Kammerspiel

"Idioten der Familie" zwischen Egoismus und Nostalgie

Frederick (Kai Scheve, l-r), Tommy (Hanno Koffler), Ginnie (Lilith Stangenberg), Heli (Jördis Triebel) und Bruno (Florian Stetter) verbringen ein letztes Wochenende im Haus ihrer verstorbenen Eltern.

Frederick (Kai Scheve, l-r), Tommy (Hanno Koffler), Ginnie (Lilith Stangenberg), Heli (Jördis Triebel) und Bruno (Florian Stetter) verbringen ein letztes Wochenende im Haus ihrer verstorbenen Eltern.

09.09.2019 München. Geschwisterliebe - ein schönes Wort. Doch das gemeinsame Aufwachsen ist kein Garant dafür, dass man sich später auch innig liebt und füreinander einsteht. Am Ende ist sich jeder selbst der Nächste, wie das Kammerspiel "Idioten der Familie" zeigt.

Jahrelang hat sich Heli um ihre geistig behinderte Schwester Ginnie gekümmert. Eine anstrengende Aufgabe, die sie gerne übernommen hat, die aber auch an den Kräften gezehrt hat.

Mit 40 will die Künstlerin nun ihr Leben neu ordnen. Doch das geht nur, wenn Ginnie in ein Heim kommt. Zum Abschied verbringen die Schwestern mit ihren drei Brüdern ein letztes Wochenende im Haus ihrer verstorbenen Eltern - Tage, die von nostalgischen Gedanken an die gemeinsame Kindheit erfüllt sind, in denen aber auch Spannungen zutage treten. Denn jedes der fünf Geschwister hat seine eigene Vorstellung von einem glücklichen, erfüllten Leben, wie das mit einem tollen Ensemble besetzte Kammerspiel "Idioten der Familie" eindrücklich zeigt.

Ginnie ist eine schmale, hübsche Frau, die immer wieder in ihrer eigenen Welt zu versinken scheint, seltsam entrückt und hervorragend und einfühlsam gespielt von Lilith Stangenberg ("Wild"). Dennoch weiß die 26-Jährige genau, was sie will und was nicht. Womit sie wenig anfangen kann, sind die unbeholfenen und mitunter plumpen Versuche ihrer Brüder, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Ginnie lässt sich nicht einfach so um den Finger wickeln. Statt sich auf die teilweise eigenartigen Annäherungsversuche einzulassen, ruft sie nach Heli oder ist schlicht überfordert, denn mit der plötzlichen Fürsorge und Zuneigung kann sie nicht viel anfangen.

Regisseur Michael Klier inszeniert mit scharfem Blick für zwischenmenschliche Spannungen. Statt auf große Gesten setzt er auf leise Töne. Verwandtschaftliche Bande bedeuten hier nicht unbedingt, dass man sich gut versteht. Frederick (Kai Scheve) ist als Musiker in die Fußstapfen des Vaters getreten, leistet sich schnelle Autos und Affären. Tommy (Hanno Koffler) dagegen liebt Jazz statt Klassik, ein Lebenskünstler, der sich sein Geld als Straßenmusiker verdient. Bruno (Florian Stetter) will der Ausgleichende sein und ist fest überzeugt, Recht und Moral auf seiner Seite zu haben. Und Heli (Jördis Triebel) pflegt zu allen eine Distanz, vielleicht auch aus Frust. Denn während die Jungs immer noch an ihrer Selbstverwirklichung arbeiten, hat sie jahrelang auf vieles verzichtet und ihren Brüdern so das gute Gefühl verschafft, Ginnie sei ja bestens versorgt.

Er habe den destruktiven Egoismus und die lähmende Bequemlichkeit moderner westlicher Menschen zeigen wollen, "das "Idiotische" im Normalen und das Normale im "Idiotischen", erklärt Regisseur Klier. "Im Kern geht es bei der Geschichte um die Frage nach Solidarität mit den Schwachen in einer überindividualisierten Gesellschaft."

Wer sind also die Idioten, die der Filmtitel beschreibt? Heli, weil sie sich einfach so für die Familie aufgeopfert hat? Oder nicht doch eher die Brüder? In ihrem Elternhaus werden sie kurz mal wehmütig, letztlich sind sie aber froh, wenn sie die Erfahrungen des Wochenendes hinter sich lassen können - mit all seinen moralischen Fragen und komplizierten Befindlichkeiten.

- Idioten der Familie, Deutschland 2018, 102 Min., FSK ab 12, von Michael Klier, mit Lilith Stangenberg, Jördis Triebel und Hanno Koffler. (dpa)