Unterwegs mit dem Förster

Ackern im Kottenforst

Der Harvester in Betrieb: Mit Leichtigkeit zerlegt der „Vollernter“ eine Fichte.

Bonn. Im Kottenforst herrscht Hochbetrieb: Tausende vom Sturm geschädigte Bäume müssen gefällt werden, gleichzeitig strömen viele Ausflügler in den Wald. Wie man schwere Arbeiten und Erholung vereinbart, hat Clemens Boisserée von Förster Wolfgang Bongardt erfahren.

Etwas Großes lauert im Kottenforst. Aus Skandinavien nach Deutschland eingewandert, wühlt er sich durch den Wald: der Harvester. Acht Meter lang, mit einem 15 Meter langen Greifarm und Kettensäge bestückt ist dieses Gefährt die modernste Methode der Baumfällung. „Ein  Harvester ersetzt zehn Männer mit Kettensäge. Das bedeutet auch zehn Mal weniger Unfallrisiko“, sagt Förster Wolfgang Bongardt. Er hat für diesen Sommer eine Spezialfirma aus dem Westerwald beauftragt, ihr „Vollernter“ soll im Kottenforst aufräumen. Orkan „Niklas“ hat in Bongardts Forstbezirk gewütet, rund 7000 Bäume müssen in diesem Sommer gefällt und verarbeitet werden.

Das rund 1700 Hektar große Gelände des Kottenforstes ist ein beliebtes Naherholungsgebiet: Ob Wanderer, Radfahrer, Inline-Skater oder Reiter – sie alle fühlen sich in dem stadtnahen Wald wohl. Auch wenn in diesem Sommer die Naherholung unter etwas lauteren und knatternden Bedingungen stattfinden muss, damit der Wald sicher für die Besucher ist und der Naturschutz gewährleistet wird.

Moderne Technik und 
klassische Kettensägenarbeit

Wolfgang Bongardt und sein Team versuchen, dies in Einklang zu bringen: Sie gewährleisten Raum für jene erwähnten Freizeitaktivitäten in den Sommerferien, befreien den Wald von den Schäden des Orkans und versuchen, gleichzeitig die Brutzeit vieler Lebewesen nicht zu stören. Bongardt nennt den Wald gern „Multitalent“, der Schutz-, Nutz- und Erholungsfunktion vereine. Seit 25 Jahren ist Bongardt als Förster für den „Landesbetrieb Wald und Holz“ im Kottenforst unterwegs. „Wer im Wald tätig ist, muss viel Leidenschaft für die Natur mitbringen. Es ist ein Vollzeitjob und Knochenarbeit – sehr viel mehr als Bambis streicheln“, sagt er.

Der Sommer ist eigentlich kein klassischer Monat für Baumfällarbeiten. „Wir versuchen immer, diese lärmintensiven Arbeiten auf den Winter zu legen“, erklärt Bongardt. Dann tragen die Bäume weniger Blätter, die Tierwelt hält Winterschlaf und weniger Menschen sind im Wald unterwegs. „Aber besondere Vorfälle fordern besondere Maßnahmen“, sagt der Förster mit Rückblick auf Orkan „Niklas“. Auch die heißen Temperaturen der vergangenen Wochen werden laut Bongardt dafür sorgen, dass solche Fällarbeiten anfallen: „Wir rechnen mit einer Plage durch Borkenkäfer, die den Baumbestand angreifen werden.“ Befallene Bäume müssen so schnell wie möglich gefällt werden, damit die Käfer sich nicht zu stark vermehren und den umliegenden Bestand schädigen.

Der Harvester ist für rund 14 Tage im Wald zugange. Eine Minute braucht das baumfressende Ungetüm, um eine Fichte zu fällen und in gleichlange Stämme zu verarbeiten. Walter Kühn, Geschäftsführer der Harvester-Firma, ist das ganze Jahr unterwegs, damit sich das Geschäft lohnt. „Ein neuer Harvester kostet 550 000 Euro. Die sind zu teuer, um sie stehen zu lassen und Sommerurlaub zu machen“, erklärt Kühn. Nur mit moderner Technik können die abgestorbenen Bäume aber nicht beseitigt werden. Viele Fichten im Kottenforst sind höher als 30 Meter – und damit zu hoch für den Harvester. Die Maschine darf außerdem nur auf ausgewiesenen Strecken durch den Wald fahren. Oft müssen die Forstwirte also gerade an heiklen Stellen anpacken. „Für einen Baum brauche ich mit der Kettensäge etwa 20 Minuten. Der Job ist pure Knochenarbeit“, sagt Forstwirt Peter Fischer. Zumal die Unfallgefahr enorm ist. „Holzfäller gehört zu den gefährlichsten Jobs, die es gibt. Bei uns ist bislang zum Glück noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert“, sagt Förster Bongardt. Zeitdruck herrscht trotzdem: Bis nächste Woche müssen die Bäume aus dem Kottenforst für den Abtransport bereit sein. Sie werden teilweise in nahe gelegene Sägewerke geliefert, aber auch ins Ausland bis nach China verkauft.

Mit Abschluss der Fällarbeiten sind auch die Waldwege wieder frei. Bis dahin müssen einzelne Abschnitte immer wieder gesperrt werden. Das hält Willi Schorn nicht davon ab, mit seinem Sohn Alexander auf das Rand zu steigen. „Das dichte Streckennetz ist ja trotzdem überragend und die Natur einfach wunderschön“, sagt Schorn. Gerade in den Sommerferien tummelt es sich auf den Waldwegen. Deren Pflege fällt ebenfalls in den Arbeitsbereich von Förster Bongardt: „Da der Kottenforst traditionell ein beliebtes Ausflugsziel ist, gibt es hier immer noch geteerte Wege, obwohl die für das Ökosystem nicht gerade hilfreich sind.“ Doch was für manchen Käfer unüberwindbar ist, braucht der Inline-Skater für seinen Sportausflug im Wald. „Die Sanierung und Pflege der Wege ist ein Dauerthema bei den Besuchern“, berichtet Bongardt und erzählt von Beschwerden über Schlaglöcher im Asphalt, die je nach Aufwand oft nicht sofort von den Forstwirten geflickt werden können. Auch die Sitzbänke pflegen und reparieren die Waldarbeiter. „Den Sommer nutzen wir zudem, um die 400 Hochsitze hier zu reparieren“, erklärt der Förster.

Mehr heimische Baumarten 
sollen gepflanzt werden

Gefällt wird im sommerlichen Wald also genauso wie geschont und behütet. Wo kranke Bäume fallen, sollen neue entstehen. 12 000 Eichen-Setzlinge haben Bongardt und seine Kollegen schon gepflanzt. Im Kottenforst wollen sie wieder mehr heimische Baumarten ansiedeln. Die Eichen werden in einer Baumschule aus im Wald gesammelten Eicheln gezogen und nach dem Einpflanzen von Plastikhüllen geschützt. Darin wachsen sie schneller und sind vor hungrigem Wild geschützt.

Für Wolfgang Bongardt hat sich als gebürtiger Bonner im Kottenforst ein Kreis geschlossen: Schon als 15-Jähriger arbeitete er hier, nach dem Schulabschluss und seinem Studium in Göttingen kam er zurück. Seither bemüht er sich täglich, dass der Kottenforst bleibt, was er für Mensch und Tier ist: ein Multitalent.