Brauer und Winzer im Siebengebirge

Bier oder Wein? Eine Stadt, zwei Welten

Königswinter. Ein lauer Sommerabend, gutes Essen - dazu ein leckerer Weißwein oder doch ein kühles Bier? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Volontär Marcel Dörsing hat in Königswinter Winzer Felix Pieper und Braumeister Gunnar Martens besucht.

Bei Gunnar Martens brodelt es im Garten. Aus einem riesigen Kupferkessel steigt heißer Dampf auf. Vor seiner Haustür hängen Bierkästen, die als Blumenbeete dienen. Alufässer stehen aufgetürmt Spalier vor dem Hauseingang und im Wind flattern Hopfenreben. Kein Zweifel: Bier formte dieses schöne Anwesen.

Für viele Menschen ist der kühle, spritzige Gerstensaft ihr liebstes Sommergetränk. Für Gunnar Martens, Diplom-Braumeister in Sonderbusch und einziger gelernter Bier-Sommelier im Siebengebirge, ist es viel mehr als das. "Bier ist nicht immer nur ein Durstlöscher oder Zweckgetränk, es kann auch Genuss sein", sagt der 44-Jährige. Der Gerstensaft kann laut Martens durchaus eine Vielfalt bieten, die dem Wein in nichts nachsteht. Gerade deshalb dürfe Kreativität beim Bierbrauen gerne auch die engen Grenzen des Deutschen Reinheitsgebotes sprengen. Martens benutzt daher zur Bierherstellung alles, was sein Garten hergibt.

Ein Weizenbier mit Zitronenmelisse oder ein Altbier mit Damascena-Rose - "der Brauereibund würde mich dafür wohl steinigen", sagt Martens. Doch erlaubt ist, was schmeckt. Als Bier bezeichnen darf er solche Getränke, kraft des Deutschen Reinheitsgebotes, allerdings nicht. "Daher laufen sie oftmals unter Namen wie Bräu oder Brauereispezialität", so Martens. Neudeutsch hat sich der Name "Craft Beer" ( dt. "handgemachtes Bier") eingebürgert. Übernommen wurde der Begriff aus den USA. Dort liegt das selbst hergestellte Bier seit einigen Jahren voll im Trend. "Es gibt eine Biervielfalt, die ich zu Hause brauen kann, die es so in Deutschland einfach nicht im Laden zu kaufen gibt, auch weil ich da illegalerweise am Reinheitsgebot vorbei brauen kann." Nicht nur von außen betrachtet, dreht sich bei dem leidenschaftlichen Brauer zu Hause alles um Bier. Auch im Inneren seines Hauses sieht es aus, als befinde man sich in der Brauküche eines verrückten Wissenschaftlers oder des Tüftelagenten "MacGyver".

Ein wuchtiger Einmachkessel ziert den Tisch. Daneben stehen ein Plastikeimer, mit Malz gefüllte Schüsseln und einige Glasbehälter mit Flüssigkeiten. Mithilfe einer Handmühle beginnt hier der erste Schritt der Bierherstellung: Das Malz wird zerkleinert. Einige Kilogramm des Getreides werden so geschrotet. Hier in seinem Haus gibt Martens, der Brauwesen in Weihenstephan studiert hat, Kurse, in denen er Teilnehmern die Kunst der Bierherstellung näherbringt. "Ich möchte vor allem zeigen, wie man sein eigenes Bier zu Hause brauen kann, und zwar mit überschaubarem finanziellen Aufwand", sagt Martens. "Das Startbudget, um seine eigene kleine Hausbrauerei zusammenzustellen, liegt bei etwa 200 Euro."

Als nächstes muss das geschrotete Malz nun gemaischt werden. Dazu geht Martens hinaus in den Garten. In einem großen Kessel verrührt er das Getreide mit 55 Grad heißem Wasser, um die Stärke aus dem Malz zu lösen. Nachdem die Mischung weitere Temperaturstufen durchlaufen hat, ist die Maische fertig und bereit zum sogenannten Läutern. Dabei trennt sich die Flüssigkeit (Bierwürze) vom Malz. Anschließend wird die Würze unter Beigabe von Hopfen gekocht.

Vor einigen Jahren hatte Martens den Beruf des Braumeisters in einer Brauerei aufgegeben. Die engen Grenzen, die der Bierherstellung in Deutschland gesetzt sind, machten den Job auf Dauer zu langweilig für ihn. "Deutschland ist immer noch Pils-Markt, dann kommt lange nichts, dann Weizen, und dann ein paar lokale Ausreißer wie Kölsch."

In anderen Ländern wie den USA oder Belgien sei man da bereits viel weiter. Tatsächlich gebe es bei Bieren ähnliche Unterschiede wie bei Weinen.

Martens hat während seiner Ausbildung zum Bier-Sommelier zahllose ausländische Biere gekostet. "Ich werde bei Bieren, anders als bei Weinen, nicht so umfangreich beraten", beklagt Martens. "In der Spitzengastronomie findet man vielfach, dass sie drei Sorten Pils am Hahn haben, und ein paar unterschiedliche Sorten Weizen aus der Flasche, hingegen aber eine Weinkarte von hier bis Meppen." Dabei eignen sich spezielle Biere auch zu ganz speziellen Gerichten.

Bis zu sechs Stunden dauert der Brauvorgang in Martens' Garten. Nach dem Abkühlen gibt der Braumeister die Hefe hinzu. Erst jetzt beginnt aus dem Malz-Hopfen-Sud Bier zu werden, denn die Hefe wandelt Zucker zu Alkohol um. Bis daraus ein echtes Genussmittel entsteht, vergehen noch vier bis fünf Wochen. "Das Warten lohnt sich", verspricht Martens. "Nichts schmeckt so gut wie selbst gebrautes Bier, das ist Bier mit Charakter."

