Versuchter Bombenanschlag in Bonn

Wer ist der Mann in dem Video?

KÖLN/BONN.  Nach dem versuchten Bombenanschlag am Bonner Hauptbahnhof haben die Kölner Ermittler die Videoaufzeichnung eines zweiten Verdächtigen veröffentlich und Details zum Inhalt der blauen Tasche bekanntgegeben, die am Montag am Bahnhof gefunden worden war und sprengfähiges Material enthalten hatte. Die Zutaten für die Bombe gibt es in ganz normalen Geschäften.
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Die Polizei sucht nach dem Mann aus dem Video einer Überwachungskamera.
											Foto: GA (Montage)

Die Polizei sucht nach dem Mann aus dem Video einer Überwachungskamera. Foto: GA (Montage)

Bonner Hauptbahnhof, Gleis 1, gegen 12.40 Uhr. Ein Mann betritt die McDonald's-Filiale in dem Backsteingebäude. Er geht vorbei an Besuchern, die an der Theke Essen bestellen, passiert einen Mann, der an einem Tisch sitzt und Pommes isst. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, er scheint einen Bart zu haben und trägt eine schwarze Mütze, einen Kapuzenpulli und eine helle Jacke.

In der Hand hält er eine blaue Tasche. Eine auf den ersten Blick banale Situation, die in Wahrheit von höchster Brisanz ist: In der Tasche des Mannes, der durch das Schnellrestaurant schlendert und wirkt, als würde er auf etwas oder jemanden warten, befindet sich ein hochgefährlicher Sprengsatz. Davon gehen die Ermittler aus.

Die Videosequenz, die am Montag zwischen 12.40 und 12.49 aufgenommen wurde und am Mittwoch auf der Pressekonferenz der Kölner Polizei gezeigt wird, stammt aus der Überwachungskamera des Schnellrestaurants. Sie ist für die Ermittler von "großer Bedeutung", wie Einsatzleiter Norbert Wagner sagte.

Sie zeigt den Mann, nach dem die Polizei nun - neben dem dunkelhäutigen Verdächtigen im Fall des "versuchten Bombenanschlags am Bonner Hauptbahnhof" - mit Hochdruck fahndet. Die Ermittler "sind sehr sicher", dass es sich um die Tasche handelt, in der später der Sprengsatz gefunden wurde. Dass die Farbe der Tasche auf dem Video und den Fotos unterschiedlich erscheint, sei auf die Technik zurückzuführen. "Es ist eine heiße Spur", so Wagner.

Terror in Bonn - Überwachungsvideo zeigt Verdächtigen

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Diese Videoaufnahme ist allerdings bisher auch die einzige vom Bahnhofsgelände. Denn auf Gleis 1 gibt es keine Kamera. "Es ist ein Dilemma. Wir haben keine Videoaufzeichnung vom Bonner Hauptbahnhof." Deshalb gingen die Ermittler in die umliegenden Geschäfte und Lokale, ließen sich deren Überwachungsbänder geben. "Wir haben zahlreiche Aufzeichnungen erhalten", sagte der Einsatzleiter. Die Ermittler werteten sie aus und und stießen auf die brisante Sequenz.

Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers und Wagner machten deutlich, dass der am Bonner Hauptbahnhof gefundene Sprengsatz "hochgefährlich" war. Wenn auch nicht vergleichbar mit der Bombe, die 2004 bei einem Anschlag in Madrid gezündet worden war. Damals waren fast 200 Menschen ums Leben gekommen. Die Sprengkraft der Bonner Bombe liege nach derzeitigen Einschätzungen bei "weniger als zehn Prozent" im Vergleich zu der Madrider. Dennoch hätte sie, wäre sie gezündet worden, "erheblichen Schaden an Menschen und Gegenständen" angerichtet.

Der Bonner Sprengsatz bestand aus Gegenständen, die man laut Wagner in normalen Geschäften kaufen kann. Es waren vier Kartuschen, jeweils mit 500 Millilitern Butangas gefüllt, ein 40 Zentimeter langes Metallrohr mit 80 Millimeter Durchmesser, in dem sich Ammoniumnitrat befand. Außerdem fanden die Ermittler Nägel und einen batteriebetriebenen Wecker, der zerstört wurde, als die Spezialisten der Bundespolizei die Bombe mit einem Wassergewehr entschärfte. Es war eine Sprengvorrichtung vorhanden - der Zünder aber wurde nach Angaben des Einsatzleiters noch immer nicht gefunden.

Das ist auch kein einfaches Unterfangen, die Suche gleicht der nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Gefunden haben die Ermittler im Gleisbett "eine unbeschädigte kleine Glühbirne". Ob sie an den Wecker montiert war oder eine andere Verwendung am Sprengsatz hatte, wird noch geklärt. Eins aber ist für die Ermittler bereits klar: Der "anspruchsvolle" Sprengsatz wurde von "Menschen gebaut, die sich damit auskennen. Das ist kein Dummer-Jungen-Streich", sagte Wagner.

Fotos der Polizei zum Bonner Bombenfund
Zwei Jugendlichen ist es zu verdanken, dass eine mögliche Katastrophe verhindert wurde. Die 13 und 14 Jahre alten Schüler saßen in Blickrichtung Gleise auf einer Bank vor McDonald's und warteten auf ihren Zug. Plötzlich schob ihnen ein dunkelhäutiger Mann die Tasche, in die er zuvor geblickt hatte, regelrecht vor die Füße, beschrieb Wagner die Szenerie. Dann ging der Mann weg - und ließ die Tasche stehen.

Die Schüler alarmierten die Polizei. Aufgrund von Zeugenaussagen wurde der Bonner Salafist Omar D. und sein Begleiter Abdifatah W., beide aus Somalia, am Dienstag in Gewahrsam genommen und nachts wieder auf freien Fuß gesetzt, "weil sich der Tatverdacht nicht erhärtete", so Wagner.

Was bleibt, ist das Phantombild des dunkelhäutigen Verdächtigen. Ob er einer der Bombenleger ist oder nur durch Zufall am Bahnhof war, ist unklar. Genauso unklar wie die Rolle, die der hellhäutige Mann auf dem Video spielt. "Er kommt als Tatbeteiligter in Betracht", sagte Wagner.

Um die beiden zu finden, setzt die Polizei auch auf Hinweise aus der Bevölkerung. Die Ermittler hoffen auf Zugreisende, die am Montagmittag Fotos oder Videos auf Gleis 1 gemacht haben. Einige Hinweise gingen schon ein. Im Zuge der Ermittlungen wurden nach Angaben von Wagner fünf Personen überprüft, unter anderem im niederländischen Venlo. Allerdings ohne Ergebnis.

Ob es sich um einen religiösen oder politischen Anschlag, um Einzeltäter oder eine Gruppe handelt - dazu konnte Wagner nichts sagen. Nur so viel: "Wir ermitteln in alle Richtungen. An Spekulationen, ob Bonn möglicherweise gar nicht das Ziel gewesen sei, wolle man sich nicht beteiligen.

Weitere Informationen zum Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof finden Sie im GA-Spezial.

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