Sankt Sebastian in Poppelsdorf

Zwischen Teufel und Engel

POPPELSDORF. Engel oder Teufel? "Das muss jeder selbst wissen", lacht Pfarrer Bernd Kemmerling und blickt nach oben. "Wir sind nicht immer Engel, wenn wir die Nähe zum Herrn suchen." Zum Glück bietet die Poppelsdorfer Kirche beide Möglichkeiten.

Denn während von der Säule auf der einen Seite des Portals ein Engel lächelt, blickt von der anderen ein grimmig dreinschauender Teufel auf die Gläubigen herunter. Die beiden Figuren gehören zu den vielen kleinen und großen Besonderheiten, die St. Sebastian in Poppelsdorf zu bieten hat.

"Ich bin sehr gerne in dieser Kirche", erzählt Pfarrer Kemmerling. "Durch die warme Atmosphäre, das Licht und die Weite spürt man sofort Gottes Herz." Deshalb fällt es ihm auch gar nicht so leicht, den größten Schatz zu präsentieren. Die Figur des heiligen Nikolaus aus dem 14. Jahrhundert? Die wuchtige Kreuzigungsgruppe? "Es gibt so viele Schätze hier", überlegt er und präsentiert schließlich das Wertvollste. "Das hier", sagt er und zeigt ein Stück einer antiken Amphore. "Die stammt aus der Sebastian-Katakombe in Rom. Dort, wo der Märtyrer und unser Namenspatron begraben war."

Betritt man St. Sebastian, dann fällt sofort das große Kreuz mit Jesus, Maria und Johannes direkt hinter dem Altar ins Auge. 1942 bekam die Gemeinde die meterhohe Szene von der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol. "Das war wohl so etwas wie Fügung", meint Pfarrer Kemmerling. Denn nur wenige Tage nach der Überführung der Skulptur nach Bonn wurde die Kölner Kirche vollkommen zerstört. Die in Pappelholz erstellte Arbeit ist eine Nachbildung der um 1230 entstandenen Triumphkreuzigungsgruppe der Stiftskirche in Wechselburg (Sachsen).

Eine Geschichte rankt sich auch um die Figur des Heiligen Nikolaus, der hinter Glas geschützt im linken Seitenschiff steht. "Die Kessenicher behaupten, die Poppelsdorfer hätten die Figur aus ihrer Kirche mitgenommen. Das stimmt aber nicht", beruhigt Pfarrer Kemmerling. Durch sein freundliches und gütiges Lächeln wird der Nikolaus seinem Ruf als Freund der Kinder gerecht. Die Holzfigur - wahrscheinlich aus dem Jahre 1375 - ist das kunsthistorisch wertvollste Stück in der Kirche. Sie wurde vom Deutschen Museum in Berlin begutachtet und gereinigt. Eindrucksvoll sind auch die zwölf Apostelköpfe, die von den Seitenwänden hinab auf die Gläubigen sehen.

Die Geschichte der Poppelsdorfer Gotteshäuser ist lang. Bereits 1687 stand eine Fachwerkkapelle mit Kirchhof an der Ecke Clemens-August-Straße/Sebastianstraße. An gleicher Stelle wurde dann 1812 eine Kapelle aus den Steinen der Martinskirche errichtet. 1845 erwarb die Gemeinde das kurfürstliche Wasserträgerhaus an der Clemens-August-Straße als Wohnort für einen eigenen Geistlichen. Die kleine Kapelle reichte jedoch für die stetig wachsende Gemeinde schon bald nicht mehr aus. Deshalb wurde 1888 der Grundstein für eine größere Kirche an der Kirschallee gelegt. Nach Entwürfen des Architekten Langenberg wurde das Gebäude schon allein aus Kostengründen in zwei Bauabschnitten errichtet. Langenberg konzipierte einen dreischiffigen Bau nach dem Vorbild einer Basilika. Für die Fassade verwendete er ziegelroten Verblendstein. Regierungsbaumeister Krings, der den zweiten Abschnitt ab 1908 leitete, vervollständigte den Bau durch eine Turmanlage, zwei seitliche Kapellen und einen Kapitelsaal. Der aufwendig verzierte Portalbereich mit Engel und Teufel über den Kapitellen geht auf seinen Entwurf zurück.

Lebendig wird die Poppelsdorfer Kirche aber erst durch das Gemeindeleben. "Die Arbeit mit den Kindern bereitet mir sehr viel Freude", erzählt der Pfarrer. Neben einer großen Schar von Messdienern und einem imposanten Kirchenchor freut er sich besonders über die vielen Familien, die die Kirche mit Leben füllen. Allein 42 Kommunionkinder bereiten sich derzeit auf ihren großen Tag vor. "Und wir hatten 105 Firmlinge", ist Kemmerling stolz. Damit sich jedes Kind in der Gemeinde willkommen fühlt, wachsen mittlerweile drei Taufbäume in St. Sebastian. "Jedes Kind, das hier getauft wird, bekommt ein eigenes Blatt mit seinem Namen und seinem Taufdatum." Wie sehr die Kinder ihren Pfarrer schätzen, zeigt noch eine andere Geste. "Die Kommunionkinder haben mir ein Freundschaftsband geflochten", erzählt er stolz und zeigt das dünne Armband. "Die Kommunionkinder, ihr Pfarrer und Gott sind darüber jetzt miteinander verbunden."

Kleine Kirchenchronik

Über Jahrzehnte veränderte die Poppelsdorfer Pfarrkirche ihr Gesicht. Hier ein zeitlicher Überblick:

1888-1890, Bau von Chor, Seitenschiff, Querhaus und Langhaus;

1908, Erweiterung des Langhauses, Fertigstellung des Turmes;

1914, farbige Innenausmalung;

1945-1946, Beseitigung der Kriegsschäden;

1975-1979, Instandsetzung und Restaurierung innen und außen,

2004-2005, Sanierung des Turmes; 2008-2009, Sanierung des Langhauses, Einbau einer neuen Beleuchtungs- sowie einer Mikrofonanlage.