Filmkritik: "Born To Be Blue"

Der große Musiker und das Heroin

James Dean des Jazz: Ethan Hawke spielt den Musiker Chet Baker ganz ohne Pathos.

James Dean des Jazz: Ethan Hawke spielt den Musiker Chet Baker ganz ohne Pathos.

Bonn. Ein Genie am Nullpunkt: In „Born To Be Blue“ verkörpert Ethan Hawke die Jazz-Legende Chet Baker. Das funktioniert richtig gut.

Man nannte ihn den James Dean des Jazz. Der begnadete Trompeter Chet Baker verband genau wie sein Schauspielerkollege gutes Aussehen, künstlerisches Genie und eine entschieden melancholische Aura miteinander. Seine Fragilität war mehr als ein Markenzeichen. Sie gehörte zur Persönlichkeit des Musikers, der bis zu seinem Tod 1988 vom Heroin nicht weggekommen ist.

Aus Bakers Leben hätte man eine klassische Kinobiografie drehen können über ein Genie, dem die eigene Drogensucht zum Verhängnis wurde. Aber Robert Budreaus „Born To Be Blue“ ist an der geschlossenen, moralischen Dramaturgie nicht interessiert. Vielmehr pickt er sich einen kleinen Ausschnitt aus Bakers Leben heraus, um mit dem Material frei zu improvisieren und eine Geschichte zu erzählen, die sich nicht zwangsläufig an die biografischen Fakten hält.

Nicht mit dem Aufstieg, sondern mit dem tiefen Fall beginnt die Erzählung. Ein paar Dealer schlagen ihm alle Vorderzähne aus, und die Ärzte sind sich sicher, dass Baker (Ethan Hawke) nie wieder Trompete spielen kann. Zudem macht ihm der Bewährungshelfer unmissverständlich klar, dass er wieder im Knast landen wird, sollte er es nicht schaffen mit Hilfe des Methadon-Programms clean zu werden. Es ist die Zeit des erzwungenen Ausstiegs, aus der heraus „Born To Be Blue“ von der Jazz-Legende erzählt. Das gibt dem Film nach einem dramatischen Anfang eine erfrischende Entspanntheit und den Raum für einen freieren Umgang mit der Künstlerpersönlichkeit. Dazu gehört vor allem Jane (Carmen Ejogo), eine fiktive Frauenfigur, die Baker zur Seite gestellt wird. Die beiden rutschen in eine Beziehung hinein, die wenig Zukunft zu haben scheint, während Chet mit einem künstlichen Gebiss das Trompetenspiel von Grund auf neu erlernen muss.

Als er es endlich zu einem Comeback-Auftritt ins legendäre New Yorker „Birdland“ schafft, bringt ihn der Erfolgsdruck wieder in gefährliche Nähe zum Heroin. Ganz ohne Pathos spielt Ethan Hawke den Musiker, der noch einmal bei null anfangen muss. Dabei verbindet er die Zerbrechlichkeit und Selbstbezogenheit der Figur mit einer unbeschwerten Sexyness und lässt Bakers fragile Persönlichkeit mit dessen zarten Jazz-Improvisationen verschmelzen. Vollkommen organisch fügt sich hier auch die Liebesbeziehung zu Jane ein, die dem kriselnden Musikgenie auf Augenhöhe begegnet. Carmen Ejogo verleiht der Figur Wärme und große emotionale Klarheit fernab aller Musenklischees, bis hin zu einer herzzerreißenden Schlusssequenz, die wohl zu den schönsten Unhappy-Endings der Filmgeschichte gehört.