Ferienjob im Tierheim

Gassi gehen ist das Größte

Auf geht's zum Spaziergang: Petra und Ulla gehen ehrenamtlich mit den Hunden aus dem Tierheim Gassi.

Troisdorf. Die Sommerferien sind für das Tierheim in Troisdorf eine stressige Zeit: Auch beim Besuch von GA-Volontärin Katrin Puvogel wird schon nach wenigen Minuten ein Pappkarton mit Fundtieren abgegeben. Für die Hunde ist das Gassigehen jeden Tag das Highlight.

Es fiept, quiekt und scharrt. Der Pappkarton vibriert. Dann ist es ganz still – denn Tierpflegerin Katrin hebt vorsichtig den Deckel. Ängstlich schauen ihr fünf Meerschweinchen entgegen: Zwei weiße, ein braunes, ein schwarzes und ein weißes mit braunem Kopf. Dann geht das ängstliche Fiepen von vorne los. „Die Meerschweinchen wurden in dem Pappkarton auf dem Nettoparkplatz ausgesetzt“, sagt Katrin, seufzt und füllt dann routiniert mit dem Finder das Formular für „Fundtiere“ aus. „Es sind Ferien“, erklärt sie. „Viele Leute meinen, sie könnten sich dann um die Tiere nicht mehr kümmern und setzen sie aus. Ein Parkplatz ist beliebt, weil die Besitzer hoffen, dass sie jemand findet.“

Das Tierheim in Troisdorf ist eines der größten in der Region: je nach Auslastung leben bis zu 60 Hunde, über 100 Katzen und viele Kleintiere hier. Katrin ist 21 Jahre alt, auf ihrem Handgelenk sind vier Hundepfotenabdrücke tätowiert. Sie ist Tierpflegerin aus Leidenschaft. „Wollte ich schon immer werden“, sagt sie knapp. Denn sie ist im Stress: Ganz alleine muss sie sich um Kaninchen, Meerschweinchen, Hamster, Schildkröten, Schnecken und Chinchillas kümmern – Käfige reinigen, Tiere füttern und pflegen. Spaß macht das aber trotzdem: „Ich finde es toll, dass bei den Kleintieren hier so viel Abwechslung ist. Und Hunde habe ich eigene.“

Während bei den Kleintieren die Zahl der Fundtiere mit den Ferien steigt, ist das bei Hunden seit einigen Jahren nicht mehr der Fall, erklärt Ralf Snyders, Vorsitzender des Vereins „Tierschutz für den Rhein-Sieg-Kreis“: „Die Einstellung der Hundehalter hat sich verändert. Man kauft sich heute nicht mehr mal eben einen Hund.“ Strenge Vorschriften über die Hundehaltung und die Kosten hätten dazu geführt, dass die Entscheidung für einen Hund bewusster fällt.

„Wir erleben hier oft, dass Leute enttäuscht sind, weil sie ein Tier nicht sofort mitnehmen können“, sagt der Vorsitzende, als er hinter der Vermittlungstheke im Büro des Tierheims steht. Bis zu 200 Besucher pro Tag kommen hier her. Die vielen Formulare hier deuten es schon an: Einen Hund aus dem Tierheim zu holen, dauere in der Regel drei Wochen, so Snyders. „Wir prüfen die häusliche Situation bei einem Ortsbesuch. Wer zum Beispiel im dritten Stock ohne Aufzug wohnt und einen kleinen Hund adoptieren will, müsste ihn immer tragen. Da schauen wir genau hin“, erklärt er. Geprüft werden sogar die Einkommensverhältnisse. „Dass ein größerer Hund über 1000 Euro Hundesteuer kostet, überrascht oft“, sagt Snyders. Einen Hund aus dem Tierheim zu holen, ist übrigens auch nicht kostenlos – für eine kastrierte Hündin bezahlt man 350 Euro, ein Rüde kostet 250 Euro.

