Wochenende nach dem Bombenfund

Polizeipräsenz wirkt beruhigend in Bonner Innenstadt

BONN.  Mit einer großen Portion rheinischer Gelassenheit waren die Passanten am Wochenende in der Bonner Innenstadt unterwegs. Dass sich die Verunsicherung eine Woche nach dem Bombenfund in Grenzen hielt, lag auch an der Präsenz von Polizei- und Ordnungskräften..
Eine Polizeistreife und Beamte einer Einsatzhundertschaft (in Grün) sprechen auf dem Weihnachtsmarkt mit Bürgern.
							Foto: Axel Vogel
Eine Polizeistreife und Beamte einer Einsatzhundertschaft (in Grün) sprechen auf dem Weihnachtsmarkt mit Bürgern. Foto: Axel Vogel

Bombenfund hin, Bombenfund her, Charlotte interessierten die dramatischen Ereignisse auf dem Hauptbahnhof herzlich wenig. Dass die Bundesanwaltanwaltschaft nach islamistischen Terroristen als Verantwortlichen für die scharfe Bombe fahndet, war der zwei Jahre alten Beuelerin beim Spielen auf einem Klettergerüst am Kaiserplatz egal.

Allerdings nicht ihrem Vater Sebastian Behr, der am Samstagmittag ein Auge auf seine kletternde Tochter hatte. Er machte sich Gedanken: "Ich habe die Berichte über den Bombenfund verfolgt, und bin ein stückweit verunsichert", so der 32-Jährige.

Trotzdem will er sich nicht vom Besuch belebter Plätze wie der am Samstag überaus quirligen Innenstadt abhalten lassen. Behr meint: "So etwas wie am Hauptbahnhof kann auch auf dem Konrad-Adenauer-Platz in Beuel oder in der Kölner Altstadt passieren. Da hat man selber keinen Einfluss drauf."

Fühlen Sie sich unsicher?

Mit einer ähnlich Portion Gelassenheit waren andere Passanten zwischen Hauptbahnhof, Weihnachtsmarkt und Marktplatz unterwegs. Dass sich die Verunsicherung dort in Grenzen hielt, lag auch an vielen Polizei- und Ordnungskräften, die sich unter die Passanten mischten.

Bahnsteig 1 am Hauptbahnhof, Samstag gegen 13 Uhr: Dort, wo heute vor einer Woche der Fund der blauen Tasche einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst hatte, ging es ruhig, aber geschäftig zu. Auch für den Postboten Armin Stryczek, der an der Packstation einige Sendungen zuzustellen hatte.

Für ihn trotz des Bombenfundes etwa 20 Meter entfernt "ein ganz normales Geschäft". Angst sei nicht im Spiel. Ganz anders als wahrscheinlich bei einem Kollegen, der am Montag nur eine Stunde vor dem Taschenfund noch an der Packstation war: "Der hatte ganz schön Muffensausen", erzählte Stryczek.

Damit auch bei den Reisenden kein mulmiges Gefühl aufkam, liefen zwei Männer auf den Bahnsteigen Streife. "Deutsche Bahn Sicherheitsdienst" war in großen Lettern auf dem Rücken ihrer Dienstbekleidung zu lesen. "Ja, viele Leute sind froh, wenn sie uns sehen", sagte einer der beiden Bahnmitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden wollen.

Seit Anfang des Monats zeige man am Hauptbahnhof Flagge. "Aber natürlich verstärkt nach dem Fund der Bombe". Und das rund um die Uhr, zusammen mit den Kollegen der Wache der Bundespolizei.

Erschreckend ist für einen der Sicherheitsbeamten, dass offenbar viele Reisenden aus den Ereignissen nichts gelernt haben. Der Bahn-Mann wusste von einem Vorfall zu berichten, der sich nur einen Tag nach dem Bombenfund an fast gleicher Stelle zugetragen habe: "In der Mittelrheinbahn, die an Bahnsteig 1 stand, ist eine herrenlose Tasche gefunden worden. Meinen Sie, die Leute hätten den Sicherheitskräften und der Bundespolizei Platz gemacht?"

Stattdessen hätten sich Gaffer amüsiert um den Schauplatz gedrängt, so der Mann weiter, "um zu beobachten, was nun passiert".

Rasch habe sich laut Bahnmitarbeiter herausgestellt, dass es sich um eine harmlose Sporttasche gehandelt hat, die jemand im Zug vergessen hatte. Dass so etwas immer wieder passiert, hängt für ihn damit zusammen, "dass viele Reisende durch Ohrhörer völlig abgelenkt sind".

Wenige hundert Meter Luftlinie vom Bahnhof entfernt fühlten sich derweil drei Marinesoldaten im Herzen der Stadt sicher. Sie verkaufen mit weiteren Besatzungsmitgliedern des neuen Einsatzgruppenversorgers "Bonn", der zurzeit im Bau ist, an einem Stand Glühwein für den guten Zweck. "Schauen Sie sich doch mal um, hier geht ja sogar eine Einsatzhundertschaft Streife", sagte Kai Eiser.

Auch für Eisers Kameraden Timo Reckwerth wirkt "die starke Polizeipräsenz beruhigend". Dass der Bombenfund Bonn trifft, kommt für Eiser nicht überraschend: "Seit den Anschlägen vom 11. September in den USA muss man auf alles gefasst sein." Paul Kaden fügt hinzu: "Mich beunruhigt nicht, durch was der versuchte Anschlag motiviert war, sondern dass er überhaupt versucht wurde."

Trotz der bedrohlichen Situation ließen sich viele Bürger nicht einschüchtern, beschreibt ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Reaktionen der Leute. Gemeinsam mit einem Kollegen ging er am Sterntor über den Weihnachtsmarkt, um nach dem Rechten zu sehen. Dass sich Kundschaft von den Ereignissen hat abschrecken lassen, kann auch Heike Beckenhusen an ihrem Gemüsestand auf dem Marktplatz nicht erkennen: "Das war ein ganz normaler Geschäftstag für uns heute." Was aber für sie eine Lehre ist: "Ich achte jetzt noch mehr auf herumstehende Taschen."

Sensibilisiert zeigten sich viele Bürger: So blieben immer wieder Passanten vor dem Fahndungsplakat der Polizei-Anlaufstelle am Münster stehen. Auf dem Plakat bitten die Ermittler um Mithilfe bei der Suche nach einem Verdächtigen. Auch würden Beamte häufig "gezielt auf den Bombenfund angesprochen", sagte ein Polizist.

Darum würden sich die Ordnungshüter verstärkt an belebten Plätzen zeigen, am Konrad-Adenauer-Platz in Beuel ebenso wie in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das komme gut an, so der Beamte: "Da hat auch mancher Fahrer ein Strahlen in den Augen."

Weitere Informationen zum Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof finden Sie im GA-Spezial.

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