Die Millionenfalle, Teil XVII | GA-Bonn

Die Millionenfalle, Teil XVII

World Conference Center Bonn: War der Investoren-Auswähler eine Marionette des Rechtsanwalts Ha-Sung Chung?
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 Foto: Barbara Frommann

Bonn. In New York spritzt an den Weihnachtstagen 2005 im Marriott-Hotel der Champagner. Im kleinen Kreis prosten sich drei gebürtige Südkoreaner zu. Sie feiern den Ratsbeschluss einer 6 076 Kilometer entfernten Stadt am Rhein: Bonn hat sich für die SMI Hyundai Corporation als Investor für das World Conference Center Bonn (WCCB) entschieden.

Beide Seiten wähnen sich am Ziel: Die Stadtoberen Bonns atmen auf, weil nun die Weichen unwiderruflich gestellt sind, und das Trio Man-Ki Kim, Young-Ho Hong und Ha-Sung Chung freut sich auf den mit Millionen Steuergeldern und öffentlich besicherten Krediten gefüllten Zug, der nun direkt auf sie zurollt.

Drei Monate später, im März 2006, folgt die Kür: Martin Krämer, Leiter des städtischen Liegenschaftsamtes, und Chung, Rechtsanwalt, unterschreiben bei einem Notar in Frankfurt am Main, den Chung persönlich kennt, den Projektvertrag. Er besiegelt die Partnerschaft und spiegelt den Auftakt zu einer verhängnisvollen Affäre.

Zwischenzeitlich hat die Erde sich mehr als 1 300 Mal um sich selbst gedreht, und zwischen den einstigen Wahlpartnern stehen ein unvollendetes WCCB-Bauwerk, drei GmbH-Insolvenzen, rätselhafte Baukosten-Steigerungen und völlig verunsicherte und schockierte Bonner Ratsherren.

Dazu eine unermüdlich ackernde Staatsanwaltschaft, die versucht, in einer Lastwagen-Ladung Akten rote Fäden und darüber letztlich ein Strickmuster der Beziehungen zu finden.

Gesprächsnotizen, Aktenvermerke, Verträge, alles Puzzlestücke und ein Spiegel grober Zusammenhänge. Doch die Staatsanwaltschaft kann und darf mehr, zum Beispiel Geldflüsse rekonstruieren. Da können neue Puzzlesteine auftauchen. Wer hat wen bestochen? Wer wusste was wann? Wer spielte welche Rolle, und gab es auf der anderen Seite möglicherweise getarnte Mitspieler?

Der Wirtschaftskrimi zwischen einer Kommune und dem einst in New York feiernden Trio hat am Dienstag mit der Verhaftung Ha-Sung Chungs einen neuen Höhepunkt erreicht.

Als Mitte September in einer bundesweit konzertierten Aktion Landeskriminalamt (LKA) und Staatsanwaltschaft mit 14 Durchsuchungsbeschlüssen Razzien in Berlin, Sitz der WCCB-Baufirma, und Bonn sowie einer kleinen Gemeinde in Hessen durchführten, stand einer der 8 855 Einwohner Sulzbachs im Taunus kaum im öffentlichen Fokus: Chung, der Mit-Architekt des Projektvertrages, Gründer der UN Congress Center Bonn GmbH (UNCC) und Meister der zuversichtlichen Projektbetrachtung.

Seit Dienstag ist das anders. Chung steht nach GA-Informationen unter dem Verdacht der Bestechung im geschäftlichen Verkehr in einem besonders schweren Fall.

Zuvor waren bereits Hong, geschäftsführender Gesellschafter der Baufirma SMI Hyundai Europe, und Michael Thielbeer, beim WCCB-Projekt auf vielen Seiten aktiv, verhaftet und verhört worden. Während Hong ein Teilgeständnis ablegte und ohne Pass und gegen Kaution auf freiem Fuß ist, schweigt Thielbeer weiter.

Und nach Kim, UNCC-Geschäftsführer und vermeintlicher Retter der Bonner Weltkongresszentrums-Pläne, wird weiter mit internationalem Haftbefehl gefahndet. Das strafrechtliche Karussell dreht sich weitgehend um Untreue, Betrug, Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr - alles Vergehen, die Bestandteile des gesellschaftlichen Krebsgeschwürs "Korruption" sind, das statistisch gelegentlich an den Schnittstellen von Industrie und öffentlicher Verwaltung wuchert und besonders häufig, so der neueste Lagebericht des Bundeskriminalamtes (BKA), in der Bauindustrie.

