Drohungen von Islamisten

"Ihr werdet nicht mehr in Sicherheit leben"

BONN.  Eine Reihe islamistischer Gefährder und Hassprediger kommt aus Bonn oder versucht hier, Gefolgsleute für den heiligen Krieg zu rekrutieren. "Wir werden den Dschihad (den 'Heiligen Krieg', Anm. d. Red.) in eure Länder bringen", singt der Mann in einer seiner jüngsten Videobotschaften.
Islamisten im Mai dieses Jahres beim Gebet in Lannesdorf, kurz vor den Krawallen. Unter ihnen auch Denis Cuspert (2.v.l.).
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Islamisten im Mai dieses Jahres beim Gebet in Lannesdorf, kurz vor den Krawallen. Unter ihnen auch Denis Cuspert (2.v.l.). Foto: dpa

Mit "eure Länder" meint der 37-jährige Deutsche auch seine frühere Heimat, denn mittlerweile hält er sich in Ägypten auf, wohin er vor den deutschen Strafverfolgungsbehörden geflüchtet ist. Noch bis vor kurzem war der Berliner häufig in Bonn anzutreffen, unter anderem bei den islamistischen Krawallen in Lannesdorf am 5. Mai. Mit einem Megafon bewaffnet lief er durch die Menge und rief: "Solange die Pro-NRW-Leute keine Karikaturen zeigen, bleiben wir ruhig. Wenn die Karikaturen hochgehen, wissen wir alle, was wir machen - jeder für sich und alle zusammen."

Auf vier Namen kann der von den Sicherheitsbehörden als Gefährder eingestufte Prediger in seiner Biografie verweisen: als Denis Mamadou Cuspert in Berlin geboren, erlangte er eine begrenzte Berühmtheit als "Deso Dogg", ein Gangsta-Rapper, der seine Erfahrungen mit Drogen und Gewalt hatte. Bis er schließlich die Kehrtwende vollzog und einer der radikalsten Hassprediger Deutschlands wurde. Weil Abu Malik, wie sich Cuspert dann nannte, aus Sicht der Sicherheitsbehörden einen "erheblichen Radikalisierungsfaktor" darstellt und mit seiner Propaganda bei jugendlichen Muslimen den Wunsch zum Märtyrertod fördern könnte, erließ die Staatsanwaltschaft im Sommer Haftbefehl gegen Abu Talha Al-Almani, so sein aktueller Name.

Von seinem neuen Aufenthaltsort in Ägypten aus grüßte der Gotteskrieger per Video auch seine "Geschwister in Bonn", namentlich Abu Dujana, neben dem Kölner Hassprediger Ibrahim Abou-Nagie der führende Kopf der extremistischen Missionierungsbewegung "Die Wahre Religion" (DWR). Als solche haben sie mittlerweile auch viele Nichtmuslime in Deutschland kennengelernt, verteilten deren Hauptakteure und Sympathisanten in den vergangenen Monaten - auch in Bonn - den Koran. Auch bei den brutalen Ausschreitungen in Lannesdorf waren Vertreter der DWR dabei, wenn auch "nur" als Wortführer.

Abu Dujana, Jahrgang 1982 und in Bonn lebender Sohn eines arabischen Predigers, und seine DWR werden auf vielen dschihadistischen Seiten im weltweiten Netz verlinkt.

In Bonn gab Said E., wie er mit bürgerlichem Namen heißt, Islamseminare, Ende 2010 war eines in der Beueler Al-Muhsinin-Moschee geplant, das der Trägerverein jedoch auf öffentlichen Druck hin absagte. Die Beueler Moschee gilt seit Jahren als Treffpunkt von ultrakonservativen Salafisten. Es heißt, die militanten Islamisten Bekkay Harrach aus Tannenbusch, der 2010 in Pakistan ums Leben kam, und die Kessenicher Brüder Chouka, die Harrach ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet folgten, hätten sich dort radikalisiert.

Ein guter Bekannter in der Bonner Islamistenszene ist auch Pierre Vogel. Er und Abu Dujana sind nach Streitigkeiten mittlerweile wieder Weggefährten, wie Videos beweisen. Auch sie hatten sich zeitweilig im arabischen Ausland aufgehalten - zu theologischen Studien, wie es heißt.

Ausreisewellen gewaltbereiter oder gewaltbefürwortender Islamisten gab es immer wieder. Die beiden somalischstämmigen Männer aus Bonn, die nach dem Anschlagsversuch am Montag kurzzeitig in Gewahrsam genommen waren, wurden 2008 von der Polizei auf dem Köln-Bonner Flughafen festgenommen. Auch derzeit verzeichnen die Sicherheitsbehörden wieder eine Ausreisewelle militanter Islamisten.

"Gotteskrieger" wie Cuspert verstehen sich als die mutigsten Gefolgsleute ihres Propheten Mohammed, wie sie es zynisch in ihren Videos zum Ausdruck bringen. Sie stellen junge muslimische Männer mal subtil, mal offen brutal vor die Wahl: "Kämpft in Syrien, Somalia oder Mali gegen die Ungläubigen", fordert Cuspert auf. Oder: "Kämpft zu Hause." Dazwischen scheint es keine Alternative zu geben. Das Spendensammeln für den Heiligen Krieg jedenfalls ist Sache der Frauen und alten Männer, machen die Hassprediger klar.

Besonders perfide ist die generelle Ansprache an "die Muslime": "Was haben wir für die Religion gemacht?!", schreit der frühere Kopf der im Juni verbotenen Solinger Gruppierung "Millatu Ibrahim", Abu Usama Al-Gharib alias Mohamed Mahmoud, seine Adressaten im Netz an - und dann explodiert in dem Videofilm eine Bombe. Cuspert, der wie Vogel Osama bin Laden als Märtyrer verherrlicht, drohte nach seiner Flucht erst kürzlich den Deutschen: "Ihr werdet nicht mehr in Sicherheit leben." Seine Videos werden tausendfach angeklickt.

Wer legte die Bombe in Bonn? Mitglieder solcher Netzwerke? Oder doch ein fanatisierter Einzeltäter wie Arid U., der sich unter anderem mit Cusperts Drohvideos radikalisiert haben soll und 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss? Die Liste "potenzieller Gefährder" ist beängstigend lang: Allein für Bonn listete das Landeskriminalamt 2010 in einem internen Papier, das dem GA vorliegt, 175 Personen auf. Das LKA erstellte Rankings, das Leute wie Harrach und die Chouka-Brüder ganz oben ansiedelt. Ex-Polizeipräsident Albers relativierte später die Zahlen: Der harte Kern gewaltbereiter Islamisten in Bonn liege im unteren zweistelligen Bereich. Eine Aussage, die nach der Beinahe-Katastrophe vom Montag nicht mehr beruhigt.

Weitere Informationen zum Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof finden Sie im GA-Spezial.

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