Filmkritik

"Die Flügel der Menschen": Don Quichotte in Kirgisien

Glück auf dem Rücken des Pferdes: Zentaur (Aktan Arym Kubat).

Glück auf dem Rücken des Pferdes: Zentaur (Aktan Arym Kubat).

Bonn. „Die Flügel der Menschen“ erzählt von der Sehnsucht nach Herkunft, Freiheit und Verbundenheit. Regisseur Aktan Arym Kubat beschwört die Traditionen seines Landes.

„Die Pferde sind die Flügel der Menschen“ lautet ein altes Sprichwort in Kirgisien, wo die Bewohner über Jahrhunderte als Nomaden gelebt haben. In dem kleinen Dorf auf der kargen Hochebene scheint sich kaum noch jemand an die Traditionen seines Volkes zu erinnern. Nur Zentaur (Aktan Arym Kubat) erzählt seinem Sohn noch die alten, mythischen Geschichten und fühlt sich den Pferden so eng verbunden wie seine Vorfahren.

Nachts schleicht er sich heimlich in die Reitställe der reichen Oligarchen, die sich teure Rennpferde als Statussymbole halten, und stiehlt sich mit einem der Tiere hinaus in die Dunkelheit. Im freihändigen Galopp rasen Ross und Reiter durch die Weiten der Steppe – ein kurzer Moment der Freiheit, die dem 60-Jährigen im Alltag abhandengekommen ist.

Früher war er der Filmvorführer im Dorf. Die Menschen haben vor seinem Kino angestanden, obwohl er erst kurz vor der Vorführung bekannt gab, was gespielt werden würde. Bis ins ferne Bollywood reichte die cineastische Seelenkost, die die Menschen über das eigene Dasein hinaus träumen ließ. Heute ist das Kino eine Moschee, in der sich die islamischen Missionare niedergelassen haben, um die Bewohner auf die frommen Pfade des Koran zu bringen. Aber nicht nur durch die von außen hereingetragene Religion, sondern auch durch die Egoismen kapitalistischer Geldwirtschaft entfernen sich die Menschen immer weiter von ihrer gemeinsamen Herkunft. „Früher waren wir zusammen stark wie eine Faust“, beschwört Zentaur seinen Bruder, der zu den reichsten Männern im Ort zählt. Aber Zentaur wird von den Bewohnern nur belächelt.

Als jedoch herauskommt, dass er der gesuchte Pferdedieb ist, hat es mit der Narrenfreiheit ein Ende. Als Kirgisischen lässt Regisseur Aktan Arym Kubat („Der Dieb des Lichts“) seinen Helden durch die dörfliche Moderne wandeln und beschwört nicht nur die mythischen, sondern vor allem die zwischenmenschlichen Traditionen seines Landes.

Dabei werden in der ländlichen Region, wo jeder jeden kennt, die Konflikte nicht überzeichnend zugespitzt. Religiöse Indoktrination und materialistisches Denken werden nur angedeutet, ohne die jeweiligen Figuren zu stereotypieren.

Der Film „Die Flügel der Menschen“ stellt weniger Tradition und Moderne gegeneinander, vielmehr erzählt er von einer tiefen Sehnsucht, die in der gesellschaftlichen Gegenwart keine Entfaltungsräume mehr findet. (Brotfabrik)