken liegt die Weide, auf der die Herde steht. Und kaum erblickt die uns, ist das Begrüßungs-Wiehern groß. Insgesamt neun Pferde stehen zusammen. „Dass wir so entspannt zusammen ausreiten können, liegt auch daran, dass die Pferde sich sehr gut kennen“, erklärt Schmidt. Auf den mehrtägigen Touren, die die VFD für Mitglieder organisiert, schlafen die Reiter oft ganz nah bei den Tieren. Auch in Wachtberg: Reiner Saam hat in seinem Winterstall Platz für Übernachtungsgäste – stilecht auf dem Heuboden.

Zurück am Stall versorgen wir erst die Vierbeiner, dann schwingen wir uns auf zwei Drahtesel. Über einen kleinen Weg, beinahe überdacht von großen Apfelbäumen, geht es zwischen den Fachwerkhäusern hindurch aufs freie Feld. Rechts von uns wiegen Kornfelder im Wind, nach links biegen wir auf ein umzäuntes Gelände ein. Unter knorrigen Kirschbäumen steht der offene Winterstall, in dem die Gäste übernachten dürfen. Der fast schon kitschige Anblick verleitet mich beinah zum Nickerchen im Heu. Stattdessen pflücken wir aber gelbe Herzkirschen vom Baum, und schauen uns genauer um. Stolz erzählt Saam, wie er diese Fläche pferdegerecht umgestaltet und den Stall gebaut hat. Ob er für die neun Tiere der „Pferdepapa“ ist? „Na ja, ein bisschen vielleicht“, sagt er und lacht. Die Pflege der gut vier Hektar Land sei über die Jahre zu seinem Hobby geworden. Ein Hobby, das auf mich wirkt wie Ferien auf dem Bauernhof. Bilderbuchreif.