Thriller-Drama mit Frauenpower

Steve McQueen mit „Widows – Tödliche Witwen“ im Kino

Entschlossen: Viola Davis (links) als Veronica und Cynthia Erivo als Belle in "Widows - Tödliche Witwen".

Entschlossen: Viola Davis (links) als Veronica und Cynthia Erivo als Belle in "Widows - Tödliche Witwen".

Bonn. Viola Davis und ihre Schauspielkolleginnen brillieren in einem elegant inszenierten, actionreichen Film, in dem sie einen Bankraub planen.

Vier Jahre ließ sich der britische Regisseur Steve McQueen nach dem Oscar für das Sklavendrama „12 Years a Slave“ Zeit, um sein nächstes Projekt zu entwickeln. Im Gewand eines Heist Movies erzählen er und seine Co-Drehbuchautorin Gillian Flynn („Gone Baby“) nun in „Widows“ von vier Frauen, diein einen Coup hinein gezwungen werden, nachdem ihre Ehegatten im kriminellen Einsatz umgekommen sind.

Schon die ersten Filmminuten sind ein klares Bekenntnis: Victoria (Viola Davis) und ihr Mann Harry (Liam Neeson) liegen im Bett und küssen sich leidenschaftlich. Die Großaufnahmen der beiden Liebenden entwickeln eine sofortige Sogwirkung, denn dass eine schwarze Frau und ein weißer Mann sich ohne narrative Vorbereitungsarbeit derart nahe sind – das ist im amerikanischen Kino immer noch ein Tabu. Die Szene wird mit einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd gegengeschnitten. Über Jahrzehnte hat Harry (Liam Neeson) höchst erfolgreich Überfälle organisiert und durchgeführt. Aber nun sind er und seine Komplizen in einen Polizeihinterhalt geraten, den keiner von ihnen überleben wird.

Für die tief empfundene Trauer bleibt Victoria jedoch wenig Zeit. Der zum Politiker aufgestiegene Ganove Jamal Manning (Brian Tyree Henry) steht vor der Tür und fordert die Wahlkampf-Millionen zurück, die Harry von ihm gestohlen hat. Victoria ruft die beiden anderen Witwen zusammen, die sich nach dem Tod ihrer Männer ebenfalls in finanziellen Nöten befinden. Linda (Michelle Rodriguez) hat ihr Bekleidungsgeschäft an die Kredithaie ihres Mannes verloren. Alice (Elisabeth Debicki) hat sich auf Drängen ihrer Mutter widerwillig auf ein prostitutives Verhältnis mit einem Geschäftsmann eingelassen. Victoria will mit den beiden einen von Harry geplanten Coup durchführen. Ziel ist der Tresor des Lokalpolitikers Jack Mulligan (Colin Farrell).

Radikaler Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse

Zunächst erscheint „Widows“ wie der Film, der „Oceans 8“ hätte sein sollen. Aber zwischen den Genrekonventionen verbirgt sich ein radikaler Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die von männlichem Zynismus geprägt sind. Gewalttätige Ehemänner, korrupte Politiker, eiskalte Killer, bigotte Prediger – weit und breit gibt es nicht eine männliche Figur, die irgendeine Art von moralischem Kompass in sich trägt. Die Witwen arbeiten sich gemeinsam aus ihrer Opferrolle heraus und untergraben das selbstverliebte, patriarchale Establishment mit krimineller Effizienz.

Dabei kommt der Film ohne gefällige Frauenpower-Klischees aus. Stattdessen setzt McQueen auf die vielschichtige Zeichnung seiner weiblichen Heldinnen, die fest in der sozialen Realität verankert sind.

Die wunderbare Viola Davis arbeitet den Verlustschmerz und die tiefe Enttäuschung ihrer Figur mit der gleichen Intensität heraus wie deren pragmatischen Kampfgeist. Aber auch Elisabeth Debicki, Michelle Rodriguez und Cynthia Erivo agieren allesamt durchweg überzeugend. Der längst überfällige Oscar für die beste Ensembleleistung wäre diesen vier Frauen gewiss.

„Widows“ hat gute Chancen als erstes Werk der MeToo-Ära in die Geschichte einzugehen – und er macht Lust auf mehr Filme, die den feministischen Perspektivwechsel und einen kompromisslosen Blick in die Welt wagen.