Im Reich der Bienen

Gut Melb bietet Wissenschaft zum Anfassen

Kamera-Flug über dem Gut Melb: Hier trifft der Student auf die Natur.

Bonn. Uni. Da fallen einem als erstes stickige Hörsäle ein. Dann - neuerdings - der Lernstress, der mit Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge die lässigen Bilder der guten alten Studentenzeit gegen Motive austauscht, die mehr an Schule als an Lehre denken lassen.

Dann vielleicht noch die typischen Werkzeuge des Zeitgeistes: PC statt Buch, iPad statt Block, Google statt Bibliothek. Der Student im Hier und Jetzt verbraucht wenig Papier und macht sich, wenn was aus ihm werden soll, möglichst schnell Gedanken.

Und dann guckt er aus dem Fenster, und alles ist wie immer: die Bäume grün, der Himmel blau, die Natur die Antwort und der Mensch weiterhin die Frage. Wie erhält man möglichst kostengünstig und schnell Aufschluss über Schadstoffe in einem bestimmten Boden? Wie kommt man mit möglichst geringem Arbeitsaufwand zu einer möglichst exakten Bewertung eines Problems? Wie kann man auf schnellstem Wege Informationen weiterleiten? Die Antwort liegt im Reich der Bienen. Und das liegt in Bonn etwa fünf Autominuten vom Stadtzentrum entfernt auf einem alten Gut aus dem 19. Jahrhundert.

Es riecht nach Pferd. Vor einem langgestreckten Ziegelbau steht ein Mann in Gummistiefeln und guckt stumm, wer da kommt und zu wem er will. Es gibt tatsächlich verschiedene Möglichkeiten hier: Man könnte zu dem Landwirt gehen, um dessen Pferde zu begutachten. Man könnte auch mit dem Landschaftsgärtner verabredet sein. Oder den Imker suchen - da wäre man ein bisschen zu weit gelaufen, denn Dete Papendieck (45) hat sein eigenes Terrain ein Stück vor dem Gutshof links. Stattdessen geht es jetzt nach rechts, ins cremeweiße ehemalige Herrenhaus hinein. "Inres" steht an der Tür: Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz. Zusatz: "Institut für Landwirtschaftliche Zoologie und Bienenkunde".

"Stirbt die Biene, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tier mehr, kein Mensch mehr." Albert Einstein soll das gesagt haben. Abgesehen davon, dass die Deutschen Weltmeister im Honigessen sind - im Schnitt gönnt sich jeder hier pro Jahr ein Kilo - ist die Biene für Landwirte eine, mit der sie rechnen müssen.

Wer Schädlinge bekämpft, darf nicht die Biene treffen, wer Monokultur betreibt, vertreibt sie. Wer sie hingegen studiert, der lernt nicht nur das kleinste Haustier der Welt kennen, sondern auch ein Nutztier. Nützlich als Bestäuber und Honiglieferant, nützlich aber auch, weil die Biene über Fähigkeiten verfügt, die - übertragen auf unsere Menschenwelt - Fortschritt bringen. Hier beginnt die Welt der Bionik. Ihr Prinzip: lernen von der Natur, Methoden und Prozesse der Natur kopieren.

Dr. André Hamm sitzt in der Bibliothek im Herrenhaus von Gut Melb und beschreibt, wie aus dem Studium der Tierökologie ein Wirtschaftsfaktor wird: "Ich habe meine Diplomarbeit über Schwermetalle in Hummel- und Bienenvölkern geschrieben. Die Insekten nehmen alle Bodeninhalte auf - durch Analysen eines Bienenstocks lässt sich genau sagen, was in einem Stück Freiland in der Erde steckt."

Bienen sind, seit die von Asien eingeschleppte Varroa-Milbe in Deutschland ein Drittel der Honigbienenvölker ausgerottet hat, ein populäres Thema. Bis dahin fiel den meisten Menschen nur Honig und ein schmerzhafter Stich zur Biene ein. Jetzt, in der Wissenschaft der Bionik, wird die Kommunikation im Bienenschwarm studiert, um daraus Kommunikationskonzepte für Computer zu entwickeln.

Im internationalen Bionik-Zentrum in Saarbrücken wird die Systematik, mit der Bienen ein Feld untersuchen, für die Roboterentwicklung verwendet. In Bonn ist die Bienenkunde sogar "die älteste Facheinrichtung im Rahmen einer deutschen Hochschule", wie das Bienenforschungsinstitut in Celle schreibt. Seit 1952 wuchs neben der reinen Lehre auf Gut Melb mehr und mehr die Forschungsarbeit.

