Ruinen in Bonn und Region

Ein Parcours vom römischen Bonn bis in die Gegenwart

BONN. Burgen, Schlösser und Ruinen, das ist, was der Rheinromantiker in unserer Region suchte und sucht. Die Touristen des 19. Jahrhunderts waren ganz verrückt nach diesem Dreiklang. Auch heute ist das so. Gerade auch Ruinen stellen Fragen, beflügeln die Fantasie.

Was ist passiert, warum ließ man in grauer Vorzeit die Bauwerke verfallen - und, im Gegenzug gefragt: Warum erhält man diese Ruinen? Rekonstruiert man? Es sind steinerne Zeugen unserer Geschichte. Sie bieten sich an als Orte der Kontemplation und Spekulation, sind für historisch interessierte Erwachsene ebenso attraktiv wie für Kinder, die sich auf den Ruinen die Geschichte erklettern.

Ruinen sagen viel über die Vergangenheit der Bauten und natürlich einiges über unsere Gegenwart. Wer geht nicht kopfschüttelnd an der Neubauruine des WCCB vorbei? Ganz in der Nähe liegt ein weiteres Millionengrab, der 1993 durch ein Rhein-Hochwasser abgesoffene Schürmannbau.

Nicht wenige hätten die Ruine am liebsten verkauft und sich selbst überlassen - denn alle Blicke richteten sich seit Juni 1991 nach Berlin. Die Stimme der Vernunft in Gestalt des SPD-Bauexperten Otto Reschke aber meinte: "Wir dürfen beim Umzug nach Berlin keine Ruine in Bonn zurücklassen." Wir beginnen unseren chronologischen Rundgang in der Römerzeit.

Zwischen 40 und 20 vor Christus kommen die ersten Römer dorthin, wo heute Bonn ist, legen erste Spuren. Auch die Ubier, die auf dem Gebiet zwischen der heutigen Universität und dem Münster siedelten, hinterließen Spuren. Wir gehen für den Beginn unserer Suche ins Haus der Geschichte, das mitnichten nur die Historie der Bundesrepublik dokumentiert.

Im Keller des Museums findet sich der Keller eines römischen Hauses (2. Jahrhundert), das Teil des "vicus bonnensis" war, einer am Rand des Truppenlagers befindlichen Siedlung für Handwerker und Händler. Die Funde geben einen Einblick in den römischen Alltag in Bonn. Die Suche lässt sich im LVR-Landesmuseum fortsetzen.

1040 erwähnt eine Chronik erstmals die Burg Rolandseck ("Rulcheseck") am steilen Abhang des Rodderbergs. Wenig mehr als der Rolandsbogen vom 1122 gebauten Nachfolgebau erinnert an diese Befestigung am Rhein. Und auch diesen Bogen gäbe es heute nicht mehr, hätte der Dichter Ferdinand Freiligrath aus Unkel nicht zu Spenden für die 1839 eingestürzte Ruine aufgerufen. Kein geringerer als der Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner schuf die Pläne für den Wiederaufbau, der 1840 realisiert wurde.

Deutlich wird daran, wie wichtig den Menschen dieses Wahrzeichen war. Für die Touristen des 19. Jahrhunderts war der Rolandsbogen, der einst ein Burgfenster rahmte, das Logo für Rhein, Romantik und Sehnsucht. 1893 ist auf dem umgebenden Hochplateau ein Erfrischungskiosk dokumentiert. Der wunderbare Blick aufs Rheintal zieht auch heute noch Scharen zum Rolandsbogen, durch den man angeblich bei idealen Wetterbedingungen bis zum Kölner Dom blicken kann.

1210 ist das Jahr der Grundsteinlegung für die Godesburg, eine Fliehburg, deren Bergfried (die Spitze liegt bei 122 Metern über dem Meeresspiegel) weithin sichtbar über Bad Godesberg residiert. Auf Stichen der Rheinromantik, die im 19. Jahrhundert begehrte Souvenirs waren, sieht man Ruine und Bergfried der unter dem Kölner Erzbischof Dietrich I. von Hengebach begonnenen Burg, die auf kultischem Boden steht. Die Römer haben hier gesiedelt, die Ubier hatten hier eine Kultstätte, die sie Wotansberg nannten.

Die Godesburg geriet nach der Reformation in die Wirren des Truchsessischen Kriegs, die Anlage wurde 1583, wie zeitgenössische Radierungen dramatisch dokumentieren, durch die Truppen des Kurfürsten Ernst von Bayern belagert, durch eine Sprengung weitgehend zerstört und durch einen katholischen Söldner erobert, der durch den Abort in die Burg gelangt war. Heute kommt man komfortabler in die Godesburg. Der Burghof ist über einen Aufzug zu erreichen.

1237, am 18. Oktober, wird der prächtige Bau der Abteikirche des Klosters Heisterbach geweiht, ein gewaltiger Bau, 88 Meter lang und 44 Meter breit, dessen Dimensionen in der Region nur noch vom Kölner Dom übertroffen werden. Markantester Überrest des 1809 nach der Säkularisation des Klosters zum Abbruch an einen französischen Unternehmer freigegebenen Baus ist die hoch aufragende Ruine des Chors. Steine der Abteikirche bei Heisterbacherrott wurden im Nordkanal zwischen Venlo und Neuss und in der Festung Ehrenbreitstein verbaut.