Zu Gast bei Winzer Felix Pieper

Wie in einem riesigen Hohlspiegel fängt sich in den Oberdollendorfer Weinbergen die Julisonne. Kein Wind weht durch die Reihen der Weinreben, nicht einmal Insekten scheinen bei dem Wetter fliegen zu wollen. Felix Pieper scheint das alles nichts auszumachen. Mit langen Schritten eilt er über den Weg hinauf, der durch seinen Weinberg führt. In langen Reihen, als würden sich die Pflanzen gegenseitig an den Händen halten, damit sie nicht hinabrutschen, ziehen sich die Weinreben den Hang hinauf. Pieper trägt eine Kappe, T-Shirt und kurze Hose - nicht gerade ein Outfit, das man bei einem Mann erwarten würde, der einen der traditionsreichsten Berufe überhaupt ausübt.

Der 32-Jährige, der 2007 den elterlichen Betrieb übernommen hat, ist Herr über neun Hektar klassischer Weinsorten wie Spätburgunder, Gewürztraminer oder Chardonnay. In diesen Tagen ist er fast täglich in den Hängen unterwegs, sorgt dafür, dass Triebe, die langsam zu schwer werden, wieder in den Drahtrahmen geheftet werden, an denen die Reben wachsen. Dass für Pieper die Sonne eher Freude statt Qual bedeutet, dafür dürfte nicht nur seine lockere Kleidung verantwortlich sein. "Bis jetzt sind wir mit dem Sommer sehr zufrieden", sagt Pieper. "Der Blüteverlauf der Reben war richtig fix und unkompliziert, so dass wir gute Ansätze für die Trauben haben."

Oben im Weinberg angekommen, bietet sich ein toller Ausblick über das Rheintal. Hier erschafft der Sommer selbst, was Pieper in dieser Jahreszeit am liebsten trinkt: "Im Frühjahr und Sommer bin ich klarer Riesling-Fan", sagt Pieper. Ab Anfang Oktober können die Weißweintrauben mit der charakteristischen Säure gelesen werden. Bei Pieper geschieht das noch in reiner Handarbeit.

14 bis 20 Helfer schneiden dann die Trauben von den Reben. So könne schon bei der Lese dafür gesorgt werden, dass nur die gesunden Trauben zur Weiterverarbeitung eingefahren werden. Je nach Jahrgang erntet Pieper zwischen 20 und 30 Tonnen Weintrauben, die zu 15- bis 20.000 Liter Wein verarbeitet werden. "Und das ist nur der Riesling, insgesamt produzieren wir 65- bis 75.000 Liter Wein pro Jahr."

Für Pieper ist die Weinbereitung ein Traumjob. "Man stellt ein Produkt her, das man von A bis Z begleitet hat, wo man seine Leistung schmecken kann und die Resonanz seiner Kunden mitbekommt. Hinzu kommt die Arbeit in der Natur - das macht zumindest bei gutem Wetter richtig Spaß." Zu leicht sollte man sich die Arbeit allerdings nicht vorstellen, sagt Pieper. Das fange schon bei der Ernte an: "Während der Weinberg-Sperrung in Rhöndorf, als viele Freunde und Interessierte aus der Region geholfen haben, sagten einige: »Bei einer Weinlese würde ich gerne mal mitmachen, das ist ja auch romantisch«." Wenig später hätten sie dann aber auch feststellen müssen, dass "romantisch" nicht gerade der treffende Begriff ist: "Nach einer Viertelstunde kleben dir die Hände vom Zucker der Trauben, und im Steilhang tut dir der Rücken weh", so Pieper.

Nach der Lese im Herbst wird der Riesling direkt abgepresst, der Rotwein hingegen hat zunächst noch eine Schonfrist von drei bis vier Wochen. "Die Trauben bleiben mit den Beerenhäuten zusammen in Wannen liegen, um die Farbe später besser extrahieren zu können."

In der Presse werden die Trauben dann durch ein Presstuch, das mit Druckluft aufgeblasen wird, zerquetscht. "Eine gute Presse ist der Grundstock für die Weinbereitung - wenn dabei etwas falsch läuft, schmeckt der Wein später auch nicht mehr", erklärt der Winzer. Nach der Gärung wird der Wein in riesige Tanks aus Plastik und Edelstahl und auch Barrique-Fässer abgefüllt und gelagert. Das Schöne an der Weinherstellung ist für Pieper: "Es wird nie monoton. Zu jeder Jahreszeit gibt es andere Arbeiten, die erledigt werden müssen." Und damit es auch in Zukunft nicht monoton wird, ist der junge Winzer ähnlich wie Braumeister Gunnar Martens auch offen für Neues. So stehen nicht weit entfernt von den alten Riesling-Reben kleine zarte Pflänzchen in der Erde. Dabei handelt es sich um Grünen Veltliner, der erst vor wenigen Wochen eingepflanzt wurde. "Das ist für uns, aber auch für die Region Mittelrhein, etwas völlig Neues", sagt der Winzer.

Ob der Grüne Veltliner dann vielleicht zu Piepers neuem Lieblingssommerwein werden kann, wird er frühestens in etwa vier bis fünf Jahren wissen. Pieper: "So lange brauchen die Reben bis zu einem nennenswerten Erstertrag." Bis dahin bedarf es noch einiger guter Sommer in Oberdollendorf.

Weitere Informationen zum Wein der Familie Pieper gibt es unter www.weingut-pieper.de. Termine zu Gunnar Martens' Braukursen sowie Brauanleitungen zu verschiedenen Biersorten: www.meinsudhaus.de.