Und dann gibt es natürlich die Kennenlern-Phase von Mensch und Hund, in der die Tierpfleger ein genaues Auge darauf haben, ob das Paar harmoniert. Jeder „Bewerber“ muss außerdem einen sogenannten Sachkundenachweis vorlegen. Das ist der Befähigungsnachweis, der einem die nötige Sachkunde über das Tier bescheinigt. Die Prüfung kann zum Beispiel bei einem Tierarzt gemacht werden. Der leitenden Tierpflegerin Katharina Kühle ist außerdem wichtig, dass der neue Tierhalter genug Zeit hat: „Jemandem, der jeden Tag acht Stunden arbeitet und den Hund alleine lassen würde, kann ich keinen vermitteln.“

 

Im Hundehaus ist die Aufregung groß: An Katharina Kühle springen gleich drei Hunde hoch. Bella, Ziczac und Lucy wissen ganz genau, was das klirrende Geräusch von Leine und Geschirr bedeutet: Es geht raus. Aber nicht mit der Tierpflegerin, sondern mit ehrenamtlichen Gassigängern. Etwa 100 Freiwillige führen Hunde aus. So wie Ulla und Petra. „Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Hunden, weil wir sehr häufig kommen“, erklärt Ulla, während die beiden kleinen Hunde mittlerweile draußen im Hof aufgeregt um ihre Beine wuseln und bellen. „Leider gibt es aber viel zu wenige Gassigänger.“ Die sind dringend nötig, denn im stressigen Alltag haben die Tierpfleger selbst oft keine Zeit mit den Hunden spazieren zu gehen. „Wer einmal in der Woche oder einmal im Monat Zeit hat, würde den Hunden damit sehr helfen“, meint Ulla.

"Da hatte ich das leere Geschirr in der Hand“

„Am Anfang geht man mit den Hunden, die leicht zu führen sind“, erklärt Katharina Kühle, während Ulla und Petra den ungeduldigen Ziczac und die schnüffelnde Bella durch das Eingangstor bugsieren. Doch nicht immer sind die so brav, wie ihre Gassigänger glauben, weiß Ulla: „Erst vor einigen Tagen hat einer meiner Lieblinge unter einem Gebüsch geschnüffelt. Aber als ich rief, kam er nicht zurück. Da hatte ich das leere Geschirr in der Hand“, erzählt sie lachend. Nach einer Stunde rufen und pfeifen sei „Jacky“ aber doch zurückgekommen. „Er wollte doch lieber bei mir sein.“

Für die Tiere gibt es drei Wege, im Tierheim zu landen: als Fundtiere, Abgabetiere (vom Halter ins Tierheim gebracht) oder Eingewiesene (zum Beispiel Tiere von Straftätern). Neben Hunden, Katzen und Kleintieren gibt es hier auch immer wieder Exoten, sagt Kühle. Sie zählt auf: „Schwein, Schaf, Teppichschlange, Schnecken, Wachteln, Zwerghahn.“ Direkt hinter dem Eingang lebt in einem Gehege auch eine Kolonie von Tauben. Ins Auge springen zwei sehr schöne, weiße Paloma-Tauben mit Augen so groß wie Glasmurmeln. „Die wurden für eine Hochzeit angeschafft und nach der Trauung freigelassen, aber keiner hat sich Gedanken darüber gemacht, was danach mit ihnen passiert“, berichtet Snyders.

Mit tragischen Fällen sind die Mitarbeiter des Tierheims beinah täglich konfrontiert. Zum Beispiel auch bei Hund Titus. „Er lebt seit acht Jahren hier“, sagt Snyders und deutet auf einen großen, schwarzen Hund, der gleich neben den Tauben schläfrig und entspannt im Schatten liegt. „Er ist sehr umgänglich und brav, aber weil er Leberprobleme hat und deshalb spezielles Futter und manchmal Medikamente braucht, kann er einfach nicht vermittelt werden“, erzählt er. Und sagt dann: „Manchmal bin ich froh, dass Tiere nicht wie Menschen sind. Sie leben im Augenblick und haben keine Vorstellung von der Zukunft.“