Erst 1818 unterband der Oberpräsident der Rheinprovinz weitere Sprengungen. Der wunderbare, weit sichtbare Chor blieb erhalten, beliebtes Motiv für die ruinenverliebten Maler der Romantik, die das Bauwerk im Wechsel der Jahreszeiten verewigten. Und damit jedem Besucher den Tipp geben, sich die Ruine von Heisterbach zu allen Tages- und Jahreszeiten anzusehen. Sie wirkt immer anders.

1247 wird die Löwenburg oberhalb von Bad Honnef erstmals erwähnt. Sie ist die Grenzfeste des Grafen von Sayn gegen Berg und die kölnischen Burgen des Siebengebirges, Drachenfels und Wolkenburg. Heute noch lässt sich erahnen, wie dieser Komplex aussah, wobei die langgestreckte Vorburg, Hochburg und Zwinger seit dem 16. Jahrhundert Ruinen sind.

1624 ist ein bemerkenswerter Stich von Matthäus Merian datiert, der die Burg auf dem Drachenfels zeigt, bevor sie Ruine wurde. Interessantes Detail: Zu sehen ist eine gewaltige Stein-Rutsche unterhalb der Burg, auf der der abgebaute Trachyt für den Kölner Dom ins Rheintal geschickt wurde. Dieser exzessive Abbau und auch 1638 die Eroberung der ab 1138 gebauten Burg durch schwedische Truppen machten dem Bauwerk fast den Garaus. Letztlich haben Ruinenbegeisterung und Rheinromantik die Burg gerettet.

1864 gründete Johann Theodor Claren, der bei einem bayerischen Brauer sein Handwerk gelernt hatte, in Bornheim-Hersel die Germania-Brauerei, Rheinstraße 90-100. Das untergärige Herseler Bier setzte sich bald in der Region gegenüber dem kürzer haltbaren traditionellen obergärigen Bier durch. 1922 erfolgte der Zusammenschluss mit der Sieg-Rhein-Brauerei in Wissem. Anfang der 50er Jahre brachte es die Brauerei auf 3000 Flaschen stündlich. Gebraut wurden Pils, Märzen, Kraftmalzbier und der Germania-Doppelbock.

Noch in den 80er Jahren arbeiteten dort hundert Menschen. 1990 wurde das letzte Bier gebraut. Was tun? Das rund 9100 Quadratmeter große Gelände ist nicht den Ruinen-Weg leider zu vieler Ensembles der sogenannten Industriearchitektur gegangen, sondern wurde aufwendig zum Wohnraum umgebaut. Die Struktur und etwa die funktionale Anordnung der Fenster der Brauerei haben sich erhalten, die Raumnutzung ist natürlich kleinteiliger. Die Wohneinheiten sind mitunter individuell geschnitten, haben versetzte Ebenen und Emporen.

Ein Foto von 1892 zeigt eine imposante, nicht enden wollende Reihe rauchender Schlote am Rheinufer, wo sich heute Radler und Spaziergänger ein Päuschen am Bonner Bogen in der "Rohmühle" gönnen. Um diese Rohmühle, einst Herzstück des gewaltigen Bonner Portland-Zementwerks, stand es nach der Schließung der Anlage 1987 nicht gut. Und das, obwohl sie wie auch das Verwaltungsgebäude, die Direktorenvilla und der Wasserturm unter Denkmalschutz standen.

Der Bonner Architekt Karl-Heinz Schommer hat sich der Bauten angenommen, sie mit viel Sensibilität für die historische Struktur saniert und umgebaut. 2004 bis 2006 war die Rohmühle an der Reihe. Schommer kombinierte die vorgefundene Backsteinarchitektur mit einem angrenzenden Glastrakt und einer Glasetage als Bekrönung.

Im Erdgeschoss, in dem das Restaurant "Rohmühle" untergebracht ist, aber auch an vielen anderen Stellen, lassen sich liebevoll restaurierte Spuren der Vergangenheit ausmachen. In den oberen Geschossen, die Büros vorbehalten sind, kann man Proportionen und die Raum-Einteilung der alten Rohmühle erkennen.

Spannend sind natürlich auch Ruinen, die nicht im Reiseführer stehen, deren Erkundung der Hauch des Verbotenen umweht. Es kann auch gefährlich werden, daher gibt es hier nur vage Andeutungen und den Hinweis auf Ruinen-Foren im Internet wie rottenplaces.de mit fantastischen Aufnahmen aus dem gesamten Bundesgebiet. Einige dieser gespenstischen Locations sind gesperrt, aber aus der Entfernung sichtbar.

Ein spannender Fall ist das weitläufige Pleistalwerk in Birlinghoven, auch bekannt als Zeche Plato (gesperrt seit 2008). Ein stummer, leider dem Verfall geweihter Zeuge der Industriekultur aus der Region. Das gilt auch für die um 1900 gebaute Großwäscherei Mesenholl im Bad Honnefer Schmelztal, weites Feld für Graffiti-Sprayer.

Ein GA-Kollege nannte mir das frühere Gelände des WIWeB (Wehrwissenschaftliches Institut für Werks- und Betriebsstoffe) bei Swisttal-Heimerzheim, auf dem unter anderem die Antiterror-Einheit GSG 9 übt. In einschlägigen Foren wird über den Zustand spekuliert - und davon abgeraten, sich dem Gelände mit einem Fotoapparat zu nähern. Ruinen-Suche ist nicht nur ein Fall für Romantiker.