Flüchtlinge in Bonn

Zwischen allen Stühlen

Zurzeit besucht Schüler Hasibullah Bakthiari Die Otto-Kühne-Schule in Bad Godesberg. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt, sodass er nicht in Deutschland bleiben kann.

Zurzeit besucht Schüler Hasibullah Bakthiari Die Otto-Kühne-Schule in Bad Godesberg. Sein Antrag auf Asyl wurde abgelehnt, sodass er nicht in Deutschland bleiben kann.

Bad Godesberg. In Bad Godesberg besuchen junge Afghanen die Vorbereitungsklasse des Päda. Doch nicht alle können bleiben.

Vor anderthalb Jahren kam Hasibullah Bakthiari nach Deutschland. Seine Reise führte den heute 16-Jährigen aus Afghanistan zu Fuß durch acht Länder. Momentan besucht er zusammen mit 21 Flüchtlingen die internationale Vorbereitungsklasse (IVK) der Otto-Kühne-Schule (Päda), die die Schüler auf den Regelunterricht und damit auf einen Schulabschluss vorbereiten soll. Doch seine Zukunft ist ungewiss: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat seinen Asylantrag abgelehnt. Auch die anderen afghanischen Flüchtlinge – zwei Mädchen und sieben Jungen – haben Angst, dass sie zurück müssen, seitdem die Bundesregierung verstärkte Abschiebungen ins Land am Hindukusch angekündigt hat. Klassenlehrerin Ursula Coester setzt alle Hebel in Bewegung, um eine Lösung zu finden.

Hasibullah stammt aus einem Dorf in der Nähe der Stadt Ghazni in der gleichnamigen Provinz im Südosten. Dort lebte er mit seinen Eltern, seinem Onkel, drei Schwestern und einem kleinen Bruder. „Landwirtschaft“ habe sein Vater betrieben, mit Kühen, Obstbäumen und Gemüseanbau für den Eigenbedarf. „Wir hatten keine Schule, die war sehr weit weg“, erzählt Hasibullah. „Ich habe nur in der Koranschule lesen gelernt“, erinnert er sich. Sein Vater schickte ihn und seinen Cousin Ramatullah auf die Reise. Sie sollten nicht ihr Leben lang im Kriegsgebiet auf dem Feld arbeiten müssen. „Ihr sollt in Sicherheit leben“, habe er gesagt. Mittlerweile ist der Vater gestorben, der Rest der Familie lebt noch in Ghazni. „Viel Krieg gibt es dort. Und Taliban“, berichtet Hasibullah. Cousin Ramatullah ist volljährig. Auch er erhielt einen Abschiebungsbescheid, gegen den er geklagt hat.

Untergebracht ist Hasibullah bei der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Maria im Walde, in der Gruppe Restart, die im Oktober 2015 für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gegründet wurde. Er hat eine Betreuerin vom Jugendamt, mit deren Hilfe er den Asylantrag stellte. Über ein halbes Jahr wartete er auf eine Anhörung, sechs Wochen danach der Bescheid: negativ. Der Brief ging an die Betreuerin, er selbst kennt den Grund der Ablehnung nicht. Noch am selben Tag schaltete sie einen Anwalt ein, der Widerspruch einlegte. Bis zu einem Jahr könne es jetzt bis zur nächsten Anhörung dauern, so Klassenlehrerin Coester. Bis dahin kann Hasibullah nicht abgeschoben werden.

„Jugendliche nach so langer Zeit in Deutschland abzuschieben, ist eine Katastrophe“, sagt die Lehrerin. Deutschland habe die Chance, einer jungen Generation aus Krisengebieten kritisches Denken, Demokratie und den Umgang mit Medien beizubringen. Man müsse die Schüler „unbedingt zu Ende lernen lassen“, damit sie Wissen mit nach Hause bringen könnten. So könne man ihnen und ihren Heimatländern eine Perspektive geben.

„Die Jugendhilfe hat anderthalb Jahre lang in die Bildung der jungen Leute investiert und jetzt sollen sie abgeschoben werden?“, wundert sich Coester. Ihre Schüler seien gut integriert. Hasibullah etwa lernt Mathematik im Regelunterricht der achten Klasse. „Er ist klug, das Gymnasium kann er schaffen“, betont sie. Am liebsten würde er Abitur machen und studieren. „Ingenieur oder Architekt“, sagt er. Aber damit er nicht zurück nach Afghanistan muss, strebt er den schnellsten Schulabschluss für Sommer 2018 an und bemüht sich danach um eine Ausbildung.

Die Stadt Bonn gebe zu Einzelfällen keine detaillierte Auskunft, so Sprecherin Monika Hörig. Sie könne nur mitteilen, dass „in diesem speziellen Fall aktuell keine Ausreisepflicht“ bestehe. Generell hieß es von der Stadt: „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden grundsätzlich nicht abgeschoben.“

Bevor sie eine Ausbildung beginnen können, müssen Flüchtlinge mindestens einen Hauptschulabschluss nach Klasse neun machen, erklärt die Lehrerin Ursula Coester. Um ein Konzept zu erarbeiten, „dass die Berufs- und Schulausbildung dieser jungen Leute sichert“, organisiert sie zusammen mit der Industrie- und Handelskammer, der Jugendhilfe und der Caritas einen runden Tisch. Ziel sei ein „Pool von Ausbildungsplätzen für junge Flüchtlinge“, „um ihren Aufenthalt zumindest vorübergehend zu sichern“.

Hasibullah und seinen Klassenkameraden ist wichtig zu sagen, dass sie keine Wirtschaftsflüchtlinge seien. Abdullah Alakozai (21) aus Kandahar war als Sekretär der National Uprising Party of Afghanistan mehrere Monate mit der Bundeswehr in seinem Heimatland unterwegs, wie er berichtet. Sein Fazit: „Es gibt dort keine Sicherheit.“ Weil die Taliban ihn bedrohten, wurde ihm Asyl gewährt. Ahmed Reznie (17) aus Wardak bezeichnet seine Region als „sehr gefährlich. Eine Talibanhochburg.“ Mouhammad Kafouri (17) lebte in Herat und versteht nicht, wie die Bundesregierung Kabul als sicher bezeichnen könnte. „Jede Woche explodiert da eine Bombe“, unterstreicht er. „In ganz Afghanistan ist Krieg. Wenn du morgens rausgehst, weißt du nicht, ob du abends nach Hause kommst.“ Einem weiteren Mitschüler hätten die Taliban „jeden Knochen im Körper gebrochen“, berichtet Ursula Coester später. Bis zu seiner Flucht verging danach ein halbes Jahr - für die Behörden sei dies der Grund gewesen, seinen Asylantrag abzulehnen.