Brasilien - Das Land der unbeschränkten Wartezeiten

Salvador da Bahia.  Hallo, mein Name ist Bernd Walterscheid. Ich bin 23 Jahre alt und komme aus Hennef-Bödingen, einer der schönsten Gegenden, die der Rhein-Sieg-Kreis zu bieten hat. Zurzeit studiere ich Maschinenbau mit der Fachrichtung Mechatronik an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Dieses Studium beinhaltet ein Praxissemester, welches ich in Brasilien absolviere.
Bernd Walterscheid in Salvador da Bahia.
							Foto: privat
Bernd Walterscheid in Salvador da Bahia. Foto: privat

Mehr aus Spaß und ohne großes Nachdenken hatte ich mich im November des letzten Jahres auf dem Unternehmenstag meiner Hochschule in eine Liste für Auslandspraktika eingetragen. Doch aus diesem Spaß wurde schon bald Ernst.

Ende Februar erhielt ich eine Zusage für eine Stelle in Brasilien, bei der ich mein Praxissemester absolvieren könnte. Nach einem heftigen Papierkrieg mit der deutschen und brasilianischen Bürokratie und der Botschaft stand dann endlich für Ende September der Abflugtermin fest.

So fing quasi alles an. Und nun bin ich schon fast drei Monate in einem der größten und vielseitigsten Länder dieser Erde. Zu Beginn meines Aufenthaltes erlebte ich einen Kulturschock, der sich wirklich gewaschen hat und mit dem ich in dieser Form auch niemals gerechnet hätte.

Abschied von allen deutschen Tugenden

Die Umstellung von den deutschen bzw. europäischen Standards zu den hier üblichen Verhältnissen war wirklich heftig, und ich habe zu Beginn mehr als einmal an eine Rückreise nach Deutschland gedacht. Doch wie man weiß gewöhnt der Mensch sich an alles, und so dachte ich ein paar Tage und auch ein paar Caipirinhas später nicht mehr über eine Rückreise nach.

Man muss dazu sagen, dass ich in Salvador da Bahia lebe, welches sich auf einer Art Halbinsel im Nord-Osten Brasiliens befindet. Die Gegend hier ist im Gegensatz zu den großen Städten im Süden, historisch bedingt, sehr afrikanisch geprägt und dies spiegelt sich im gesamten Alltag wieder. Hier scheinen die Uhren und somit das gesamte Leben etwas langsamer zu laufen.

Ich musste mich jedoch nicht nur von meiner „deutschen Pünktlichkeit“, sondern gleich von allen deutschen Tugenden verabschieden. So spielen hier Dinge wie Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und zum Teil auch die allgemeine Sicherheit nur eine untergeordnete Rolle. Die Leute hier sind einfach wesentlich entspannter als wir Deutschen.

Es interessiert niemanden, ob der Handwerker heut oder morgen kommt. Ob die Bank offen oder geschlossen hat. Warum es an der Supermarktkasse nicht weiter geht oder warum der Nachbar zum siebten Mal in dieser Woche eine Party vor seiner Haustür veranstaltet. Und zu meinem Erstaunen funktioniert der Alltag trotz alledem nahezu reibungslos. Die Leute sind es eben einfach nicht anders gewöhnt.

Abenteuerliches Land

Was meine Arbeitsstelle betrifft, so habe ich ziemliches Glück gehabt. Ich arbeite für eine kleine Institution namens GITec. Die gehört der hiesigen Universität an und befasst sich mit der Forschung und der Entwicklung von verschiedenen technischen Problemen und Projekten. Durch die Vielzahl der jungen Mitarbeiter und der Nähe zur Uni habe ich sehr schnell Anschluss und neue Bekanntschaften gefunden.

Die Brasilianer sind wirklich ein sehr gastfreundliches Volk, und so wurde mir schon sehr viel der Stadt und auch der näheren Umgebung Salvadors gezeigt. Es ist faszinierend zu sehen, welche Unterschiede in diesem Land herrschen. Zum einen die Menschen: Gerade noch ist man an noblen Wohngegenden und Luxushotels vorbei gefahren und schon befindet man sich in einer der von Armut geprägten Favelas. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist hier besonders groß und auch überall anzutreffen.

Zum anderen aber auch die Natur. Wenn man die Stadt verlässt, ist es beeindruckend zu sehen, wie sich die Küste mit ihrem Strand allmählich in urwaldähnliche Wälder und bei Weiterfahrt in eine Art afrikanische Steppe verwandelt. Es ist also wirklich ein  abenteuerliches und erlebnisreiches Land, und ich bin sehr froh, hier ein halbes Jahr verbringen zu dürfen.

Es ist zwar nicht immer ganz einfach, so weit weg von zuhause, aber die Erfahrungen und die Eindrücke, die ich hier bereits gesammelt habe und auch noch hoffentlich sammeln werde, sind diese Reise allemal wert. Ich kann Ihnen also nur empfehlen, sich das alles einmal selbst anzusehen und auch selbst zu erleben. Brasilien ist ganz bestimmt eine Reise wert.

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