Clint Eastwood als Drogenkurier

Das erwartet die Kinobesucher bei "The Mule"

Nonkonformismus: Clint Eastwood als Earl Stone in einer Szene des Films „The Mule“. FOTO: WARNER BROS.

Nonkonformismus: Clint Eastwood als Earl Stone in einer Szene des Films „The Mule“. FOTO: WARNER BROS.

Clint Eastwood zeichnet in seinem Film „The Mule“ für Produktion, Regie und Hauptrolle verantwortlich. Der 88-Jährige hat es noch drauf.

Warum macht er das? Warum tut sich ein Weltstar, der die Kinos mit Erfolgsfilmen geflutet und alle relevanten Trophäen der Branche abgeräumt hat, diese Tortur noch an: Produktion, Regie und Hauptrolle eines abendfüllenden Spielfilms – mit achtundachtzigdreiviertel Jahren. Richtig, am 31. Mai 2019 wird dieser Clint Eastwood 89 Jahre alt. Und ja, man sieht ihm in seinem neuen Film „The Mule“ genau dieses Alter auch an. Jede Falte ist echt, keine wird vertuscht oder weggepudert. Der Produzent hat das angeordnet, der Regisseur hält sich daran, und der Hauptdarsteller findet diesen Akt von Authentizität schlüssig.

Wie gut, dass die wichtigsten drei Funktionen des bemerkenswerten Films in einer Hand liegen. „The Mule“ basiert auf einer wahren Geschichte. Der amerikanische Pflanzenzüchter und Kriegsveteran Leo Sharp (1924-2016) gerät Ende der 90er Jahre mit seiner Großgärtnerei in finanzielle Turbulenzen, er kompensiert die Defizite durch Kurierdienste für ein führendes mexikanisches Drogenkartell. 2011 wird Sharp mit gut 100 Kilo Kokain erwischt, 2014 verurteilt man ihn – am Tag seines 90. Geburtstages – zu einer dreijährigen Haftstrafe.

Ohne Jahresringe funktioniert diese Geschichte also nicht. Eastwood, der Schauspieler, zeigt, was er diesbezüglich zu bieten hat. Doch echtes Alter ist nicht alles: Eastwood hat sich für seine Figur eine konsequente Körperhaltung angeeignet, ein moderates, aber noch dynamisches Schritttempo und eine Mimik, die bei all den vielen Enttäuschungen des Lebens noch Spurenelement von Zuversicht aufweist. Earl Stone heißt der zweifelhafte Held im Film.

 

Auf Haus und Gärtnerei klebt der Kuckuck, das Familienleben gleich einer Großbaustelle. Ehefrau, Tochter, Enkelin: Earl hat sie alle enttäuscht, oder besser: der Firma geopfert. Er erkennt seinen Fehler, doch die Sache scheint gelaufen. Was ihm einzig bleibt, steht auf dem Parkplatz: ein röchelnder Pick-up mit ein bisschen Hausrat auf der Ladefläche. Earl weiß nicht wohin, ein Freund seiner Enkelin steckt ihm einen Kontakt zu. Bekannte suchen einen zuverlässigen Fahrer.

Earl trifft in einer dunklen Garage dunkle Gestalten. Er soll eine Tasche von A nach B bringen. Und so zuckelt Earl mit seiner Rostlaube von Chicago durch Illinois und erhält dafür eine nette Summe, mit der er seiner Enkelin unter die Arme greift. Was den Familienfrieden erst mal nicht rettet.

Earl findet Gefallen an den Touren und den Dollars, wobei der Regisseur Eastwood dem Kinobesucher nicht verheimlicht, dass es hier um Koks und nichts als Koks geht. Der Schauspieler Eastwood wiederum gibt den völlig ahnungslosen Earl, der stoisch seinen Weg geht wie einst der wortkarge Polizist Dirty Harry. Doch ein Funken Nonkonformismus glüht noch in diesem Kerl: Clint „Earl“ Eastwood liegt im Dauerclinch mit Smartphone-Junkies und erlaubt sich politisch inkorrekte Anmerkungen zu Mexikanern, Afroamerikanern und Lesben, auch wenn sie gar keine sind. Fragt sich nur, wer da aus wem spricht.

Der Republikaner-Sympathisant Eastwood hat bereits in seinem Meisterwerk „Gran Torino“ (2008) mit solchen Motiven gespielt und nicht wenige seiner Kritiker verunsichert. In „The Mule“ nimmt er es in Kauf, dass die jüngere Generation im Film selbst und vielleicht auch die im Kinosaal den Kopf über den alten Kauz schüttelt. Earl gerät ins Fadenkreuz von Drogenhändlern und Drogenfahndern. Da kommt Spannung auf.

Und wieder schlägt der alte Mann einen Haken: Er hat Schnee im Wert von drei Millionen Dollar im Kofferraum und lässt sogar die Kinobesucher im Glauben, er wisse von nichts.

Warum macht er das? Vielleicht ist er mit seinen Gedanken nur woanders, möglicherweise bei seiner Familie. Die Kamera fährt mit, von rechts nach links, von West nach Ost. Immer auf Augenhöhe. Wichtig zu wissen: Der Kameramann heißt nicht Clint Eastwood, sondern Yves Bélanger.

In den Kölner Kinos Cineplex und Cinedom