Angeln am Rhein

Biss in letzter Minute

Bonn. Petri Heil: Gemeinsam mit dem Angelexperten Jörn Schreiber gehen Stephan Kern von Radio Bonn/Rhein-Sieg und GA-Reporter Clemens Boisserée auf Barbenfang im Rhein. Oberstes Gebot: Geduld!

Geduld. Nur Geduld. Irgendwann kommt er, der Biss. Nur wann? Die Rute wackelt leicht. Waren es die Wellen? Der Wind? Die Strömung? Oder doch endlich der ersehnte große Fang? Angeln am Rhein, das ist eine Mischung aus tiefer Entspannung, purer Langeweile, hoffnungsvollem Beobachten und gelegentlichen Adrenalinausstößen.

An diesem Morgen hat sich die große Sommerhitze etwas gelegt. In der Nacht ist ein Unwetter über die Region gezogen. „Das ist gut, das mag der Fisch“, sagt Jörn Schreiber. Ihn begleiten Stephan Kern von Radio Bonn/Rhein-Sieg und ich, GA-Volontär Clemens Boisserée, heute an den Rhein. Wir gehen „auf Barbe“. Das ist eine Karpfenart, im Durchschnitt etwa 40 Zentimeter lang und im Rhein weit verbreitet.

Angeln ist mir nicht unbekannt. Die Angelprüfung legte ich im Alter von 14 Jahren in Bochum-Dahlhausen ab. Mit größerem Eifer lernte ich in der Folgezeit kaum noch einmal für einen Test. Hecht in der Ruhr, Forellen im Teich und Rotaugen im Sommerurlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte – in meinen Teenagerjahren war Angeln meine Leidenschaft. Heute weiß ich nicht mehr, ob der Angelschein, die Zertifizierung als gelernter Hobbyfischer, überhaupt noch existiert. Zu lange ist es her, seit ich das letzte Mal aktiv war.

Treffpunkt Angelfachgeschäft in der Bonner Innenstadt: Hier besorgen wir zunächst mal frischen Köder. Lebendigen, kriechenden Köder. Wo Radio-Reporter Stephan Kern voller Begeisterung die Hand zum Wühlen reinsteckt, läuft mir nur ein kalter Schauer über den Rücken: Maden! Schon als aktiver Angler bevorzugte ich stets Gummifische oder Regenwürmer zum Fischgang. Fliegenlarven sind mir auch Jahre später noch suspekt, wie ich heute merke. Die Barbe aber liebt dieses Getier. In Kombination mit Käsegeruch soll ein halber Liter Maden für einen üppigen Fang sorgen. „Eine Garantie gibt es nicht“, versucht unser Experte Jörg Schreiber noch die Erwartungen zu dämpfen. Doch zu spät: Stephan hat zu Hause frischen Fisch versprochen.

 

Wieder aussetzen dürften wir unseren Fang ohnehin nicht. Außerhalb der Schonzeit und ab einer Mindestgröße schreibt das Landesfischereigesetz vor, dass Fische „sinnvoll verwertet“ werden müssen. Damit soll das Trophäenangeln, bei dem der Fisch nur zur Pose gefangen, dann aber wieder freigelassen wird, unterbunden werden. „Hier gilt grundsätzlich, wie auch im Jagdgesetz, dass der gefangene Fisch das Recht hat, nicht leiden zu müssen. Das tut er aber, wenn er für Fotos lange Zeit an der Luft ist, um dann wieder ins Wasser gesetzt zu werden“, erklärt Wilhelm Deitermann, Sprecher des NRW-Umweltministeriums.

Wir wollen uns an die Tierschutzbestimmungen halten und kommen in entsprechend anderer Mission an den Rhein, genauer gesagt an Jörn Schreibers liebste Stelle. „Hier habe ich in der Vergangenheit immer ziemlich gut gefangen“, begründet er.

Anders als mich hat den 45-Jährigen die Angelleidenschaft nie verlassen, seit er mit zehn Jahren erstmals an den Rhein ging, um die Älteren beim Fischen zu beobachten. Aus der kindlichen Faszination ist mittlerweile sogar sein Beruf geworden: Bei „Angelsport Bonn“ in der Kesselgasse berät und verkauft Schreiber alles, was das Anglerherz begehrt. Wenn er von seiner Ausrüstung erzählt, könnte man meinen, er sei selbst sein bester Kunde: Zwischen 25 und 30 Angeln, unzählige Köderarten und weiteres Equipment  besitzt er. Alles für den perfekten Fang.

 

Auf den müssen wir jetzt erst einmal warten. Die Hitze ist einer angenehmen Sommertemperatur gewichen. Immer wieder füllt Jörn den Futterkorb mit einer Käsepulver-Maden-Mischung und schmeißt die Rute aus.

Dabei kam es in der Vergangenheit schon zu Konflikten. „Ruderer und Angler geraten leider immer wieder aneinander“, erzählt Schreiber. Die einen wollen den Angelschnüren nicht ausweichen, die anderen ihre Köder nicht ständig reinholen, wenn an schönen Tagen der Kanuverkehr auf dem Rhein dem Pkw-Verkehr auf Autobahnen zum Ferienstart gleicht. „Beide Seiten sehen sich im Recht, da fehlt manchmal die Rücksichtnahme der zwischen den menschlichen Rheinnutzern füreinander“, sagt der 45-Jährige.

Heute bleibt der Konflikt mit Booten und Kanuten aus, die Situation ist tiefenentspannt – wie auch das Beißverhalten der Fische. Ab und zu beißt eine 
Grundel an. Der artfremde Fisch wurde irgendwann aus dem Schwarzen Meer in den Rhein importiert und dient seither den Raubfischen als Nahrung. Das Gesetz sieht auch für ihn keine Rückgabe ins Wasser vor. Viele Angler geben ihren Grundel-Beifang daher zur Fütterung an Zoos oder versuchen sich an einer Fischsuppe. Für mehr ist der Winzling, kaum einmal größer als zehn Zentimeter, nicht zu gebrauchen.

 

Die meiste Zeit aber heißt es: warten, Geduld haben, in störrischer Lethargie auf den Biss hoffen. „Angeln ist die pure Entspannung in schöner Umgebung. Wenn wir heute nichts fangen, hatten wir wenigstens einen guten Tag am Rhein“, sagt Schreiber, als auch nach zwei Stunden keine Barbe am Haken hängt.

Der Fotograf hat seine Sachen schon gepackt und will sich gerade verabschieden, Jörn Schreiber hat sich mit einem Bericht über einen erfolglosen Ausflug abgefunden, da wackelt plötzlich die Rute. Zunächst ganz vorsichtig, dann biegt sich die Spitze mit einem großen Ruck durch. „Barbe!“, ruft Schreiber. Aus der trägen Ruhe wird hektische Betriebsamkeit, als Schreiber die Rute packt und den Kampf um den Fang in letzter Minute aufnimmt.

„Wenn man aufhören will, kommt der Biss. So ist es beim Angeln“, sagt ein zufriedener Jörn Schreiber, als der prächtige, rund 60 Zentimeter lange Fisch wenig später vor uns liegt. Er blickt in zufriedene Gesichter: in Stephans, weil er doch noch zu seinem Abendessen kommt. Und in meines, weil ich mich wieder erinnere, wieso mich dieses Hobby einst so begeisterte. Man muss nur Geduld haben.