Hierhin, ins Melbtal, kommen Studenten der Landwirtschaft und Biologie, der Ernährungswissenschaften und Zoologie. Und natürlich hocken sie vor PCs und Petrischalen. Aber ihre Studienobjekte wachsen hier durchs Fenster hinein - oder besser: Sie summen um sie herum. André Hamm steht auf und geht auf den Balkon. Man sieht - wildes Grün mit bunten Tupfern. Hamm sieht mehr. Er sieht Teiche, in denen drei verschiedene Molcharten durchs Wasser tauchen. Er sieht Johanniskraut und Fette Henne, Thymian und Kornellkirsche - "Pflanzen, die Bienen lieben".

Er sieht die Flugkäfige, in denen das Nistverhalten der Sandbienen studiert wird - sehend, nicht nur lesend. Und auf einem feuchten Lehmstück, aus dem öselige Pflanzenstengel herausragen und das wirklich genau so aussieht wie etwas, das weg kann, zeigt er auf einen von vielen winzigen weißen Zetteln: "78" steht drauf.

Nest 78 ist gemeint, das 78. Nest einer Waldbiene, die traditionell alleinerziehend ist: "Sie lässt sich befruchten, dann gräbt sie einen Tunnel in den Boden und legt ihr Ei hinein", sagt Hamm. Und dann kommt gerne mal ein Parasit vorbei, schlüpft ins fertige Nest und tauscht das Ei mit seinem Ei aus. "Kuckucksbienen" nennt man diese Parasiten, sagt Hamm.

Die Bonner Studenten fahren von Gut Melb aus auch schon mal weiter. Zum Hardtbach, um Gewässerproben zu entnehmen, deren Analysen im Labor von Gut Melb dann auch für städtische Ämter von Interesse sind. Oder in die Eifel. Die Heimat des Mannes, der ein Büro im Herrenhaus von Gut Melb hat und von allen nur "der Eifelpapst" genannt wird. Professor Doktor Wolfgang Schumacher, leidenschaftlicher Botaniker, hat in seiner Lehrzeit Generationen von Studenten die enge Beziehung von Natur- und Artenschutz vermittelt.

Die Bienenkunde auf Gut Melb zog schon die unterschiedlichsten Menschen an. Auch Joseph Beuys war hier. "Hat sich alles erklären und zeigen lassen, als er an seiner Installation 'Honigpumpe am Arbeitsplatz' gearbeitet hat", erzählt Hamm. Selbstredend war Beuys auch in der Imkerei. Wo Königinnen gezüchtet werden, wo Honig entsteht, wo Auszubildende den Beruf des Imkers erlernen.

Wie lange das Prinzip "Praxis am Bienenvolk" noch auf dem Bonner Gut Melb aufrecht erhalten wird, ist indes fraglich. Der Pachtvertrag für den Landwirt läuft 2014 aus, und wie das so ist mit besonderen Orten: Sie sind schnell gefährdet, weil sich ihr Wert nicht in Cent misst.

Auf dem Weg zu den Bienenstöcken - mehr als 140 Völker gibt es hier - passiert man ein Feld riesiger Schachtelhalme, denen der feuchte Boden des Melbtal sehr gut gefällt. "Dr. Wolfram Lobin vom Botanischen Garten war kürzlich hier - er war total begeistert von den Pflanzen", sagt Hamm.

Begeistert wären von Gut Melb bestimmt auch Kinder. Soviel gibt es zu entdecken. Den Krabbelbaum zum Beispiel, "Totholz", sagt Hamm: Ein toter Baumstumpf, den jeder fällen würde, der kein Ökologe ist. Hier wird das tote Holz zum Leberaum von allem möglichen fliegenden oder krabbelnden Getier.

Direkt vor den Bienenstöcken baut GA-Fotograf Volker Lannert für das Gut-Melb-Übersichtsbild seine Kamera-Drohne auf. Noch während er die Technik kontrolliert, kommen die ersten kleinen pelzigen Flieger herbei, setzen sich aufs Haupt der Flugmaschine, betasten sie mit ihren Fühlern. Dann hebt sie ab, steigt auf - und ein Schwarm von Bienen folgt ihr in den Himmel. "Waren es besonders dicke Bienen?" fragt Imker Papendieck später. "Dann sind es Drohnen gewesen." Wie passend.

INRES - FB Ökologie der Kulturlandschaft, Abteilung Tierökologie, Gut Melb, Melbweg 42

Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.tieroekologie.uni-bonn.de