Wandern mit Alpakas

Das flauschigste aller Tiere

Die Alpakas bei einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen: Gras mampfen beim Picknick auf der Wanderung für Mensch und Tier.

Windeck. „Die duften nach buttrigem Popcorn“: GA-Volontär Fabian Vögtle geht in Windeck mit Alpakas wandern – und wird von den sanften Wegbegleitern in den Bann gezogen.

„Die Alpakas bitte rechts laufen lassen“, ruft Steffi Lützen. Da habe man sie an der Leine besser unter Kontrolle, erklärt die Mitarbeiterin der Zuchtfarm „Alpakas des Westens“ den Gästen, die für ihren Betriebsausflug aus Köln heute zur Alpaka-Wanderung nach Windeck-Kohlberg gekommen sind.

Doch so richtig große Lust haben die fünf flauschigen Alpakas noch nicht, in der Wärme zu wandern. „Die Hengste trennen sich ungern von der Herde“, erklärt Lützen. Und keiner scheint zunächst die Führungsrolle übernehmen zu wollen. Lützen drückt die Leine von „Bismarck“ Gaby Göbel die Hand – und die hat sichtlich Angst. „Ich habe Sorge, dass sie mich abschlecken oder treten“, erklärt sie. Doch der buttrige Geruch, fast wie nach Popcorn oder Pinienkernen, ist so beruhigend, dass er schnell zur Entspannung führt: „Nach dem ersten Schweißausbruch geht es jetzt gut. Die sind gar nicht so angsteinflößend“, sagt Göbel nach ein paar Minuten Fußmarsch. Alpakas gelten als sehr nahbare Tiere: Zum Beispiel mit einem Nasenkuss auf Tuchfühlung zu gehen, ist kein Problem. Deshalb werden sie auch zur Therapie eingesetzt.

Video-Reportage: Wir wandern mit Alpakas in Windeck

Rund 50 Tiere leben auf der Farm von Petra und Wolfgang Borrmann im Windecker Ländchen. „Das war eine blöde Idee meiner Frau“, sagt Wolfgang Borrmann schmunzelnd und fügt hinzu: „Ein bisschen verrückt muss man schon sein.“ Angefangen hat alles vor zwölf Jahren in Leverkusen, drei Stuten hatten die Borrmanns damals noch. Seit acht Jahren sind sie nun in Windeck. „Wir haben das an keinem Tag bereut“, sagt Wolfgang Borrmann, der früher Hubschrauber-Pilot bei der Polizei war. Hier, direkt am Erlebniswanderweg des Sieg-Steigs, hat er mit seiner Familie eine neue, ganz eigene Welt aufgebaut. „Wir haben uns einen Lebenstraum erfüllt“, sagt auch Petra Borrmann.

Dabei hatten sie am Anfang einen schweren Stand im Ort. Nicht alle in der Nachbarschaft waren von den Alpakas begeistert. Doch das hat sich schnell gelegt. Das Ehepaar baute nicht nur den alten Hof wieder auf und brachte den Stall auf Vordermann. Auch ein Wildschutzzaun von drei Kilometern Länge musste aufgezogen und die Grünflächen präpariert werden. „Wir fühlen uns hier sauwohl“, sagt Borrmann, der nun jeden Tag am Rande des Westerwaldes im Stall steht und sich um die Tiere kümmert.

Die sind zum Teil aus Neuseeland und Australien importiert oder selbst gezüchtet. Auf der Wanderung durch das Ländchen beschäftigen sie sich hauptsächlich damit, jede Menge Gras zu futtern. Von kläffenden Hunden oder aufgeschreckten Pferden lassen sich die entspannten Tiere dabei nicht aus der Ruhe bringen.