Der Verdacht gegen Chung: Er soll Thielbeer, wie es im Volksmund heißt, bestochen haben. Denn Rechtsanwalt Thielbeer genoss das Vertrauen Bonns, um beim Investoren-Auswahlverfahren mit Kompetenz und Unabhängigkeit die richtige Vorauswahl zum Wohle der Stadt zu treffen. Er saß somit an der alles entscheidenden Weiche und sollte die Spreu vom Weizen trennen, windige Spekulanten aussortieren und seriöse Partner ins Planungsboot lenken.

Dass er offenbar das Gegenteil tat und in seiner Schlussexpertise im November 2005 SMI Hyundai mit einer ausgetüftelten Argumentationskette zum ultimativen WCCB-Kandidaten kürt, war der Startschuss für ein tragisches Baudesaster und der Schubser für Bonn in eine Millionenfalle.

Und wenn der promovierte Chung dem promovierten Thielbeer Hirn und Hand führte, saß der eigentliche Weichensteller in Sulzbach im Taunus. Chung soll allein für die rechtliche Wahrnehmung der SMI-Interessen im Projektvertrag mehr als 1,5 Millionen Euro erhalten haben.

Chung hatte bereits als Student sein Talent bewiesen, als er 1990 die juristische Schulungs-Software "Terminus" komponierte. Sie ermöglichte es Jura-Studenten, komplexe juristische Sachverhalte in Entscheidungsbäume zu gliedern, um leichter die zu lösenden Einzelaufgaben zu erkennen.

Weiterhin verfolgt er mit der Janolaw AG - "Willkommen auf Deutschlands führendem Rechtsportal" - nach eigenen Angaben die Vision von der "Vereinfachung und Demokratisierung des Rechts". Preiswert und deshalb demokratischer. Kritiker sehen in einer Erstberatung für jede juristische Lebenslage und 49,90 Euro gleichwohl eine Art Aldisierung der Rechtsberatung.

Auf der Zeitschiene des Bonner WCCB-Projekts fällt auf, dass Chung bereits im Juli 2005 die UNCC GmbH mit Sitz in Sulzbach gründete, während in Bonn sich noch die WCCB-Kandidaten für die Investor-Entscheidung warm liefen.

Drei Monate zuvor hatte sich das vernetzte Dreigestirn Hong, Kim und Chung bereits in Frankfurt getroffen. Im März 2006, nur Tage nach den vollzogenen Unterschriften unter den Projektvertrag, reiste Chung als assoziiertes Mitglied der SMI-Hyundai-Delegation zur Immobilienmesse MIPIM in Cannes, wo auch die Stadtoberen Bonns unterwegs waren. Kim und Chung wussten, welche Worte hier ankommen.

Das WCCB sei das erste SMI-Großprojekt in Europa, "die Eintrittskarte in den europäischen Markt", sagte Chung. In Bonn würden dazu 200 bis 300 Experten eingestellt, und "in allen Phasen des Projekts können wir stets auf die 20 000 Mitarbeiter von Hyundai Engineering and Construction zurückgreifen; darunter sind hoch qualifizierte Experten für den Kongress-, Hotel- und Messebau".

Kim bediente in Cannes mit "I love Bonn" eher die herzlichen Bedürfnisse. Und: Vor dem Hintergrund, dass Hyundai mit rund 200 Millionen Euro Hauptsponsor der Fußball-WM 2006 in Deutschland sei, wolle man sich in Bonn besonders stark engagieren. Tatsächlich hat SMI Hyundai mit dem Weltkonzern Hyundai-Kia gesellschaftsrechtlich gar nichts zu tun - und Kim nicht einen Euro zum Investieren in der Hosentasche.

Dass zudem Thielbeer in Cannes plötzlich SMI-Visitenkarten verteilte und damit öffentlich seinen Seitenwechsel bekundete, verwandelt die MIPIM 2006 - im Nachhinein - endgültig in eine Bühne gehobener Schauspielkunst.

So nahm eine Geschichte, die im Niemandsland zwischen Euphorie, Betrug und Blenderei spielt, ihren tragischen Lauf. An ihrem vorläufigen Ende steht viel Unfassbares, vor allem aber stehen viele Millionen der öffentlichen Hand und keine von Kim, dazu eine chaotische WCCB-Lage. Juristisch, wirtschaftlich, offenbar auch strafrechtlich.

Und ganz am Anfang stand offenbar Thielbeer als Marionette Chungs, aber auch als entscheidende Schaltstelle in einem großen Plan. Ohne Chung hinter Thielbeer offenbar kein Champagner in New York. Perfekt war der Masterplan nur beinahe. Nun stört der Staatsanwalt.

Weitere Informationen zu Millionenfalle finden Sie im GA-Spezial.

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