Interview mit Jürgen Fohrmann

Der Rektor über das Platzproblem an der Uni Bonn

BONN.  Nicht nur aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs hat die Universität Bonn ein Platzproblem. Die Auslastung bezogen auf Lehrkräfte und Raumangebot liegt aktuell bei 97 Prozent. Jürgen Fohrmann, Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, erklärt im Interview, wie mit dieser Problematik umgegangen wird und werden soll.
Zuversichtlich: Unirektor Jürgen Fohrmann.
								Foto: Max Malsch
Zuversichtlich: Unirektor Jürgen Fohrmann. Foto: Max Malsch

Herr Professor Fohrmann, Sie sind zu diesem Wintersemester bereits zu 97 Prozent ausgelastet. Sieht so aus, als sollten die vielen Schüler, die 2013 Abitur machen, lieber ein Work-and-Travel-Ticket nach Australien buchen. Oder was raten Sie ihnen?
Jürgen Fohrmann: Ich rate ihnen, sich erst einmal gründlich zu überlegen, was sie in den nächsten Jahren tun und wie sie ihren weiteren Lebensweg gestalten möchten. Die Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer werben ja auch mit Recht für ihre Ausbildungsberufe. Und natürlich gibt es neben den Universitäten auch noch die Fachhochschulen.

Hört sich an, als wollten Sie den Abiturienten ein Studium an Ihrer Uni ausreden...
Fohrmann: Nein, das soll damit überhaupt nicht gesagt sein. Wir möchten allerdings, dass sich die jungen Leute nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten orientieren und die ganze Bandbreite des Angebots prüfen, weil alle Hochschulen voll sein werden. Es könnte ja zum Beispiel auch ein guter Weg sein, erst einen Lehrberuf zu erlernen und dann ein Studium zu beginnen. Das alles ist aber nicht als ein "Ausreden" gedacht: Wer bei uns studieren will und die Voraussetzungen mitbringt, ist herzlich willkommen.

Aber die sollten sich am besten einen Klappstuhl und ein Campingset einpacken?
Fohrmann: Nein, wer zu uns kommt, wird sicherlich keinen Klappstuhl brauchen.

Mal im Ernst, Herr Professor Fohrmann, Sie bauen zwar viel, aber Sie haben dennoch ein enormes Platzproblem: Brandschutzauflagen und PCB-Belastung beschränken die volle Nutzung der Raumkapazitäten. Wie wollen Sie da eine geregelte Lehre garantieren?
Fohrmann: Richtig, wir haben ein Platzproblem bei den Lehrräumen und bei den Wohnungen. Wir werden zusätzliche Lehrräume anmieten müssen, und wir versuchen bei den Lehrräumen zudem, intern zu optimieren, also etwa einen neuen Belegungsmodus bei den Hörsälen einzuführen.

Was heißt das?
Fohrmann: Naja, wir werden uns von alten Gewohnheitsrechten auf die Belegung bestimmter Hörsäle trennen müssen und eine Verteilung ausschließlich nach den erforderlichen Gruppenkapazitäten vornehmen. Außerdem werden wir weiterhin einen Rhythmus benötigen, der die volle Belegung der Unterrichtsräume zwischen 8 und 20 Uhr flächendeckend umsetzt.

Wird es auch Vorlesungen am Samstag geben?
Fohrmann: Das ist meines Wissens bisher nicht geplant.

Wie sieht es mit weiteren Anmietungen aus?
Fohrmann: Die werden wir benötigen. Wir haben zum Beispiel mit der Stadt Bonn wegen der Beethovenhalle für größere Gruppen verhandelt, und wir werden mit Kirchengemeinden über Gemeindesäle reden. Einen hoffentlich bedeutenden Prozentsatz an Raumkapazitäten werden wir so noch zusätzlich schaffen können. Außerdem verhandeln wir mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb über eine Lösung für unsere Aula.

Die dürfen Sie aus brandschutztechnischen Gründen nicht zeitgleich mit anderen Hörsälen belegen. Wie soll eine Lösung aussehen?
Fohrmann: Zum Beispiel durch Stellen von zusätzlichem Sicherheitspersonal. Oder zusätzliche Entfluchtungsmöglichkeiten. Daran arbeiten wir mit Hochdruck.