Bei der Picknickpause im Wald nach knapp einer Stunde sind bei Gaby Göbel und ihren Kollegen dann auch alle Hemmungen gefallen. „Bismarck ist lieb und friedlich. Wir sind jetzt schon per Du“, freut sie sich. Die Alpakas genießen hier auch Streicheleinheiten, müssen aber immer festgehalten werden, damit sie nicht ausbüxen. Sie fühlen sich besonders weich und schön an – kaum vergleichbar mit einem anderen Tier. Und das, obwohl sie im Frühling erst geschoren wurden. Die Wolle wird dann verarbeitet und zum Beispiel zu einer Decke, die man im Hofladen auf der Farm auch kaufen kann. Kostenpunkt: 350 Euro. Das ist nicht günstig, aber dafür seien die Alpaka-Produkte gerade „für Allergiker ideal“. Auch Socken sind im Angebot – und deutlich erschwinglicher. Die verkauft Wolfgang Borrmann auch einmal in der Woche auf dem Windecker Markt.

„Die Alpakas, die wir auf die Wanderungen mitnehmen, sind alle männlich“, erklärt er. Das liege daran, dass man den Weibchen nicht die Fohlen wegnehmen könne und eine Wanderung für schwangere Stuten zu stressig sei. Steffi Lützen stimmt aus eigener Erfahrung nickend zu. Die Mitarbeiterin der Farm wohnt um die Ecke und hat sich sofort in die Alpakas verliebt – wie auch ihre Tochter. Sie kennt alle tierischen Nachbarn mit Namen und Macken und macht seit einiger Zeit die Führungen und Alpaka-Wanderungen. „Das ist ein Ausgleich für mich“, erklärt sie.

Neben dem Freizeitangebot der Alpaka-Wanderungen, die jedes Mal übrigens mit anderen Tieren gemacht werden, präsentieren die Borrmanns ihre besten Tiere auf Leistungs-Shows. Im Februar hatte „Peruvian King“ sogar einen Auftritt im Fernsehen. Borrmann war mit dem Hengst bei einer RTL-Show mit Thomas Gottschalk und Günther Jauch. Der Hofladen der Borrmanns ist zugleich ein Museum: hier hängen Fotos von den Wettkämpfen an der Wand, ein Holzregal steht voller glitzernder Pokale und Medaillen. Frisches Alpaka-Fleisch sucht man im Hofladen dagegen vergebens. Das Schlachten der Tiere komme schon deshalb nicht in Frage, weil Alpakas rund 25 Jahre lang Wolle bringen. Außerdem seien alle flauschigen Tiere „Familienmitglieder“, betont Lützen.

„Wer Alpakas hält, kann auf einen Rasenmäher verzichten"

Mittlerweile gebe es in Deutschland mehrere Tausend Alpakas, erklärt Wolfgang Borrmann den Gästen bei kühlen Getränken nach der Wanderung. Die Alpaka-Zucht habe nach der Wiedervereinigung vor allem im Osten als berufliche Perspektive begonnen. In Europa gezüchtete Alpakas seien mittlerweile deutlich fitter als ihre Artgenossen aus Peru oder Chile. „Dort vermehren die sich nur“, sagt Borrmann. Alpakas seien eigentlich soziale Haustiere, die gepflegt werden wollen. „Wer Alpakas hält, kann auf einen Rasenmäher verzichten. Da die meisten über 20 Jahre alt werden, lohnt sich die Investition“, sagt Borrmann mit Augenzwinkern. Hin und wieder verkaufen sie auch eines ihrer Tiere. Der Kunde muss dafür zwischen Drei- und Zehntausend Euro hinlegen. Unverkäuflich ist „MillDuck Manhattan“, der beste Zuchthengst Europas, der hier auf der Weide steht: Sein Marktwert liegt im fünf- bis sechsstelligen Bereich.

Bleibt die Frage, ob Alpakas spucken können – so wie die artverwandten Lamas. Borrmann: „Aus fünf Metern schaffen sie es ziemlich genau, dir zwischen die Augen zu spucken. Aber das machen sie nur, wenn man sie besonders stark reizt“. Dazu kommt es heute nicht. Die Alpakas hoppeln nach der Wanderung friedlich zu den anderen und futtern – wen überrascht es – erst mal Gras.