Kunst!Rasen in Bonn: Bob Dylan begeisterte rund 5000 Fans | GA-Bonn

Kunst!Rasen in Bonn

Bob Dylan begeisterte rund 5000 Fans

BONN.  Irgendetwas geschieht hier, aber ich weiß nicht, was es ist“, singt Bob Dylan. Treffender kann man es nicht ausdrücken. Was war da los gestern Abend mit dem Alt-Barden? So gut gelaunt, so aufgeräumt hat man den 71-Jährigen schon lange nicht erlebt. 5000 Fans verlassen gestern Abend gegen 22 Uhr glücklich den Kunst!Rasen – nach einem fulminanten Konzert der Folk- und Rocklegende.

Eine lebende Legende: Bob Dylan. Dieses Foto stammt von einem Auftritt des Sängers im vergangenen Jahr in Tel Aviv. Auf dem Kunst!Rasen war Fotografieren verboten. Foto: dpa

Und er beschließt den Abend nicht ohne seine obligatorische Frage, die ihn schon seit fast 50 Jahren beschäftigt. Wie fühlt es sich an, heimatlos zu sein, wie ein rollender Stein? Bob Dylan sollte es längst wissen. Seit 1988 ist er rastlos unterwegs auf seiner „Never Ending Tour“. Gestern machte er Station auf dem Kunst!Rasen in Bonn.

Und wer erwartet hat, nur Grauköpfe im Publikum zu sehen, musste zwangsläufig enttäuscht sein. Erstaunlich viele junge Leute, und auch Prominenz. Wolfgang Niedecken, der Kölner BAP-Chef  ist mit Tochter da und hört andächtig zu, Stil-Ikone Bruce Darnell outet sich als Dylan-Fan, „schon immer, aber ich habe ihn noch nie live gesehen.“ Und es wird sogar getanzt, etwa bei „Summer Days“ oder dem Rock ‚n‘ Roll „Thunder On The Mountain“.

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Ein wenig Wehmut kam gestern Abend schon auf. Dieser Mann hat mit seinen Songs immerhin das Leben vieler hier auf dem Platz geprägt. Kam überhaupt einer an Dylan vorbei? In meiner Generation (Jahrgang 1958) hat wohl kaum jemand Gitarre gelernt, ohne die Akkorde zu „Blowing in the Wind“ zu greifen. Für meine Kinder war Dylan zunächst „der lustige Sänger“, weil sie sich über diese gepresste, leicht näselnde Stimme Dylans bei „And it’s all over now, Baby Blue“ geradezu kaputtlachen konnten.

Heute ist meine 15-jährige Tochter dabei. Lachen tut sie schon längst nicht mehr über ihn, spätestens seit sie englische Texte zu verstehen gelernt hat. „Hoffentlich singt er Hurricane und Love Sick“, flüstert sie, als Dylan die Bühne betritt und „Just Like Tom Thumb's Blues“ anstimmt und sich auf der Korg-Orgel begleitet. Warum diese beiden Songs? Weil Hurricane Dylans Stärke als Geschichtenerzähler, Love Sick seine poetische Kraft zeigt. „Ich sprach wie ein Kind/Du zerstörtest mich mit einem Lächeln/ während ich schlief.“

Dylan kommt ohne Hut, weiße Hose, schwarzes Sakko mit goldenen Paspeln.  „Er sieht aus wie ein englischer Gentleman“, haucht eine Frau ihrem Mann zu. Oder wie ein Kapitän.
Für die Einen ist Dylan Religion, für die anderen nur ein krächzender schräger Vogel. Für uns ist er wie ein alter Freund: Er bringt uns zum Lachen und zum Nachdenken, er hat uns schon geärgert und auch enttäuscht – aber er ist immer da.

Dass man ihn gestern manchmal kaum  versteht – geschenkt, dass er seine Stücke teilweise bis zur Unkenntlichkeit umarrangiert – großartig. „Like A Rolling Stone“ mit einem fernen Hauch von Reggae. Irre. Nach einer Stunde erst greift Dylan dann endlich zur Gitarre, und das Publikum applaudiert. Dylan präsentiert uns eine sehr zarte und anrührende Version von „Simple Twist Of Fate“. Wunderschön. Doch es sollte Dylans einzige Gitarren-Darbietung bleiben, er begnügt sich, am Flügel zu spielen oder die Mundharmonika zu blasen.  Aber was soll’s? er ist großartig und unglaublich gut gelaunt, er, der als Griesgram schon verschrien ist.

Dafür wird Dylan von einer erstklassigen Truppe begleitet: Stu Kimball und Charlie Sexton an den Gitarren, Donnie Herron ist mit Pedal Steel, der elektrischen Mandolin, dem Banjo sowie der Violine für den Countrytouch zuständig. Tony Garnier (Bass) und George Receli (Drums) stellen die Rhythmusgruppe.

Dass  er an einem Abend wie gestern „Tangled Up In Blue“ spielt, beglückt gestern sichtlich viele.  Es  ist wohl das schönste Beispiel für Dylans Songschreiberqualitäten in den 70er Jahren. Er selbst hat mal gesagt, dass der Text ein Code sei. Der Song entstand in der emotionalen Krise, in der er wegen der Trennung zu seiner Frau Sara stand. Es ist aufgebaut wie ein Gemälde, der Erzähler verzichtet völlig auf Zeit- und Raumordnungen.

Und „Highway 61 Revisited“ kommt erstaunlich leichtfüßig rüber, ja der Meister tänzelt sogar, er lächelt. Die Fangemeinde schwebt auf Wolke Sieben. Dass er weder Hurricane noch Love Sick gespielt hat – meine Tochter war nicht enttäuscht. Phyllis: „Live war seine Stimme so beeindruckend, noch viel besser als auf den CDs, was für ein cooler Typ.“ Zuletzt bleibt nur die Frage, was Bob Dylan zu solch guter Laune gebracht hat? War’s die schöne Aussicht auf den Rhein, die Pastell betupften Wolken in der Abendsonne? Die Antwort gibt er in der Zugabe: „The answer is blowin‘ in the wind.“

Setlist des Abends

  1. Just Like Tom Thumb's Blues
  2. Man In The Long Black Coat
  3. Things Have Changed
  4. Tangled Up In Blue
  5. Rollin' and Tumblin'
  6. Trying To Get To Heaven
  7. Summer Days
  8. Spirit On The Water
  9. High Water (For Charley Patton)
  10. A Hard Rain's A-Gonna Fall
  11. Highway 61 Revisited
  12. Simple Twist Of Fate
  13. Thunder On The Mountain
  14. Ballad Of A Thin Man
  15. Like A Rolling Stone
  16. All Along The Watchtower
  17. Blowin' In The Wind

Fotografierverbot

Der Amerikaner Bob Dylan gehört zu den wenigen Popstars, die das Fotografieren während eines Konzerts verbieten. Die skurril anmutenden Eigenheiten eines Künstlers sind das eine, das Interesse des Publikums das andere. Trotz der Einschränkungen berichten wir im Interesse der Leser des General-Anzeigers vom Auftritt Dylans in Bonn; der Artikel ist mit einem Archivfoto illustriert.

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