Und mehr Lehrpersonal brauchen Sie auch.
Fohrmann: Wir führen zurzeit eine Erhebung an allen Fakultäten durch, um genau zu erfahren, wo zusätzliches Personal eingesetzt werden muss. Mindestens 50 Prozent der Mittel aus dem Hochschulpakt müssen ja für Personal eingesetzt werden. Es wird auch Bereiche geben, wo wir keine zusätzlichen Plätze schaffen können. Laborkapazitäten sind ja nicht beliebig erweiterbar.

In welchen Fächern ist denn überhaupt noch Spiel drin?
Fohrmann: In einigen Naturwissenschaften gibt es noch Spiel, auch in einigen Geisteswissenschaften.

Zum Beispiel?
Fohrmann: Etwa in der Chemie, der Astronomie, der Physik, in den Theologien, der Klassischen Philologie. Schwierig wird es in experimentellen Fächern - wegen der Laborplätze.

Wo knirscht es besonders?
Fohrmann: In NC-Fächern wie Pharmazie, Psychologie und Medizin zum Beispiel.

Beim Landesprogramm für zusätzliche Medizinstudienplätze sind Sie nicht dabei. Warum nicht?
Fohrmann: Die Medizinische Fakultät hat sich 2011 nach sorgfältiger Abwägung gegen eine Erhöhung der Studierendenzahlen entschieden, weil diese nicht ohne spürbare Einbußen in der Lehrqualität möglich gewesen wäre.

Bleibt die Lehre bei einem solch rasanten Wachstum nicht zwangsläufig auf der Strecke ?
Fohrmann: Dieses Rektorat legt neben der Forschungsförderung sehr großen Wert auf die Unterstützung der Lehre. Wir bemühen uns nach allen Kräften, auch den Übergang zwischen Schule und Universität möglichst reibungslos zu gestalten und auch diejenigen aufzufangen, die aufgrund ihrer spezifischen schulischen Ausbildung noch nicht alle Fachvoraussetzungen mitbringen: Durch Online-Selbsttests ermöglichen wir Interessenten, ihre Fähigkeiten mit den Anforderungen der Fächer abzugleichen. Im Studium werden Tutoren und Mentoren eingesetzt, wir bieten Vorbereitungskurse an, gerade in den Naturwissenschaften. Wir bauen Qualitätssicherungsverfahren auf, die unter anderem das Ziel verfolgen, unnötige Studienabbrüche zu vermeiden.

Die Zahl der Studienabbrecher wird sich in den Naturwissenschaften dennoch weiter erhöhen, weil immer mehr, die eigentlich Medizin studieren wollen und keinen Studienplatz bekommen, erst mal in einem anderen Fach "parken".
Fohrmann: Das mag sein. Wir haben im Übrigen auch eine ganze Reihe von Personen, die sich nur wegen des Studitickets für Bus und Bahn einschreiben. Wir bräuchten eine rechtliche Handhabe, Leute, die nur zum Schein eingeschrieben sind, zu exmatrikulieren.

Viele Professoren klagen darüber, dass die Schulen den Studienanfängern nicht das nötige Rüstzeug für ein Studium mitgeben. Und jetzt kommen die jungen Leute mit dem Turbo-Abi...
Fohrmann: Ich halte nichts von der immer größeren Beschleunigung der Lebensläufe. Das kann nicht gut sein. Die jungen Menschen brauchen ihre Zeit des Erfahrungssammelns, und das ist vom Lebensalter abhängig. Wir haben ja jetzt zum ersten Mal in größerer Zahl Studierende, die sich nicht alleine einschreiben dürfen und die Eltern mitbringen müssen. Ich halte nichts von dieser absoluten Beschleunigung. Man tut gut daran, eine Vielgestaltigkeit individueller Lebenswege zu ermöglichen. Auch Wissenschaft braucht Zeit und wird nicht zum Erfolg führen, wenn man beides, Lebensweg und Wissenschaft, in eine immer weiter gesteigerte Beschleunigungsspirale hineingibt.

Doch nun ist sie da!
Fohrmann: Und wir müssen jetzt damit umgehen.

Zur Person
Jürgen Fohrmann, 59, verheiratet, seit 2009 Rektor der Uni Bonn, folgte Beda Alemann 1991 auf den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft, wurde ein Jahr später Direktor des Germanistischen Seminars. Rufe nach Müchen, Zürich oder Göttingen lehnte er bisher ab.

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