Armut in Bonn

Wohlhabende Stadt mit vielen Armen

BONN.  Ulrich Hamacher weiß als Diakonie-Geschäftsführer, dass in Bonn die Schere zwischen Reich und Arm besonders ausgeprägt ist. Vor allem gering Qualifizierte finden nur schwierig einen Job. Auch die hohen Mieten erschweren das Leben der Leute mit kleinem Geldbeutel.
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Ulrich Hamacher.
												Foto: Barbara Frommann

Ulrich Hamacher. Foto: Barbara Frommann

Sieht man sich die Untersuchung zur Kaufkraft von Infas Geodaten aus dem Jahr 2012 an, dann ist Bonn eine wohlhabende Stadt. Denn laut dieser Untersuchung liegt die Kaufkraft in den meisten Bonner Ortsteilen teilweise deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt, sieht man von einigen Ausreißern im Bonner Norden wie Neu-Tannenbusch, Dransdorf oder Auerberg ab.

Mit Blick auf den Armutsbericht der Paritätischen Wohlfahrtsverbände, der gestern vorgestellt wurde und der von einer neuen Rekordarmut in Deutschland spricht, sieht Diakonie-Geschäftsführer Ulrich Hamacher nur einen scheinbaren Widerspruch zu dieser Untersuchung.

Bundesweit ist die Armut laut den Wohlfahrtsverbänden auf einem neuen Rekordhoch. Wie ist die Situation in Bonn?
Ulrich Hamacher: Im bundesweiten Vergleich steht Bonn nicht besonders gut da. Untersuchungen wie die zur Bonner Kaufkraft bestätigen nur die These, dass in Bonn die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander geht als anderswo. Das sagt nichts über die Zahl der Armen aus.

Wie entwickeln sich die Betroffenenzahlen?
Hamacher: Da die Zahl von Armen auf Ortsebene so nicht erhoben wird, kann ich das nicht genau beurteilen. Der wirtschaftliche Aufschwung der letzten Zeit ist an den Armen weitgehend vorübergegangen.

Die Langzeitarbeitslosigkeit hat sich nicht wesentlich verändert, auch wenn die Arbeitslosenzahlen in Bonn rückläufig waren. 26.241 Personen waren Ende November in Bonn Teil sogenannter Bedarfsgemeinschaften, erhielten also Mittel nach SGB II, sprich Hartz IV.

Mitte des Jahres 2011 waren es 27.041 Personen. Gerade in Bonn hat sich ein großer und recht stabiler Sockel von Langzeitarbeitslosigkeit herausgebildet, weil es insbesondere an Arbeitsplätzen fehlt, die auch mit relativ geringer Qualifikation ausgefüllt werden können. Das hat einfach mit der Wirtschaftsstruktur in dieser Stadt zu tun.

Was sind die größten Armutsrisiken in Bonn?
Hamacher: Die größten Armutsrisiken in Bonn sind die gleichen wie anderswo auch. Die wichtigste Ursache ist Langzeitarbeitslosigkeit. Gefolgt von Beschäftigung in Arbeitsverhältnissen, von denen man nicht leben kann, so dass mit Hartz IV-Leistungen aufgestockt werden muss.

Eine weitere Ursache ist eine hohe Kinderzahl bei relativ geringem Einkommen. Besonders betroffen sind Alleinerziehende, insbesondere die Mütter.

Welche Rolle spielen die hohen Mieten? Was bewirken die steigenden Strompreise?
Hamacher: Das Jobcenter übernimmt Mietkosten nur sehr begrenzt. Tatsächlich stehen in Bonn kaum Wohnungen zur Verfügung, die für diese Miethöhe zu erhalten sind. Das heißt, viele Menschen bezahlen die Differenzbeträge aus dem Wenigen, das sie zum Lebensunterhalt bekommen, mit entsprechenden Folgen für die finanzielle Situation. Viele stehen unter massivem Druck, billigeren Wohnraum zu finden, den es aber nicht gibt. Solvente Mieter verdrängen immer mehr die nicht solventen Mieter. Es fehlen tausende bezahlbare Wohnungen, insbesondere für Familien oder Alleinerziehende mit Kindern und für Alleinlebende. Der Verkauf städtischer Wohnungen hat diese Situation verschärft. Die Strompreise steigen rasant, das müssen die Leute selbst tragen, die Hartz IV- Sätze wurden nicht angepasst.

Hat das Teilhabepaket für arme Kinder gegriffen?
Hamacher: Das Bildungs- und Teilhabepaket wurde finanziert aus Mitteln, die vorher der Bundesagentur für Arbeit beziehungsweise den Jobcentern für Eingliederung in den Arbeitsmarkt zur Verfügung standen.

Diese Kürzung hat dort erheblichen Schaden angerichtet, weil viele Beschäftigungs- und Qualifizierungsmaßnahmen und Träger dadurch geschlossen wurden. Das Paket ist ein bürokratisches Monster, die Wohlfahrtsverbände NRW haben seine Abschaffung gefordert.

Es nützt sehr punktuell. Das Geld sollte in die Stärkung der Strukturen investiert werden, wie es teilweise auch, gegen den ursprünglichen Plan, geschehen ist: Schulsozialarbeit, aber nicht befristet, sondern dauerhaft.

Statt Nachhilfe- sollte es besser ausreichend Förderunterricht in und durch entsprechend auszustattenden Schulen geben. Wenn schon ein Paket, dann mit stark vereinfachter Beantragung und Bewilligung.

Zur Person:
Ulrich Hamacher ist seit 1991 Geschäftsführer des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirchenkreise Bonn und Bad Godesberg-Voreifel, das als Mitglied des Bundesverbandes Diakonie Teil der evangelischen Kirche ist. Der gelernte Diplom-Sozialwissenschaftler ist außerdem Mitglied des Jugendhilfeausschusses der Stadt. Der 55-Jährige ist Vater zweier Kinder und verheiratet mit einer Pfarrerin.

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