Wo der Hammer hängt

Die GA-Kinokritik zu "Atomic Blonde"

Sieht doch eigentlich ganz lieb aus: Charlize Theron (links, mit Sofia Boutella) in „Atomic Blonde“.

Sieht doch eigentlich ganz lieb aus: Charlize Theron (links, mit Sofia Boutella) in „Atomic Blonde“.

Charlize Theron kennt in „Atomic Blonde“ als Geheimagentin kein Pardon. Am Donnerstag kommt der Action-Thriller ins Kino.

Sie liegt in einer Badewanne voller Eiswürfel. Gesicht und Haare weiß wie die Wand. Der Körper übersät mit Platzwunden und Blutergüssen. Ihre Hand lässt ein paar Eiswürfel aus dem Badewasser in ein Glas gleiten und füllt es mit Wodka auf, den sie mit einem leichten, kaum hörbaren Raunen in sich hinein fließen lässt.

Ihr Name ist Lorraine Broughton. Doppelte Nennung des Nachnamens nicht nötig. Agentin Ihrer Majestät und eine eiskalte Kriegerin in einem Kalten Krieg, der im Berlin des Jahres 1989 scheinbar gerade zu Ende geht. Wenige Wochen vor dem Mauerfall wird Lorraine vom MI6 dorthin geschickt, um einen Doppelagenten zu enttarnen. Während sich im Osten der Stadt Demonstrationen formieren, kämpft sich die Agentin durch den weit verzweigten Spionageuntergrund auf beiden Seiten der Mauer.

Dabei werden die Verwicklungen zwischen KGB, MI6, BND und CIA mit Fortschreiten der Filmhandlung immer unübersichtlicher, aber darauf kommt es in David Leitchs Agenten-Action-Film „Atomic Blonde“ nicht an. Schließlich diente hier nicht ein sorgfältig recherchierter Roman von John le Carré als Vorlage, sondern der Comic „The Coldest City“ von Antony Johnston und Sam Hart, dem historische Fakten weniger wichtig sind als die Coolness seiner beinharten Heldin.

Vom Stuntman zum Regisseur hochgearbeitet

Charlize Theron spielt diese Lorraine mit platinblondem Pony-Bob, knallroten Stilettos, wechselnder Designer-Trikotage und mörderischer Kompromisslosigkeit. Theron hat sich in den letzten Jahren ihren Status als Fantasy- und Actionstar eindrucksvoll erarbeitet: als oberfiese Stiefmutter Ravenna in „Snow White And The Huntsman“, einarmige Furiosa in „Mad Max: Fury Road“ und zuletzt als Schurkin in „Fast & Furious 8“. In „Atomic Blonde“ präsentiert sie ihre stilisierte Heldin als eiskalte Kämpferin, die kraftvoll austeilen und vor allem auch einstecken kann. Therons physische Präsenz ist das Herz des Films, der seine Protagonistin zügig von einer Actionszene in die nächste treibt. Leitch hat sich in Hollywood vom Stuntman zum Regisseur hochgearbeitet und seine Kampfchoreografien haben nichts mit den durchdigitalisierten Schnittgewittern moderner Blockbuster zu tun. Wenn die Keilerei beginnt, tritt die Kamera erst einmal zurück, um die Arena zu zeigen, und wird dann selbst mit hoher Mobilität Teil des Kampfgeschehens.

Solche Szenen, die an das Hongkong-Kino der 1990er Jahre erinnern, sind mit ihrer rohen Körperlichkeit sicherlich nichts für Zartbesaitete, aber handwerklich furios orchestriert. Die Wunden, die Lorraine im Kampf davonträgt, lassen Bruce Willis mit den paar Schrammen in „Stirb langsam“ wie einen Simulanten erscheinen. Unter den weiblichen Action-Ikonen, die in diesem Geschäftsjahr von Scarlett Johanssons „Ghost In The Shell“ bis zu Gal Gadots „Wonder Woman“ die Leinwand erobern, ist Therons MI6-Agentin sicherlich die kompromissloseste Figur, die keine idealistischen Ziele verfolgt, sondern einfach ihren Job macht und den Männern zeigt, wo der Hammer hängt. Zu ihrer ruppigen Coolness passt der schmuddelige B-Movie-Look des Films, der das Berlin der Wendezeit als farbentsättigte Kulisse inszeniert, um seine Heldin in gelbem, blauem oder pinkfarbenem Scheinwerferlicht zum Leuchten zu bringen. Unterlegt wird das durchgehend stilisierte und historisch unkorrekte Geschehen von einem lässigen 80er-Soundtrack, in dem von David Bowies „Cat People (Putting Out the Fire)“ bis zu Nenas „99 Luftballons“ zeitgenössisches Liedgut effizient zum Einsatz gebracht wird.