Streifzug an der Sieg

Bergheim und "der Balkan"

Siegregion. Ein Streifzug von der Siegfähre zur Siegmündung: Von besorgten Radlern, planschenden Pferden und einer umkämpften Insel. Willkommen auf dem Balkan. Er beginnt gleich hinter der Nordbrücke, auf Beueler Seite. Zumindest sprichwörtlich. Orte wie Mondorf, Rheidt oder Niederkassel lagen einst im Bewusstsein der Städter weit, fast unerreichbar draußen. Wie der Balkan eben.

Die Sieg trennte diesen Teil der Region lange Zeit von Bonn. Abgesehen von der kleinen Siegfähre bei Bergheim gab es keine Direktverbindung. Das änderte sich erst in den 70er Jahren, als die Siegbrücke gebaut wurde. Darüber verläuft heute die L 269, Hauptverkehrsachse zwischen Niederkassel und Bonn.

Steht man unter der Hochstraße in der Siegaue, hört man das Röhren und Rumpeln der Autos. Links und rechts: das Dickicht eines Naturschutzgebiets. Ein Kontrast, den man auch aus anderen Abschnitten der Siegaue kennt, denn auch in Siegburg und Sankt Augustin kreuzen Autobahnen und Bundesstraßen. Doch nach einer Weile nimmt man den Verkehrslärm nicht mehr wahr.

Zu sehr fasziniert diese Landschaft links und rechts der Sieg mit ihren umwucherten Wegen, mit ihren Wiesen, die sich zwischen hohen Baumgruppen auftun. Man geht nicht einfach darüber hinweg, es sind vielmehr verwinkelte, versteckte Räume, die man sich erschließen muss. Aber Vorsicht: Manche Pfade sind zu meiden. Die Biologische Station Bonn/Rhein-Erft bittet auf Schildern darum, auf brütende Vögel und andere wild lebende Tiere Rücksicht zu nehmen.

An der Siegfähre knubbeln sich an diesem Augustnachmittag Spaziergänger und Radfahrer. Gabriel Gojic hat alle Hände voll zu tun. Er ist der neue Fährmann. Jahrzehntelang hat Matthias Mertens diesen Job gemacht. Er arbeitet noch halbtags und zieht sich zum Jahresende aus Altergründen zurück. Gabriel, der sich von allen mit Vornamen ansprechen lässt, übernimmt die Fähre dann komplett.

Er kennt den Betrieb, da er seit zwölf Jahre im Ausflugslokal "Zur Siegfähre" Kellner ist. Freundlich begrüßt er die Gäste. Und beantwortet genauso freundlich die immerselbe Frage nach dem Fahrpreis: "Kinder 30 Cent, Erwachsene 50 Cent!" Manche Fahrradfahrer auf der Beueler Seite wollen wissen, wann die Fähre zurückfahre. Da scheint Misstrauen mitzuschwingen. Als ob eine Rückkehr von "da drüben" zweifelhaft sei. Gabriel lächelt milde und beruhigt die Radler. Bis 20 Uhr pendelt er ständig. Dann legt er ab.

Die Fähre hängt an einem Seil, das über die Sieg gespannt ist. Der Fährmann stochert sachte mit einer langen Stange über den Grund. Das Wasser ist nicht tief, höchstens 60 Zentimeter. Drei Reiterinnen kreuzen die Sieg mit ihren Pferden, die die Abkühlung offensichtlich genießen und mit den Hufen planschen. Etwas weiter flussabwärts ist ein kleiner Badestrand. "Das Wasser ist besser als früher", berichtet Gabriel, der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. "Nicht so, dass man es trinken könnte. Aber es ist klar und sauber."

Die Wildnis setzt sich auf Bergheimer Seite fort. Mittendrin: Altarme der Sieg, die seltsame Namen wie Oberste Fahr, Diescholl und Gyssel tragen. Zum Rhein hin liegt das Kemper Werth, das im 30-jährigen Krieg strategische Bedeutung besaß. Die Holländer hatten sich 1622 auf der Insel (wegen ihrer Form "Pfaffenmütz'" genannt) verschanzt und lieferten sich Gefechte mit den Spaniern, die nach wüsten Attacken die Oberhand behielten. Nach einer Eindeichung ist das Werth heute eine Halbinsel.

An einem der Sieg-Altarme liegt das Fischereimuseum mit einem roten modernen Anbau, der aus dem üppigen Grün der Landschaft hervorsticht. Das Museum wurde von der Fischereibruderschaft zu Bergheim an der Sieg eingerichtet, die auf das Jahr 987 zurückgeht. Es gibt Einblicke in Anfänge und Blütezeit der Flussfischerei. Neuerdings gibt es hier einen Fischereilehrpfad. Auf acht Stelen, die als Teil des interkommunalen Projekts "Grünes C" aufgestellt worden sind, erfährt man beispielsweise Wissenswertes über Fischarten an Rhein und Sieg. Dem Museum ist ein kleines Lokal angegliedert, von dem man einen vorzüglichen Blick auf den Altarm Diescholl hat. Unten dümpelt die "Maria Theresia", ein historischer Aalschokker aus dem Jahre 1893.

Abendstimmung am Mondorfer Yachthafen. Mitglieder der Yachtclubs sitzen an Hausbooten beisammen, Grillgeruch liegt in der Luft. Spaziergänger und Jogger umrunden den Hafen, der in einem Altarm nahe der Mondorfer Rheinfähre liegt. Zur Siegmündung ist es nur ein Katzensprung. Nach der Trockenheit der letzten Wochen führt die Sieg wenig Wasser.

Träge dümpelt sie auf den letzten Metern dahin, bevor sie bei Rheinkilometer 659,2 in den Rhein fließt. Ob es hier irgendwo noch Spuren des 30-jährigen Krieges gibt, als sich Holländer und Spanier die Köpfe einschlugen? Nein, am Ufer fallen nur Spuren eines Grillgelages auf. Das aber vermutlich auch schon älteren Datums ist. Da steht ein Grill, den nur noch der Rost zusammenhält. Hier endet sie also, die Sieg. Bis zu diesem Punkt hat sie, im Rothaargebirge entspringend, 155,2 Kilometer zurückgelegt.

Der Balkan? Der liegt viel, viel weiter weg.