Paragliding an der Sieg

Fast schwerelos über der Sieg

Der Flug mit dem Gleitschirm über das Siegtal verleiht ein besonderes Freiheitsgefühl.

Eitorf. Beim Tandemflug mit dem Paragliding-Schirm erlebt GA-Volontär Fabian Vögtle die Natur rund um Eitorf mal aus einer ganz anderen Perspektive – wenn auch nur für wenige Minuten.

Flexibilität, Spontanität und Geduld. Schnell wird klar, dass diese drei Eigenschaften Voraussetzung fürs Gleitschirmfliegen sind. Denn Paragliding ist eine der Sportarten, die erheblich von Wind und Wetter abhängig sind. Während die beiden ersten Charakteristika für den hier schreibenden Jungfernflieger kein Problem sind, gehört Geduld nicht gerade zu seiner größten Stärke. Und die wird an diesem Tag ein wenig auf die Probe gestellt.

Wir sind an der Stachelhardt bei Eitorf, zwischen den Dörfern Honscheid und Bülgenauel. Heike Torstenson hat uns früher als geplant zum Startplatz auf der gut 200 Meter hohen Klippe oberhalb der Sieg bestellt. „Wir müssen den Südwind und das gute Wetter ausnutzen“, sagt die 48-Jährige schon am Telefon. Sie fliegt seit 2008 leidenschaftlich gern Gleitschirm und bietet zusammen mit ihrem Mann Marcus Ruhnow seit einigen Jahren Tandemflüge und Paragliding-Kurse an verschiedenen Orten an der Mosel und auch in Eitorf an. Mit “The Place to Fly“ haben die beiden ihr Hobby zum Beruf gemacht. Der 52-Jährige ist seit 1999 aktiver Gleitschirmpilot und wird mich heute als Tandempilot durch die Luft fliegen. Ihm gilt damit mein volles Vertrauen. Das ist zu dem tiefenentspannten Mann jedoch schnell aufgebaut. Wackelige Knie habe ich dennoch, schließlich stürze ich mich zum ersten Mal ins Nichts.

Video-Reportage: So fühlt sich das Fliegen an

Jetzt kommt es drauf an. Die Schnürsenkel der Sportschuhe noch mal festbinden. Hose und Shirt zurecht rücken. Die Windjacke kann bei den hohen Temperaturen dagegen links liegen bleiben. Marcus breitet derweil den Gleitschirm auf der Wiese aus und entknotet die vielen Leinen, an denen der Schirm mit den Gurten befestigt ist. Dann setzt er mir einen Rucksack auf, gurtet und schnallt mich fest. Auch der Helm darf nicht fehlen. An der Rampe heißt es dann warten, warten und nochmals warten.

„Die Hauptwindrichtung für Gleitschirme und auch für Drachen hier ist Süd“, sagt mir Marcus, als wir gemeinsam startbereit am Hang stehen und auf den passenden Aufwind hoffen. Auch Südost- und Südwestwind gingen, jedoch müsse man dann anhand der Bäume und Blätter unbedingt auf Leerotoren (Vortäuschen eines Aufwindes) achten. Wetterkunde ist für die Piloten fast das Wichtigste beim Fliegen: Wer sich nicht mit Winden, Luftdruck und Thermik auskennt, riskiert abzustürzen.

Während er den Schirm aufspannt und uns in die richtige Position bringt, stützt mich einer seiner Fliegerkollegen, damit ich durch den Druck von hinten nicht schon den Hang hinunter purzele. „Du darfst nicht stehen bleiben, wenn ich gleich los sage“, warnt mich Marcus und plötzlich ist es so weit. „Lauf, lauf, lauf, lauf, lauf!“ schreit er und mir bleibt nichts anderes übrig als nach vorne ins Leere zu rennen. Doch nach wenigen Sekunden gleitet unser blau-weiß-orangener Tandem-Schirm in der Luft. Die ersten Meter weg vom Boden bewegen sich die Beine noch im Laufschritt, aber nach wenigen Sekunden sitze ich bequem zurückgelehnt mit freiem Blick nach unten. Wir fliegen über Baumwipfel und sind mit Vögeln auf Augenhöhe. Schnell wird jedoch klar, dass selbst der erfahrene Pilot nichts machen kann, wenn der Aufwind fehlt. So kommt es nach nur wenigen Minuten zum Tiefflug über die Sieg zur anderen Uferseite, wo der Spaß sanft auf einer Wiese endet.

Schade, wäre ich doch gerne eine halbe Stunde oder noch lieber bis nach Italien geflogen. Aber auch die wenigen Minuten reichen, um festzustellen: Wenn der Wind mitspielt, bietet Paragliding ein unbekanntes Freiheitsgefühl und ein einmaliges Naturerlebnis. Eine Kombination, die kaum zu toppen ist.

Deshalb sind auch Marcus und Heike so fasziniert vom Fliegen. „Was gibt es Majestätischeres?“, fragt Heike als sie uns unten am Landeplatz mit dem Auto abholt. Der Fußmarsch zum Startplatz hoch dauert 45 Minuten. Doch bei der Hitze darf man sich auch mal chauffieren lassen.

Wie schön Deutschland überhaupt sei, hätten sie erst durch ihre vielen Flüge erfahren. Ab und zu geht es auch über die Landesgrenzen hinweg. Mit seinem A-Schein darf Marcus in Europa überall fliegen und auch landen. Wie er nach einem fünfstündigen Flug wieder nach Hause kommt, muss er dann selbst schauen. Nur einmal habe Heike ihn irgendwo in Belgien abgeholt. „Da bin ich dann rund sieben Stunden mit dem Auto gefahren, erinnert sie sich. Sonst gilt die Regel: „Wer abhaut, muss alleine zurückfinden.“