Filmkritik "The Happy Prince"

Eine Filmhommage an Oscar Wilde

Bonn. Rupert Everett verwirklicht mit "The Happy Prince" einen Lebenstraum. Everett verkörpert Oscar Wilde, der sich schon früh als Hauptfigur einer Tragödie empfand.

Die letzten Lebensjahre empfand er als Last. „Er war sehr unglücklich und wäre mit der Zeit noch unglücklicher geworden“, erinnerte sich sein Freund Robert Ross. Doch das Schicksal hatte ein Einsehen und erlöste den irischen Dichter Oscar Wilde. „Ich sterbe, wie ich gelebt habe: über meine Verhältnisse“, scherzte Wilde, bevor er am 30. November 1900 im Pariser Hôtel d'Alsace einen tiefen Seufzer ausstieß und „genau um zehn Minuten vor zwei Uhr“ (Ross) seinen Geist aufgab. Er wurde 46 Jahre alt.

In Rupert Everetts Film „The Happy Prince“ zieht der Tod auch für einen Feingeist und Dandy wie Wilde nicht die Glacéhandschuhe an; das Ende ist brutal. Für den Drehbuchautor, Regiedebütanten und Hauptdarsteller Everett hat sich ein Lebenstraum erfüllt. Jahrelang ist er mit seinem Skript, das die letzten drei, im Exil verbrachten Jahre Wildes spiegelt, hausieren gegangen, um die Finanzierung des Films sicherzustellen. Den Ausschlag gab erst die Verpflichtung von Colin Firth, der den kleinen Part des Wilde-Freundes Reggie Turner übernahm. Ein Freundschaftsdienst.

Wilde lebte in Italien und Frankreich, nachdem er eine zweijährige Gefängnisstrafe (inklusive Zwangsarbeit) wegen „Unzucht mit Männern“ hinter sich gebracht hatte. 1999 spielte Everett in Oliver Parkers Verfilmung von Wildes Komödie „Ein perfekter Ehemann“ die Figur des Lord Goring. Der ließ seine Bonmots und Aperçus fallen wie Kleingeld, das aufzuheben er sich viel zu schade wäre. Und er sah blendend aus. 2002 folgte Parkers „Ernst sein ist alles“ mit Everett als lebenslustiger Algernon Moncrieff. 16 Jahre später, mit 58, fühlte sich der Schauspieler bereit – künstlich aufgepolstert und mit fettigen Haarteilen –, den Dichter und Dramatiker als hinfällige, bittere, bissige, manchmal böse Figur zu verkörpern. Er sah einen zahnlosen Landstreicher vor sich, der nach Urin, Schweiß und Zigaretten roch. Das ist sein Oscar Wilde. Nur in Rückblenden, als Vater, der den beiden Söhnen sein Märchen vom glücklichen Prinzen („The Happy Prince“) erzählt, erscheint Everetts Wilde jung und attraktiv. Italienische Make-up-Künstler hatten daran großen Anteil, verriet der Darsteller. Die rhetorische Glut vergangener Tage lodert immer dann, wenn Wilde in Kontakt mit jungen, schönen Männern kommt – seien es Italiener oder Franzosen, Schriftsteller oder Stricher.

Das Drehbuch, das die letzten Jahre mit Rückblenden und apokalyptischen Halluzinationen verwebt, konfrontiert den Schöpfer des Romans „Das Bildnis des Dorian Gray“ mit der verhängnisvollen Liebe seines Lebens, Lord Alfred Douglas, genannt Bosie (Colin Morgan). Die Versöhnung mit seiner Frau Constance (Emily Watson) scheitert. Alte Freunde tauchen auf – und neue Feinde. Wilde wird von jungen Engländern in Frankreich verspottet und verfolgt: Hooligans aus gutem Hause. Everett vertraut in seiner ersten Regiearbeit auf konventionelle Muster und auf Schauspielkunst. Dem Ensemble gehören Edwin Thomas, Béatrice Dalle und Tom Wilkinson an.

Das Herz des Films ist natürlich der Hauptdarsteller. Everett verkörpert einen Mann, der sich schon früh als Hauptfigur einer Tragödie empfand. Untergangsstimmungen waren ihm vertraut, sein Leben sah er böse enden. Er sollte recht behalten. Nach dem Gefängnis schrieb Wilde nur noch „The Ballad of Reading Gaol“, dann starb er, in England geächtet und von fast allen Freunden verlassen.

Alfred Douglas spielte eine Hauptrolle in diesem Drama. Der leichtsinnige, grausame und krankhaft rachsüchtige Bosie erscheint in dem Film wie eine Droge, von der Wilde nicht lassen kann. Colin Morgan gestaltet das fabelhaft aus. Die Tragödie endet in einem Pariser Hotelzimmer – ohne ästhetisches Raffinement. „Tragödien, die sich im wirklichen Leben ereignen“, wusste Oscar Wilde, „haben häufig etwas ganz und gar Unkünstlerisches, sie verletzen uns durch ihre blanke Willkür, ihre grobe Inkonsequenz, ihre absurde Sinnlosigkeit und ihren vollständigen Mangel an Stil. Wir empfinden sie einfach als Barbarei.“